Die verwinkelten Gänge des Tutorials liegen hinter mir und der erste kleine Endkampf steht bevor. Plötzlich taucht Superman auf und verspricht: „Zusammen werden wir das schaffen“. Meine Kinnlade klappt herunter, wie es ein Nussknacker nicht besser könnte. Wenn Superman, dessen Level ich auf über 1000 eingeschätzt hätte, für dieses Scharmützel schon mit mir Newbie groupen muss, dann dürften die Grundstückspreise in Metropolis bald die von Sumpfgebieten unterschreiten.

DC Universe Online heißt der neueste Internetzeitvertreib von Sony Online Entertainment. Der Inhalt ist schnell erzählt. Wie einst das prall gefüllte Arzneimittelschränkchen namens Schwarzenegger in Terminator 1 bis unendlich reisen jetzt auch die Superhelden zurück in die Vergangenheit, um das Übel der Zukunft an der Wurzel zu packen. Hierfür werden Horden von Menschen wie du und ich in Supermänner und Superweiber verwandelt, in der Hoffnung, den Invasionsarmeen eines Tages den Atem und das Schmieröl ausgehen zu lassen.

Olniggs Glosse - Ausgabe 97: Superwahn

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Das schwarze Schaf unter den Zebrastreifen.
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Vorbei die Zeiten, als Superhelden hinter Scheinidentitäten verborgen und einsamen Wölfen gleich das Böse bekämpften. Heute ist die allgemeine Supermobilmachung angesagt. Aber spielt sich das, was sich von der Story her wie ein Landserroman auf Drogen anhört, auch so? Ehe ein paar Absätze tiefer die Antwort gegeben wird, vorab die guten Nachrichten.

DCUO ist technisch gesehen ein Stück ordentliche Handwerkskunst. Nicht fehlerlos, aber SOEs Vergangenheit der Emergency-Patch-Orgien vergessen machend. Doch nicht nur die Stellenausschreibungen für die Programmierer scheinen heutzutage erfolgreicher formuliert zu werden, auch die Grafikabteilung weiß ihr Gehalt zu rechtfertigen. Die Städte sehen in ihrem Comic-Realismus-Mix sehr passend und stimmungsvoll aus. Die Physik-Engine kann ihre Existenz bestens beweisen, die Animationen und das Ambiente sind perfekt getroffen und selbst Haare können als solche identifiziert werden. Einzig warum Autos durchflogen werden dürfen, bleibt ein Rätsel. Das schreit geradezu nach Toyotas nächster Rückrufaktion.

Die ersten Perfektionskompromisse beginnen beim User-Interface. Dem gleichzeitigen Release von PC und Playstation geschuldet, wird die Spartanität zur Selbstverständlichkeit. Doch was den Elder Scrolls schadet, ist für DCUO noch lange kein Kryptonit. Man darf eben einfach vom Kampfsystem nicht mehr Abwechslung erwarten, als ein Gamepad Tasten aufweist. Um dies auszugleichen, wurden die Kämpfe sehr actionbetont gestaltet, und als weiterer Schwierigkeitsgrad visiert die Tabulator-Taste nicht wie gewohnt den nächststehenden, sondern den garantiert unpassendsten Gegner an. Wer will schon eine zweite Aktionsleiste, wenn man stattdessen ungewollte Adds geboten bekommt? Warum man allerdings bisweilen explizit dazu aufgefordert wird, eine Taste länger zu drücken, um die jeweilige Funktion auszulösen, vermögen einzig die Pfuschgötter zu beantworten.

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Die Bürgersteigautobahn.
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Die Spielmechanik ist sehr umfassend. Die steigerbaren Movement-Skills wie Fliegen, Laufen oder Springen vermitteln ein stimmungsvolles Superheldengefühl. Dem Erringen der obligatorischen Erfolge wird ein Sinn gegeben, indem sich diese direkt auf die Fertigkeiten des Charakters auswirken. Die Bossmobs sind selbst im Low-Level-Bereich und Solospiel sehr anspruchsvoll und der Sound ist, ausgenommen der nervigen Kommentarsprüche von Aktionen und NPCs, durchaus erträglicher als Presslufthammergeräusche. Damit Spieler aber trotzdem nicht allzu lange bei DCUO verweilen und durch ein Weiterreisen zum nächsten Online-Spiel für Neueinsteiger Platz auf den Server machen, wurde der Levelaufstieg extrem zügig gestaltet und der maximale Level mit 30 sehr niedrig angesetzt.

Cashman

Alles in allem wäre DCUO ein gelungenes Superheldenspiel, wenn da nicht die Superhelden an sich wären. Wer davon träumt, im Spiel eine Wohnung zu besitzen, in der er sich nach dem Lesen einer Zeitungsschlagzeile oder dem Hören einer Katastrophenmeldung in seinen Latexzwirn zwängt, um nach einem Sprung aus dem Fenster die Welt vor dem Bösen zu retten, der möge weiterträumen. In dem DC-Universum ist der Anblick eines Normalbürgers die eigentliche Sensation geworden und die Superhelden, wie übrigens auch die spielbaren Superschurken, sind so zahlreich, dass sie sogar über ein zentrales Gewerkschaftsgebäude verfügen.

Als Quest-gebende Einsatzleiter fungieren niemand Geringere als Superman, Batman und wie sie alle heißen. Einem Dispatcher im Müllwesen gleich, dirigieren sie ihre fliegende Luftrettung zu den Einsatzorten, wo der jeweilige Gegner brav auf seine Entsorgung wartet. Dies wirkt so lächerlich banal, dass man in Gedanken den Abteilungsleiter Superman frühmorgens darüber fluchen hört, weil sich die Grüne Laterne schon wieder kurzfristig krankgemeldet hat. Und wenn er in der Mittagspause seinen Brotzeitkoffer öffnet, dann findet er dort bestimmt frustriert einen Apfel vor, weil das Supergirl zu Hause der Meinung ist, dass beim Herrn Gemahl seit Antritt seiner sitzenden Tätigkeit durch den Erzfeind Superburger schon viel zu viel Bauchschaden angerichtet worden ist.

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Ganz schön hart, die Weiche.
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Würde auf diesem Produkt nicht DC Universe draufstehen und würden manche NPCs nicht bekannte Namen und Farbkleckse tragen, dann könnte dieses Spiel auch als das überarbeitete PlanetSide oder das überfällige Agency durchgehen. Doch die Themenverfehlung beginnt hier erst. Denn die Superhelden von heute haben mit Altruismus und Nächstenliebe so viel gemeinsam wie eine morsche Astgabel mit einer Tischdekoration.

Die Itemflut hat in Gotham City Einzug gehalten. In unzähligen Slots kann sich der Held permanent mit neuen Waffen und Rüstungen verbessern. Was bei Batman und Lex Luthor noch gerade so Sinn ergeben mag, wird bei Faustkämpfern in Form von immer besseren Schlagringen zur Farce. Man stelle sich Superwoman im Juweliergeschäft vor, die ihren Ringschmuck nicht nach Karat, sondern nach dem Kinnzerschmetterungsgrad auswählt. Um zumindest ein paar Promille Kundschaft vom Marktführer weglocken zu können, ward der Grind-Kompromiss geboren. Wer Joker das Grinsen vergehen lassen will, der hat seine Attribute nicht durch Anwendung, sondern gefälligst über Items zu steigern.

Richtig bizarr wird es, wenn es ans Looten geht. Nach dem Kampfende wird die Beute wie in Lego Universe automatisch mit einem unsichtbaren Staubsauger eingeholt. Ist die Vorstellung schon unglaubwürdig genug, dass ein Superman nach der Rettung des Vorortzuges vor der Erdbebenspalte von den Passagieren neue Schuhe in die Hand gedrückt bekommt, so hört beim erbeuteten Geld der Spaß gänzlich auf.

Zugegeben, dem altbackenen Outfit von Robin täte der Zukauf von reichlich Markenware sicherlich gut, aber muss man dazu gleich selbst kriminell werden und den Dieben in die Tasche greifen? Und hat die steigende Staatsverschuldung gar ihren Ursprung darin, dass Bruce „Batman“ Wayne sein ohnehin gigantisches Privatvermögen neuerdings durch bezahlte Quest-Erfüllung ins Unermessliche steigert? Da hat ja der ehrenamtlich tätige Vorsitzende eines Schrebergartenvereins noch mehr Selbstachtung im Leib als diese geldgeilen Superschröpfer von Metropolis.

Das Fazit ist so kurz wie einfach. DC Universe Online ist keinesfalls das Rollenspiel zum Comic, sondern ein kurzweiliger Shooter mit grafischen Ähnlichkeiten. Wer gerne Städte von oben sieht und Gamepads an die Belastungsgrenze bringt, der schlage zu. Alle anderen, denen das Geld zu schade ist, mögen noch ein halbes Jahr warten, bis Sony das Spiel auf F2P umstellen muss.