Richtig schlimm wird es, wenn die vor einem liegenden Warteschlangenvorfälle an den Nerven des Konsumenten-pflegepersonals zerren und ein Übermaß an Geduld einfordern. Wer in direkter Nachfolge eines solchen Nerventesters sein Anliegen vortragen muss, der sollte dem menschlichen Schalterinventar größtmögliche Höflichkeit zuteil werden lassen.
Stellen Sie sich vor, unmittelbar vor Ihnen musste der Postangestellte einer demenzverstärkten und daher verständnisminimalen Urgroßmutter mühsam erklären, dass es unmöglich ist, auf einer Postfiliale die einzelnen Positionen einer Telefonabrechnung erklärt zu bekommen, weil die Trennung von Bundespost und Fernmeldedienst ähnlich lange zurückliegt wie der Oma letzter Biss mit eigenem Zahnmaterial. Wenn Sie jetzt an die Reihe kommen, dann rate ich Ihnen dringend vor bestimmten Redewendungen ab, wie zum Beispiel: „Hoffentlich werden die Pakete schneller transportiert, als Sie arbeiten, sonst kann der Zusteller die Adresse vor lauter Spinnweben nicht mehr lesen.“ Es sei denn, Sie haben ihre Warensendung so gut verpackt, dass ihr ein zufällig mehrmals darüber hinwegrollender Gabelstapler nichts anhaben kann.
Und jetzt portieren Sie den eben genannten Fall auf den Bereich der Onlinespiele. Man denke sich einen Game Master, bei dem kurz zuvor die verärgerte Anfrage bezüglich der „defekten Funktionstasten“ ganz leicht durch den erstmaligen Konsum des Handbuches als moderne Mauskomplettsteuerung hätte geklärt werden können. In welche Richtung dürfte wohl seine weitere Stimmungslage tendieren, wenn dieser nun Ihrer sehr vagen Fehlerbeschreibung „in diesem Scheißspiel funktioniert überhaupt nichts“ ansichtig wird?
Oder man stelle sich einen GM vor, der nach aufwendiger Sichtung von ellenlangen Protokolldateien feststellen musste, dass das „verlorene Uberitem“ nur Einbildung eines dreisten Möchtegernbetrügers war und er sich gleich im Anschluss von Ihnen fragen lassen muss, ob er angesichts des gigantischen Betrags von 15 Euro Abonnementgebühr die Wartezeit aufbauenden Toilettengänge nicht zukünftig auf den Urlaub verschieben könne?
Damit kommen wir zum Moralauswurf meiner heutigen branchenübergreifenden Geschichte. Wann immer ich mich in eine Warteschlange gepfropft und den Hass auf die unmittelbare Umwelt aufbauen sehe, versuche ich stets, mir eines bewusst zu halten. Die Leute da hinter dem Schalter, am Ende der Leitung oder der Gegenstelle meiner Tastatur, mit denen ich gleich kommunizieren werde, sind auch nur Menschen. Sie müssen das ausbaden, was Ihnen Ihre Vorgesetzten, eine Firma und deren Produkte eingebrockt haben.
Und zu allem Überfluss auch noch das, was wir Warteschlangler ihnen so tagtäglich alles zusätzlich zumuten.
Ach ja. Ich hatte übrigens heute früh einen Orangensaft. Orangensaft unterteile ich immer in zwei Kategorien. Allerdings nicht, wie der Laie vielleicht vermuten würde, in a) 100 Prozent Fruchtgehalt und in b) Farbstoff mit reichlich Frischwasserentsorgung. Nein, meine Kaufkriterien sind viel mehr das Öffnen einer a) Glasflasche oder eines b) Getränkekartons mit anschließend garantiertem Hemdwechselbedarf. Soll ich Ihnen dazu nächste Woche mehr erzählen?
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