Nicht erst seit Wikileaks weiß die Menschheit um die Bedeutsamkeit anonymer Informanten. Und selbst wenn die vorgebliche Brisanz der dargebotenen Inhalte am Ende das bestehende Meinungsbild gerade mal müde bestätigen kann, dann sorgen zumindest die parallel dargebotenen sexuellen Beigaben der Handlungsträger für reichlich boulevardesken Unterhaltungswert.

Mein Name tut nichts zur Sache. Bis vor kurzem habe ich für ein deutsches Spielemagazin gearbeitet, das ich der Einfachheit halber mit SM abkürze. Bei SM war ich als Volontär tätig und direkt der Chefredaktion unterstellt. Heute will ich schildern, welches Verbrechen ich dort zwischen Kaffeeholen und dargebotener Fußmassage aufdecken konnte.

Eigentlich begann alles am 12. Oktober letzten Jahres. An diesem Tag veröffentlichte ein entlassener Mitarbeiter der Firma Electronic Arts in seinem Blog vertrauliche Informationen über das Projekt Warhammer im Speziellen und das Unternehmen im Allgemeinen. Dieser Blogger, der sich selbst „EA Louse“ nannte, sprach in ein paar Nebensätzen auch das gerade entstehende „Star Wars: The Old Republic“ an.

Er behauptete, dass EA schon 300 Millionen Dollar investiert hätte und der Lukas (Anm. d. Olg.: nicht der Lokomotiv-, sondern der Raumschiffführer) schon ganz panisch sei, weil nichts fertig ist. Es gebe zwar genug Tonmaterial, um alle Kinder der Welt für die nächsten 10.000 Jahre mit Gutenachtgeschichten zu versorgen, aber ansonsten wäre das Spiel so unbrauchbar wie die Oberfläche des Wüstenplaneten Tatooine.

Olniggs Glosse - Ausgabe 98: Die SM-Laus

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Beweisstück Nummer 1 der weltweiten Anklage.
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Meine Chefin war an jenem Tag wie elektrisiert und hieß mich augenblicklich, mit dem Palmwedeln innezuhalten. Sie murmelte etwas von „Das käme ihr gerade recht.“ Gerade als sie zum Telefon greifen wollte, nahm ich all meinen Mut zusammen und fragte sie, wie sie so sicher sein könne, dass das alles stimme. Könnte ein unmittelbar Entlassener nicht dazu neigen, die Situation drastischer und selbstgefälliger zu schildern, als sie eigentlich wäre? Besonders wenn er sich mit zunehmendem Textumfang immer mehr in Rage schreibe? Die Antwort meiner Vorgesetzten bestand darin, mich des Raumes zu verweisen und den Rest des Tages bei den Drogerien der Stadt das Preisniveau von Damenbinden recherchieren zu lassen.

Die Tage darauf waren die Redaktionsräume mit einem hektischen Treiben gefüllt, wie ich es in meiner 20-jährigen Volontärszeit bei SM noch nicht erlebt hatte. Ausgenommen vielleicht damals, als die Redakteure aufgrund des Erfolges der ersten WoW-Sonderausgabe angewiesen wurden, sich fortan dem Käuferwunsch anzupassen. Seinerzeit wurde in nächtelanger Arbeit die Software des Redaktionssystems so umgestellt, dass man nur noch Substantive mit maximal zehn Buchstaben verwenden konnte. Zudem wurden Artikel, die Sätze mit mehr als 20 Wörtern beinhalteten, direkt an den Papierkorb weitergeleitet.

Von dieser Zeit an wurde EA Louse hausintern zum Enthüllungsgott erhoben. Man war überglücklich, dass die bislang dröge Virtualwelt endlich über ein reales Watergate verfügte. Ungeachtet des Wahrheitsgehaltes fanden die paar Zeilen mit Anschuldigungen zu TOR Einzug in unsere Redakteursköpfe und Redaktionsbibliotheken. Seltsamerweise blieben hierbei alle anderen und viel umfangreicheren Behauptungen zu Warhammer völlig unbeachtet. Angeblich weil dessen Abozahlen und interessierte Leserschaft an dem Daumen einer Hand abzuzählen waren.

Aus die Laus

Als ich nach dieser anstrengenden Woche wieder zu Hause war und ich mich abends gemütlich unter meinen Pappkarton kuschelte, beschloss ich, selbst einen Blick auf den Blog und vor allem auf die abgegebenen Kommentare zu werfen. Interessanterweise antwortete hier die entlassene Laus auf so manche Nachfrage. Bei Seite drei stutze ich. Gestand doch da EA Louse ganz freimütig, dass er von TOR überhaupt keinerlei Informationen besäße, außer dass es scheitern würde.

Er verkaufte also seine bloße Einschätzung der Zukunft als gegebene Realität, ohne den geringsten Beweis für seine Aussage zu besitzen! Wie das? Tatsachenbehauptung ohne Beleg? Wem glaubt man denn so etwas? In diesem Moment durchfuhr mich die wahre Identität von EA Louse wie ein Blitz. EA Louse war in Wirklichkeit niemand anderes als der Krake Paul.

Aber was für eine Rolle spielte meine Chefin dabei? Die Antwort sollte ich schon sehr bald erfahren. Es war einer dieser Abende, an dem kurz vor Redaktionsschluss harte Arbeit angesagt war, als ich zufällig ein Telefongespräch von ihr mithören konnte. Während ich den Boden weiterschrubbte, schob ich meinen Putzeimer immer näher an ihre offene Bürotür heran. „Weiterhin kein Artikel ohne Seitenhieb, versprochen“, das waren die ersten Wortfetzen, die ich vernahm. Dann plötzlich: „… muss euch bei Activison mal wieder besuchen“. Ich hatte genug gehört, und begleitet von einem „Ja, Karibik wäre angenehm. Aber dieses Mal bitte für drei Personen“ entfernte ich mich wieder.

Eines Tages wurde mir all diese Verlogenheit zu viel. Mitte Januar erschien ein weiterer Hetzartikel zu TOR, in dem das angebliche Riesenbudget Einsteiger und Fazit des Artikels war. Das alles, obwohl EA gegenüber Aktionären und Investoren immer wieder betonte, bereits mit 500.000 Abonnenten kostendeckend arbeiten zu können, was bei der kolportierten Unsumme von 300 Millionen niemals möglich gewesen wäre. Doch welche Rechenkünste wollte man von einem Spielemagazin schon groß erwarten, wenn die Märzausgabe bereits im Januar veröffentlicht wird? Unsere Unternehmensleitung war ja schon froh, wenn sie alltäglich im Fahrstuhl die richtige Stockwerkzahl entschlüsseln konnte.

SMs Pamphlet gipfelte in der Aussage, die ersten sieben Level von TOR würden Einheits-Quest-Brei und dumpfbackene Gegner bieten. Was in der MMO-Branche seit Menschengedenken eine Selbstverständlichkeit ist, wurde hier plötzlich zum Untergangsgrund hochstilisiert. Kein Developer der Welt käme auf die Idee, in den untersten Leveln beim ersten Kennenlernen der Spielmechanik die Kunden mit knackigen Bosskämpfen und epischen Quest-Reihen zu verschrecken. Aber bei TOR sollte das plötzlich eine Tragödie darstellen. Meine Vorgesetzten mussten ihre Kundschaft für so einfältig und folgsam wie ein Brauereipferd halten.

Obwohl mein Volontärsgehalt mir keine großen Sprünge erlaubte, lud ich eine alte Freundin zum Essen ein, um mich endlich jemandem anzuvertrauen. Als ich ihr im Laufe des Abends bei den Mülltonnen hinter dem Aldi alle Geschehnisse erzählte und mit meiner Vermutung über den Kraken Paul schloss, wurde sie schlagartig bleich.

„Um Gottes Willen, das ist ja Wahnsinn“, stammelte sie. Ich war ein wenig amüsiert, weil sie das Ganze meiner Meinung nach viel zu tragisch nahm. Entsprechend ironisch fiel meine Antwort aus. Aber sie ließ sich in ihrem Schrecken nicht beirren. „Weißt du es denn noch nicht?“, erwiderte sie. Ich verneinte und wollte wissen, was sie meinte. „Es steht doch in allen Zeitungen. Fernsehen und Internet sind voll davon. Der Kraken Paul ist tot!“ Mir brach der Schweiß aus. Sie hatten den Einzigen, der alles aufdecken könnte, zum Schweigen gebracht!