Es gibt immer weniger Orte auf dieser Welt, bei denen ich mich an Gräueltaten erfreuen kann. Der Kosovo wurde mir versaut, seit dort der Internationale Gerichtshof die Kriegsverbrechen bestraft. Darfur war mal geil, aber da verdirbt mir die UNAMID zunehmend den Spaß. Und das derzeit einzig unterhaltsame an der schwächelnden al-Qaida ist das Blut der zerfetzten Führungsköpfe. Doch auf einen Ort der Brutalität kann man sich Gott sei Dank immer noch verlassen - die E3. Sie ist und bleibt der Fels in der Brandung.

Nachdem ich Moral und Gewissen an der Garderobe abgeben durfte, umfängt mich wie alljährlich dieser herrliche Soundteppich aus Stimmengewirr, Schüssen und Sterbensgeschrei. Endlich wieder das kompromisslose Eintauchen in die Welt der Soldaten und Söldner, in der ich strafbefreit meine Mitmenschen zu dem verarbeiten kann, was mir mangels unflexibler Gesetzgebung im echten Leben verwehrt bleibt. Doch will ich hier nicht tagträumen, sondern berichten, was es an Neuheiten in Sachen Breizubereitung menschlicher Körper gibt.

Die auffälligste Neuerung dieses Jahr war die Einigung fast aller Shooter-Entwickler auf eine gemeinsame ISO-Norm. Endlich sehen deren Produkte vollkommen gleich aus und man muss nicht mehr umständlich herausfinden, welches Spiel die Kopfschüsse realistischer darstellt. Egal ob Battlefield, Halo, Black-, Spec- oder Not-OPs, und wie sie alle heißen. Sie alle sind inzwischen in Gameplay und Inhalt wunderbar kompatibel und austauschbar. Nach 15 Stunden Spielzeit heißt es nicht mehr ein Jahr auf eine Fortsetzung warten, sondern man kann gleich danach mit einem Konkurrenzprodukt fortfahren, ohne sich groß umgewöhnen oder für Handbücher gar lesen lernen zu müssen.

Überall dort, wo neuerdings ISO 7,62 draufsteht, können wir Gamer zukünftig sicher sein, dass sowohl unsere Erwartungen als auch reichlich Gegner getroffen werden. Denn dann geht es immer um tiefbraunhäutige Islamistenschweine, die den Blick auf die Brüste ihrer Weiber ganz fies durch Kopftücher verdecken wollen. Schädelzerlegungen in Zeitlupe, Luftschläge mit abgetrenntem Gliederflug und Hinrichtung statt Handlung sind hier garantiert. Einzig beim Abknallen ziviler Opfer schwächelt die neue Norm. Aber das ist wohl Geschmackssache. Nicht jeder mag Unschuldige töten, weil das viel zu schnell geht und deshalb nur etwas für kleine Kinder ist.

Leider gab es auf der E3 auch ein paar unrühmliche Ausnahmen. So weiß ich zum Beispiel noch nicht, was ich von "Beyond: Two Souls" halten soll. Da wurde meiner Meinung nach in dem Demovideo viel zu viel gelabert und da ist im Bereich Kugelflug noch so viel Luft nach oben, wie bei einem Stealth Fighter vor dem Start. Allerdings sah die Graphic Engine schon vielversprechend aus und mich würde brennend interessieren, wie diese eine zerplatzende Arterie in Zoom und Slow Motion rüberbringt. Das könnte für so manch überflüssiges Mienenspiel im Spiel entschädigen.

In "Watch Dogs" wird das Killen durch Hacken und Driven aufgelockert. Wer so alt ist und im Spiel Pausen benötigt, um sein Mittagsschläfchen zu halten, der darf gerne zugreifen. Auch die Pädophilen wurden als neue Zielgruppe ausgemacht. In "The Last of Us" bekommt man als Pet ein kleines Mädchen zugeteilt, das an der Grenze zum Brustwachstum steht. Eigentlich eine geniale Idee - das mit der Gewalt und dem Kind. Leichter kann man es den Ermittlungsbehörden nicht mehr machen. Einfach die Registrierungsliste der Käufer an die zuständigen Bundespolizeidienststellen weiterleiten, und schon hat die Welt ein paar Kinderschänder weniger.

Auf der E3 gab es aber auch viel zu lachen. Sim City hat sich nach neun Jahren vergeblicher Wegsuche gleich zweimal auf die Ballermesse verlaufen. Microsofts SmartGlass will alle IT-Geräte miteinander vernetzen. Jetzt muss man nur noch bei den menschlichen Genen ein wenig nachbessern, damit wir künftig 16 Hände, 8 Augen und 2 Gehirne haben, um das alles gleichzeitig zu bedienen. Sony jedoch hat das alles getoppt. Mit der Erfindung des WonderBooks wollen die weiterhin nicht gegen die Konkurrenz antreten, sondern ausschließlich gegen die eigenen Aktienbesitzer kämpfen. Recht haben sie. Wozu schwarze Zahlen schreiben, wo Rot eine viel geilere Farbe ist.

Beinahe hätte ich meinen persönlichen Überraschungshit der E3 zu erwähnen vergessen. Lucas Arts ist bei der Lizenzvergabe am Ende noch vernünftig geworden und schickt sein Standarduniversum ab sofort auf den rentablen Shooter-Strich. Star Wars 1313 heißt der 1313. Versuch mit dieser Oldie-Marke Geld zu scheffeln. Doch dieses Mal werden die Lichtschwerter endlich in die Deckenbeleuchtung zurückgelegt und die gute alte Wumme erwacht als Mittel der Leichenproduktion zum Leben. Wenn bis zum Release noch das veraltete Zukunftsszenario aus dem Spiel genommen und die Handlung in den Jemen verlegt wird, dann wird das garantiert ein Kassenknaller.

Ihr seht, die Amis haben auch auf der diesjährigen E3 wieder alles dafür getan, um ihren guten Ruf als fantasielose Weltcowboys zu manifestieren. Ich rate daher allen deutschen Gastwirten, Beschwerden von US-Touristen ernst zu nehmen. Es sei denn, sie wollen riskieren, dass ihr Dorfgasthof von einem Air Strike Kommando in Schutt und Asche gelegt wird.

Apropos Touristen. Da ich mich wie jedes Jahr um diese Zeit kreativ ausgebrannt fühle, werde ich ab heute wie gewohnt meine überlang erscheinende Sommerpause einlegen und bei einem ausgiebigen Spa-Aufenthalt in Syrien wieder neue Energie und Ideen tanken.

Man liest sich wieder im August und bis dahin ein herzliches Shoot 'em all.

Olnigg