Um unsere Gesundheit auf dem Maximum zu halten, sind Menschen zu einigen Opfern bereit. Da gibt es den Extremjogger, der einen gesunden Kreislauf höher als seine Kniegelenke bewertet. Den Körndlfetischisten, der die Vorzüge Bio gegüllter Produkte dank EHEC noch spannender findet. Und den Vorsorgejunkie, der für die regelmäßige Darmausleuchtung auch gerne mal dem multiresistenten Krankenhauskeim etwas Gelegenheit zur Entfaltung gewährt.

Wen wundert es da, wenn sich selbst die Computerspiele dem Trend zur ambivalenten Wohltat nicht entziehen können. Ist doch inzwischen gerade ihre Zwiespältigkeit bis zur Perfektion weiterentwickelt worden. In einem Moment werden noch Augen und Seele umschmeichelt, und nur einen Lidschlag später legen sie die Saat der Wahnsinnswerdung in des Spielers Hirn. Zwei würdige Vertreter dieser Gattung sind zweifelsohne die Spiele Kingdoms of Amalur und TERA.

KoA lässt schon im Ansatz erkennen, dass der Konsum nicht ausschließlich auf Harmonie angelegt ist. Einerseits winkt einem eine Grafik im Comicstil entgegen und andererseits warnt eine Altersfreigabe ab 18. Wie das? Drei prominente Schwergewichte der Unterhaltung haben bei der Entwicklung mitgewirkt und trotzdem knausert EA beim Werbeetat, der im direkten Vergleich zu SWTOR anmutet wie das Schwarze Brett in der Mensa zur Bandenwerbung im Fußballstadion. Wo ist der Haken?

Als erstes Geistesgrab erweist sich der Grund für die Altersfreigabe. Hier sind einzig die im Bullet-Time-Effekt gehaltenen Schicksalsangriffe der Auslöser für den staatlichen verordneten Türsteher. Jedes Mal, wenn der Held den Todesstoß in Zeitlupe ausführt, sehen sich die Beteiligten einer wahren Blutdusche ausgesetzt. Wobei das Blut, welches in Dragon Age noch als realistisches Stilmittel gefiel, hier aufgrund des Comic-Stils unsäglich deplatziert wirkt. Ähnlich einer bei einer Beerdigung getragenen Badehose.

Olniggs Glosse - Gehirnbruch

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Die Ringe sind ausgegangen.
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Kingdoms of Amalur gibt den Verstand endgültig zum Abschuss frei, sobald man dem Schwierigkeitsgrad begegnet. Selbst auf höchster Schwierigkeitsstufe beginnt sich der unterforderte Spieler zu fragen, ob man dem Käufer anstatt eines Mindestalters von 18 Jahren nicht besser das Vorhandensein von Kiemen hätte abverlangen sollen.

Wo Skyrim bei der Einstellung „Meister“ wortwörtlich seinen selbigen sucht, gibt KoA in seiner härtesten Stufe selbst Föten eine Chance zum Erfolgserlebnis. Und um den Endkampf wenigstens einigermaßen dem eigenen Können anzupassen, muss man keine Save-Funktion, sondern einen Monitorabsturz herbeisehnen.

Wer glaubt, dass ein derartiges paradoxes Spielkonzept eine Ausnahme ist, der hat noch nichts von TERA gesehen. Das Online-Spiel TERA ist eigentlich eine kleine Perle. Betrachtet man es im Rahmen seiner südkoreanischen Grinder-Wurzeln und ist man bereit, die Befriedigung der Unterhaltungslust nicht durch Story und Anspruch sondern Optikpracht und Klickorgie zu erlangen, dann gäbe es derzeit kaum bessere Alternativen für dieserart zielorientierte und überraschungsresistente Beschäftigung. Vor allem da es hierzulande Stellenausschreibungen für eine Tätigkeit in einem Steinbruch nur noch sehr selten gibt.

Teracentimeter

Hervorragende Animationen, bildgewaltiges Weltendesign und nicht zuletzt eine handwerklich perfekt ausgeführte Software gestalten den Ersteindruck so tadellos, als wäre bei einem vereinbarten Blind Date tatsächlich Heidi Klum auf Partnersuche erschienen. Wie leicht könnte man bei diesem Anblick seinem Gegenüber so manchen Denkaussetzer verzeihen. Wie schön wäre es, Logik und Verstand bei der Arbeit zu lassen und sich in der Freizeit der Schönheit und ewig währenden Leichtigkeit hinzugeben? Bis Heidi plötzlich in ihren BH greift, zwei Orangen zum Vorschein bringt und verschmitzt die Frage stellt: „Was hältst du eigentlich von Transvestiten?“

Entsprechend gewaltig ist der Schock, sobald man in TERA zum ersten Mal die Waffe zieht. Ohnehin schon überdimensionierte Waffen wachsen wie von Zauberhand um 30 oder mehr Prozent ihrer Größe an. Was eben noch harmonisch und märchenhaft wirkte, wird Sekunden später unästhetisch und albern. Mit einem Tastendruck von Fantasy zum Phallus. Unversehens wechselt die Zielgruppe von normal auf psychisch krank.

Wo andernorts in abgedunkelten Arbeitszimmern die Vatis heimlich die Wörter „willige Schulmädchen“ in die Suchmaschine eingeben müssen, genügt es in TERA schon, einen weiblichen Charakter zu erstellen. Diese hinterlassen beim Anblick ihrer Bekleidung den Eindruck, dass selbst Textilien einer Hungersnot anheimfallen können. Rüstungen dienen nicht der Deckung, sondern der Offenbarung.

Olniggs Glosse - Gehirnbruch

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Wenn eine Frau mit Stöckelschuhen Monster tötet, geht sie dann mit Kampfstiefeln in die Oper?
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Und die Antwort auf die Frage, ob die Redewendungen „Deckung geben“ und „decken lassen“ demselben Wortstamm angehören, wird ebenfalls gegeben. Wer schon immer einmal Alice Schwarzer einen vorzeitigen Schlaganfall bescheren wollte, der nutze die Gelegenheit und schenke ihr ein Life-Time-Abo.

Zusammenfassend festigt sich bei mir der Eindruck, in der Spielebranche ist die größte Gefahr für den Umsatz nicht mehr bei der Konkurrenz, sondern bei den Entwicklern und Testern im eigenen Hause zu suchen. Wenn kerngesunde Spielkonzepte durch banale Fehlentscheidungen torpediert werden, dann war's das mit dem Welterfolg.

Wer will schon den Schwierigkeitsgrad anpassen, indem er sich beim Spielen die rechte Hand auf den Rücken bindet? Und wird es wirklich noch andere Länder auf der Erde geben, die der südkoreanischen Lebenseinstellung folgen werden, indem sie Online-Spiel und Onanie miteinander verbinden? Nur eine einzige Prise Salz zu viel und schon war's das mit den Sternen.