Was wäre unsere Welt ohne Sport? Wo sonst können sich Jung und Alt, Arm und Reich, Männer und deren Dompteusen gegenseitig Beleidigungen und Fußtritte um die Ohren hauen, ohne den Auftritt eines Staatsanwalts befürchten zu müssen? Und so ganz nebenbei tut man dabei auch viel Gutes für Kondition und Gesundheit, vorausgesetzt man weiß den gegnerischen Attacken immer rechtzeitig auszuweichen.

Warum verfügt die MMO-Branche nicht über solcherlei Blitzableiter? Man stelle sich vor, wie weltbefriedend es wäre, wenn sich Fanbois nicht mehr in fremden Foren guerillamäßig in Halbwahrheiten und Vollbeschimpfungen gegenseitig ertränken müssten? Wie fair wäre es, wenn sie einen Ort der gesteuerten Auseinandersetzung hätten, bei denen etwaige Blutspritzer umgehend von fachkundigen Ordnungskräften entfernt werden? Wie schön wäre es, wenn sie bei samstäglichen Stadienbesuchen ihre Mannschaften anfeuern und im Falle einer Niederlage gleich direkt den Platz stürmen und den verantwortlichen CEO teeren und federn könnten?

Sie können sich das alles nicht vorstellen? Ich schon.
"Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie recht herzlich zum Halbfinale der diesjährigen MMO-Weltmeisterschaft. Da wir noch ein paar Minuten bis zum Spielbeginn haben, will ich diese Zeit nutzen und Ihnen etwas über die beiden Mannschaften erzählen. Zum einen wäre da 'Guild Wars 2', ein von NCSoft gesponsorter Spitzenverein der fernöstlichen Liga. Gegen diesen tritt an 'Mists of Pandaria', die jüngste Formation der WoWschen Werksmannschaft von Blizzard. Da Sie auf unserem Sender bereits im Rahmen der Vorberichtserstattung eine ausführliche Dokumentation über GW2 betrachten durften, will ich jetzt mein Augenmerk auf den Rekordmeister aus Amerika werfen.

Bereits im Vorfeld hatte der WoW-Trainer für reichlich Aufregung gesorgt, als er seinen Kader mit dem Zukauf von Pandabären verstärkte. Kritische Stimmen trauen diesen adipösen Neuzugängen eher eine erfolgreiche McDonald’s-Werbekampagne denn ein mehrere Monate andauerndes Play-off-Spiel in der MMO-Liga zu. Ob es wirklich besser ist, neben dem Ball nun auch noch Spieler rollen zu lassen, wird das heutige Match zeigen.

Der Trainer wagte aber noch mehr. Die Mannschaftsaufstellung wurde um die Position des bislang unbekannten Mönchs erweitert. Ähnlich dem seit langer Zeit eingemotteten Libero erhofft man sich von der neuen Klasse sowohl offensive als auch defensive Perfektion. Darüber hinaus soll dieser heilende Tank reichlich Feuer speien können. 'Wieso das?', fragen wir uns alle. Kniefall vor den Drachenfetischisten oder ein Chilihersteller als Sponsor?

Zudem unterzog der amtierende Western-World-Meister seine Fertigkeiten der inzwischen 45. Überarbeitung. Das Skillsystem aller Charaktere wurde in seiner Simplizität noch weiter verbessert. Jegliche Ausbildungsfehler sollen jetzt der Vergangenheit angehören und selbst für die Nachwuchsspieler aus der G-Jugend ist endlich ein Stammplatz in der Nationalmannschaft garantiert.

Auch im vereinseigenen Laden des Hairstylisten wurde Großes geleistet. Die Friseurräume der Charaktererstellung wurden komplett renoviert. Wenn auch die Köpfe selbst weiterhin die unveränderte Primitivität der Vergangenheit ausstrahlen, so lenken wenigstens die frisch lackierten Wände von den Gichthänden des altbackenen Friseurs ab. Doch darf man hier keine Wunder erwarten. Denn selbst wenn man heute Oliver Kahn die Falten wegfräsen würde, wären von ihm trotzdem keine Heldentaten mehr zu erwarten. Das wäre genauso peinlich und dreist, als würde ein Softwarehersteller versuchen, mit einer 8 bis 10 Jahre alten Graphic-Engine dumme Neukunden zu finden.

Sensationelles tat sich im Bereich des hauseigenen Regenerationsbereiches. So wurde das alte Spa abgerissen und durch eine Haustierpension ersetzt. Jetzt können sich die Spieler nach einem nervenaufreibenden Match endlich entspannt zurücklehnen und Hunderte von Haustieren gegen die Haustiere der Spieler der gegnerischen Mannschaft hetzen. Nirgendwo kann man besser Stress abbauen, als beim Zusehen wie sich Ronaldinhos Wüstenrennmaus in Lahms Nacktkatze verbeißt. Selbstverständlich steigen erfolgreiche Pets im Level auf und ein idiotensicheres Skillsystem gehört ebenfalls zur Serienausstattung. Das Gerücht hingegen, dass die Pets ihrerseits bald Pets haben werden, wurde von der Vereinsleitung bislang nicht bestätigt.

Wie Sie sehen, hat sich WoW bestens auf das anstehende Halbfinale vorbereitet. Doch wie steht es mit der Kondition beim Angstgegner Guild Wars 2? Haben diese das Debakel des katastrophalen Auftaktspiels psychisch verarbeiten können? Wir erinnern uns. Aufgrund mehrerer wegen Überlastung eingestürzter Zuschauertribünen war der Spielfluss anfänglich sehr erschwert gewesen. Sogar der Kartenverkauf musste stellenweise komplett eingestellt werden. Doch mittlerweile scheint es wieder aufwärtszugehen. Zumal durch die rücksichtslose Schließung des NCSoftschen Amateurbereichs "City of Heroes" zusätzliches Personal für die Profitliga abgezogen werden konnte.

Einzig die Guildwarschen Ultras bereiten der Vereinsführung noch reichlich Sorge. Ist gerade deren beleidigendes und gewaltbereites Verhalten in der Vergangenheit des Öfteren Anlass für so manche polizeidienstliche Überstunde gewesen. Ja, selbst ansonsten nicht gerade zimperlich zu nennende radikalislamische Organisationen nicken angesichts derart aggressiv auftretendem Fanboitums anerkennend mit dem Kopf. Man darf gespannt sein, wie die debile Fankurve reagieren wird, wenn bei einer zu deutlichen Führung von WoW die ersten GW2-Zuschauer noch vor dem Abpfiff das Stadion verlassen. Werden dann die Bengalos durch Magnums ersetzt und Friendly Fire zum Vereinsmotto erhoben?

Ich sehe gerade, dass sich der Schiedsrichter Herr Käufer auf dem Weg zum Anstoßpunkt begibt. Bald werden wir wissen, ob sich World of Warcraft oder Guild Wars 2 für das Endspiel am 13. November qualifizieren und dort auf den anderen bereits feststehenden Finalteilnehmer treffen wird. Denn bereits gestern hat der Überraschungsaufsteiger RIFT durch eine angekündigte Verdreifachung der Spielfläche den Geldhai Herr der Ringe deutlich in seine Schranken verwiesen. Und es würde mich nicht wundern, wenn...

Doch da ist der Anpfiff. Meine sehr verehrten Zuschauer, das Spiel läuft und die Spieler ebenfalls. Nur für wen und wohin muss sich jetzt zeigen."