Wer über ein gutes Gedächtnis verfügt und nicht alle zwei Tage staatlichen Ordnungshütern in leicht verwirrtem Zustand zu Hause ausgeliefert werden muss, der erinnert sich an Glosse 90. Diese gestand der an Informationsallergie leidenden Rift-Homepage sieben Minuten des ersten Kennenlernens zu. Da Rift nächste Woche für Vorbesteller geboren wird, ist es allerhöchste Zeit, die getätigten Vorverurteilungen unter die Erde zu bringen. Nach 700 Minuten Beta-Spielzeit bin ich nun in der Lage, vollkommen neue Vorurteile aufstellen zu können.

Wo immer man Bewertungen oder Kommentare zu Rift liest, wird spätestens im dritten Satz die Behauptung des Ideendiebstahls aufgestellt. Rift habe dies oder das aus diesem oder jenem Byte-Produkt geklaut. Doch stimmt das wirklich? Und machen das nicht alle so? Bedient sich nicht die komplette Computerspielbranche seit Jahrzehnten bei dem Avatar-gegen-Monster-Konzept aus Pacman? Ist die Grundidee von Ultima Online, nämlich die Auseinandersetzung mit dunklen Mächten mithilfe einer Datenleitung, nicht simpelst der Kontaktaufnahme mit der Telekom-Hotline abgeschaut worden? Und wer so naiv ist und glaubt, die Jagd auf immer neue Items in Diablo wäre frei erfunden, der hat noch nie eine Frau beim Einkaufsbummel begleitet.

Olniggs Glosse - Ausgabe 99: 700 Minuten

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Tiger sind nicht farbecht und daher von der Farbwäsche getrennt zu reinigen.
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Um zukünftig alle weiteren Missverständnisse bereits im Keim zu ersticken, soll hier verraten werden, bei wem die Firma Trion Worlds tatsächlich die Kreativität ausgelagert hat.

1. Das User-Interface wurde von LEGO-Bausteinen gemopst

Wer Rifts Bedieneroberfläche ernsthaft mit der von World of Warcraft in Verbindung bringen will, der dürfte auch Gemeinsamkeiten bei einer Nacktschnecke und einem Formal-1-Boliden entdecken, wo doch beide der Fortbewegung fähig sind. In Rift vermag man jedes Bildschirmelement in Positionierung und Skalierung vollkommen frei zu gestalten, und das ohne Zuhilfenahme einer der Fanbase aufgebürdeten Add-on-Zusatzarbeit. Solcherart komfortable Gestaltungsfreiheit kann man einzig aus der Erinnerung an kindliche Baukastenzeiten entwendet haben, aber niemals aus einer Blizzard’schen Betonoberfläche.

2. Die Grafik hat Berufspolitiker zur Vorlage.

Die Spielgrafik orientiert sich keineswegs an Warhammer oder Allods Online. Da sie es viel mehr Menschen recht machen will, bedient sie sich aus einem Sammelsurium verschiedenster Grafikstile. Selbst die Gegenstände variieren je nach Fraktionszugehörigkeit. Steht die Gruppe der „Wächter“ noch für optische Gesundheit, kann beim Item-Design der „Skeptiker“-Seite von einem Gestalt gewordenen Alien-Albtraum gesprochen werden.

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Schlecht getarnte Sponsorengelder.
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Selbst während der Grafikentwicklung erwies sich Trion Worlds flexibel wie Politiker vor der Bundestagswahl. Wurden in den ersten Beta-Tests noch reichlich Blutspritzer zur Trefferveranschaulichung verwendet, so wollte man im weiteren Verlauf den Absatzmarkt nicht zu übersichtlich gestalten. Eine Erweiterung des Kaufwahlvolks über alle Altersgruppen verspricht eine wesentlich solidere Absicherung von Arbeitsplätzen und Abgabeeinnahmen.

Der erste MMO-Farbkopierer

3. Rift hat den Herzinfarkt nachgemacht

Der Spieler wird von der ersten Sekunde an in eine Welt versetzt, die aus einem brisanten Gemisch von hektischem Kriegsgeschehen und unberechenbaren Katastrophen besteht. Selbst in den Anfängergebieten ist sekündlich mit dem Erscheinen von NPC-Invasionskräften zu rechnen, die eine temporäre Totalvernichtung wichtiger Quest-Geber mit sich führen können. Ruhiges Durchatmen ist einzig in den Hauptstädten und besinnliche Erforschungsreisen bestenfalls auf tiefem Meeresgrund möglich. Wer schon immer einmal wissen wollte, was ein Herz empfindet, wenn es von dem Vorhofflimmern einer Herzrhythmusstörung heimgesucht wird, der bestelle vor. Ob solcherart Spielmechanik als langfristiger Dauerzustand erstrebenswert ist, der warte auf eine Trial oder frage seinen Arzt oder Apotheker.

4. Der Betatest wurde der Homöopathie entlehnt

Ein Betatest, der selbst kurz vor Release in sehr überschaubaren Intervallen abläuft, gibt reichlich Anlass zum skeptischen Nachdenken. Hat man etwa die Unfertigkeit der höheren Level von Age of Conan gestohlen? Will man das durch immer dieselben Zonen langweilige Hochleveln der Zweitchars möglichst lange geheimhalten? Oder wartet der Support händeringend auf eine Großlieferung Ohropax, um das Wehklagen der durch einen einfachen Okay-Klick zu löschenden Charaktere besser überstehen zu können? Was auch immer die Unternehmensleitung dazu gebracht haben mag, die Beta in solch homöopathischen Dosen ablaufen zu lassen, so ist dies hoffentlich nicht als Indiz für den Umfang der wöchentlichen Server-Downtimes nach dem Release zu verstehen.

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Modedesign by Hulk.
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5. Das PvP hat beim Ku-Klux-Klan gespickt

Ein zentraler Bestandteil sind die Auseinandersetzungen zwischen den Fraktionen. Leider wurde ausgerechnet hier viel zu wenig kopiert. Das RvRvR-Konzept von Dark Age of Camelot mit seinen Massenschlachten hätte wunderbar mit der bestehenden Zerg-Abwehrstrategie der Rift-Invasionen harmoniert. Ausgewogenen Scharmützeln im Arena- und Battleground-Stil steht leider eine sehr eingeschränkte Charakteroptik im Weg. So haben auf „Skeptiker“-Seite die männlichen Frisuren gerade mal die Auswahl zwischen hässlich, Mobbingziel und Verbrennungsopfer. Als Hautfarben stehen Schwarz, Grau und Lila zur Verfügung. Alles in allem die besten Voraussetzungen für eine sehr unausgeglichene Spielerverteilung, welche die Minderheitenunterdrückung zum Spielprinzip erhebt.

Rift vor dem Release einschätzen zu wollen, ist unmöglich. Vom Kult bis zum überhypten Rohrkrepierer ist alles denkbar. Eines jedoch ist sicher: Rift hat sich bei allen möglichen Spielkonzepten bedient und diese jeweils verfeinert. Das Seelensystem ist der WoW-Skillbaum mal 3 mal 8. Das Craften ist simpel wie ein Lutscher und trotzdem sind die Items dabei durch Erweiterungen und Einfärben umfassend zu individualisieren. Die Public-Quests aus Warhammer wurden übernommen und um die Spielbarkeit vom Solospieler bis zur mehrfachen Raid-Gruppe erweitert. In Rift ist absolut nichts neu und einzigartig, sondern Gutes wurde übernommen und verbessert. Paradoxerweise macht gerade dieser Umstand Rift zu einem neuen und einzigartigen Spiel.