Olniggs Glosse – Kolumne

Ausgabe 4: Onlinesucht

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23. September 2008 12:00 Uhr

Die Onlinesucht! Es gibt derzeit nur wenige Wörter in unserem Sprachgebrauch, denen noch öfter eine gezielte Fehlinformation folgt. Mir fielen da nur noch Redewendungen ein, wie „Nach meiner Wahl werde ich“ und „Kernkraftwerke sind“.

So bin ich mir durchaus bewusst, mich mit einer Glosse zum Thema Sucht auf ein gefährlich dünnes Eis zu begeben, zumal diese Krankheit nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Angehörigen und Freunde gleichermaßen quälen kann. Deshalb möchte ich vorab ausdrücklich erwähnen, dass Verharmlosung nicht das Ziel meines Weges ist. Allerdings will ich auch nicht gleich scharf rechts in den Trampelpfad der Panikmache abbiegen. Lasst mich einfach einen ganz neuen Weg beschreiten.

Im Sommer 2013 stellte sich die Nachrichtenlage der großen Tageszeitungen aufgrund der üblichen Temperaturrekorde ähnlich ausgetrocknet dar. Da sich die großen Militärnationen der Welt seit Monaten standhaft weigerten, irgendeine mindere Nation mit einem bestrafenden Kurzkrieg zu überziehen und die Politiker sich längst auf weit entlegenen Inseln dem umfassenden Ausgeben ihrer zusätzlichen Aufsichtsratsgehälter widmeten, schien mangels Schlagzeilennachschub der Auflagenabsturz unabwendbar zu sein.

Bis eines Tages dem Chefredakteur einer großen überregionalen Boulevardzeitung der Artikel eines lokalen Anzeigenblattes in die Hände fiel und zu fesseln wusste. Das war umso erstaunlicher, als dass dieses Provinzblatt ansonsten mehr zur Altpapier- denn Nachrichtenquelle taugte. Doch in einem auf Seite 7 platzierten Beitrag, gleich unter den Dienstleistungsangeboten offenherziger und ebenso beiniger Hostessen, berichtete ein Halbredakteur über den Leidensweg seiner der Tanorexie verfallenen Ehefrau. Tanorexie? Der Chefredakteur stutzte. Anorexie, die Magersucht, kannte er. Aber Tanorexie?

Nun versetzte den Chefredakteur einer großen Tageszeitung die fehlende Kenntnis einer Wortbedeutung nicht gerade in Angst und Schrecken, zumal er schon längst solch simple Wörter wie „Recherche“ und „Gewissen“ völlig bewusst aus seinem Erinnerungsschatz gestrichen hatte. Aber wollte er nicht an einen Druckfehler oder den bereits in die Morgenstunden vorverlegten Biergartenbesuch des Halbredakteurs glauben, dann sollte das Wort doch bei Wikipedia zu finden sein…

Am nächsten Tag titelte die große Tageszeitung: „Bräunungssucht rafft Kleinstadt dahin!“ und untertiteligerweise wurde weiter ausgeführt, wie „…angesehene Bürger auf ihrem Weg zur perfekten Körperbräune die Kontrolle über ihr Tun verlieren...“ und Gefahr laufen würden „…von den Todesschwingen eines drohenden Hautkrebses umschlossen bereits im Leben die Hölle zu finden!“

Was den Tag danach folgte, war die ganze Bandbreite an Reaktionen. Sich plötzlich aus dem Urlaub meldende Politiker erklärten schon immer davor gewarnt zu haben und versprachen, sich gleich unmittelbar nach Aufnahme des politischen Alltags mit dem Problem zu beschäftigen. Der Verband deutscher Sonnenölhersteller protestierte auf das Schärfste gegen das dargebotene und den Tatsachen völlig widersprechende Horrorszenario. Und an bayrischen Stammtischen wurden sogleich die ersten Forderungen laut, die Sonne umgehend abzuschaffen.

Leider hatten die anderen Print- und Medienmitbewerber nur allzu sehnlichst auf eine solch erfrischende Schockschlagzeile gewartet, um diese jetzt links liegen zu lassen. In der darauf folgenden Woche gab es bundesweit keine Gegend, in der nicht ein Tanorexieopfer ausgemacht worden war. Da wurde von deswegen bereits verstorbenen Großeltern erzählt, die man angeblich zu Lebzeiten tagtäglich aus der Sonnenbank herauszerren musste. Eine nach Mallorca ausgewanderte und von Sonnenbrand befallene Familie verklagte die Fluggesellschaft auf Zahlung von Schmerzensgeld, weil diese nicht ausreichend vor den möglichen Gefahren äquatorialer Breitengrade gewarnt hatte.

Kommentare 27
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miesmacher08.10.2008 07:57
sorry, zum thema berichterstattung der medien o.ä. mag der artikel passen, aber bzgl online-sucht finde ich im artikel nichts.
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KillasKillas06.10.2008 16:51
bin leider erst heute zu gekommen. gutes thema. klasse umgesetzt. danke
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Tanorexiker29.09.2008 23:14
jo nett gemacht :)
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bleicher28.09.2008 16:35
schön ;) dass ist in der tat besser - wie man es erwartet. nehmen wir einfach an - die 2 davor waren akklimatisierungsversuche ;)
olnigg rules(z)
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AlexspeedAlexspeed27.09.2008 19:56
Bisher die beste Ausgabe =)
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GenGin26.09.2008 12:01
Der gute, alte Olnigg ist wieder zurück.

WB
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Baba25.09.2008 22:37
Sehr schön geschrieben, wunderbarer Humor, schöne Pointe am Schluss.
Und - wie schon oft erwähnt - wunderbar ehrlich und auf andere Bereiche gut übertragbar.
Der "andere Weg", den Sie einschlagen wollten, ist ein sehr guter Weg, voll von verständlicher und akzeptabler Kritik.
Hut ab
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TBaTBa25.09.2008 15:35
"Sind wir Menschen ein paniksaugender Mob [...]"

Wenn man sich Auflagenzahlen und Einschaltquoten der Boulevard-Medien anschaut, kann die Antwort nur JA lauten. ;)
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TobiEx25.09.2008 10:08
Wirklich gut geschrieben. Deine herangehensweise and das ganze Thema ist vorbildlich und stimmt mich nachdenklich.
Sind wir Menschen ein paniksaugender Mob suchen wir stets den Fehler wo anders und verteufeln alles auf diesem Wege?
Hut ab Olnigg...
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HarlequinHarlequin24.09.2008 01:44
Gefiel mir gut. Wenn wenn die glosse weiterhin besser wird sind alle wieder glücklich :)
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grimmigrimmi24.09.2008 00:13
Nett. Besser als die vorherigen beiden Texte, aber mehr als nett wirklich nicht. Zu seicht, zu alltäglich.
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Supermissy23.09.2008 23:26
Das Böse an der Sache ist, dass es leider wahr ist.

Gruß Missy
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kenias23.09.2008 19:19
ganz cool die ersten zeilen gefallen mir am besten
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Lenos23.09.2008 18:29
Das Traurige daran ist, dass es stimmt. Oder stimmen wird. Ansonsten gute Ausgabe :)

MfG
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ZachridZachrid23.09.2008 16:20
Sehr schöner Artikel.
Gefällt mir sehr, vor allem wegen der Übertragbarkeit auf andere Themen und unserer Gesellschaft als solche. Denn das erschreckende (und positive) ist, dass man den Text sehr leicht 'Killerspiele' und andere Themen hätte umschreiben können - und dennoch wäre die Gesellschaftskritik 100% angekommen.
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blacksun8423.09.2008 16:08
Klasse, einfach nur klasse. Überspitzt, aber so ist es nunmal.
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o023.09.2008 16:03
"Diese Ausgabe hat wieder den alten Flair - sie trieft nicht vor einer enttäuschten eigenen Meinung sondern vor dem, als was sie gedacht ist - Satire."

Du kapierst es nicht, genau wie viele andere hier.
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AnubisAnubis23.09.2008 15:57
Ohhh jaaaa, sehr schön geschrieben.
Stellt alles so schön überspitzt dar, andererseits ist eines meiner bescheidenen Meinung nach traurig. Viele könnten sich diese Art der Berichterstattung sicherlich in den nächsten paar Jahren gut vorstellen. (Oder ist der Fall bereits eingetreten?)

...Bild 2.0
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Bibliothekar23.09.2008 15:23
Gefällt mir sehr gut, vielen Dank. :)
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Bibliothekar23.09.2008 15:09
Gefällt mir sehr gut, vielen Dank. :)
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Fyo23.09.2008 14:54
Diese Ausgabe hat wieder den alten Flair - sie trieft nicht vor einer enttäuschten eigenen Meinung sondern vor dem, als was sie gedacht ist - Satire.
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Sau23.09.2008 14:26
gut.
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Ferra23.09.2008 13:23
Deutlich besser als die beiden vorherigen (wer fand die überhaupt gut außer Gamona Mitarbeiter und ein paar Randoms ;) ), aber irgendwie will bei mir der Funke nicht überspringen. War trotzdem einen Versuch wert
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mimi23.09.2008 13:11
Liebenswerte Pointe am Schluss, sanfter Seitenhieb auf die teilweise unfaire Berichterstattung in den Printmedien. Trotzdem gibt es das Problem, aber leider setzen sich die Online-Medien nicht so richtig, bzw. nicht objektiv, damit auseinander, um ihre Besucher nicht zu verärgern. Also ein zweischneidiges Schwert.
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JPS23.09.2008 13:05
OLNIGG IST WIEDER DA
Nach 2 nicht ganz so genialen Ausgaben endlich wieder die gewohnt überspitzt satierische Beschreibung der Realität
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