Während viele Menschen ihren Weihnachtsurlaub genüsslich mit Skifahren verbringen und sich des Abends in geselliger Runde gegenseitig die Gipsverbände mit netten Widmungen versehen, war der meine Jahreswechsel gänzlich geprägt durch einen Überlebenskampf der besonderen Art.

11. Dezember 2010: Ich habe „Herr der Ringe Online“ zu meinem diesjährigen Weihnachtsspiel auserkoren. Erstens ist mein letzter Besuch verdammt lang her, zweitens versprechen zwischenzeitliche Add-ons zahlreiche unbekannte Gefilde, und ganz bestimmt nicht letztens ist es neuerdings kostenlos. Was will man mehr?

12. Dezember 2010: Ich blicke da nicht durch. Bei HdRO gibt es drei verschiedene Abo-Modelle. Eines ist kostenlos, das andere verlangt wie früher eine Monatsmiete und bei dem dazwischen muss man einmal irgendetwas kaufen, um dann für das Spielen nichts bezahlen zu müssen. Entsprechend werden die Anzahl der Taschen, der maximale Goldmünzenbestand und der Spielspaß gestaffelt. In meiner Top-Ten der Gehirntumorverursacher rutschen das deutsche Steuerrecht und die allgemeine Knotenkunde auf Rang zwei und drei zurück.

13. Dezember 2010: Um Geld zu sparen, beschließe ich, das Spiel wie früher zu abonnieren. Dreizehn Euro im Monat bringen mich nicht an den Bettelstab, und dafür ist der gesamte Content enthalten. Dieser bruchstückhafte Zukauf von Spielinhalten wäre in der Summe teurer. An mir werden die bestimmt nicht reich.

17. Dezember 2010: Ein Besuch im Item-Shop offenbart, dass nicht alles im Abo enthalten ist. Man könnte zum Beispiel bereits in den unteren Leveln ein Pferd kaufen. Zehn Euro ist eigentlich nicht viel, und hat damals bei WoW dieses Flug-Mount aus Glas nicht satte 25 Dollar gekostet? So gesehen würde ich bei HdRO 15 Euro sparen. Das wäre, wie einen ganzen Monat lang umsonst zu spielen. Diesen Gewinn muss ich auf jeden Fall mitnehmen.

20. Dezember 2010: Habe ein fantastisches Rüstungsteil erbeutet. Allerdings ist es in einer Farbe lackiert, mit der man andernorts Fluchtwege markiert. Ich beschließe, es einzufärben, und entdecke, dass auf einem neuen Server Farbeimer und Auktionshaus so unvereinbar wie Sahnetorte und Hungersnot sind. Und im Shop? Ausgerechnet Modefarben wie Schwarz oder Rot sind am teuersten. Andererseits ist ein Euro für ein einzelnes Rüstungsteil immer noch wesentlich billiger als die Änderungsschneiderei bei mir um die Ecke.

21. Dezember 2010: Eben habe ich etwas Nettes im Shop gefunden. Man kann die Attribute des Charakters bis zu dreimal um jeweils zehn Punkte erhöhen. Es besteht zwar auch die Möglichkeit, dies im Spiel durch 17 Jahre Dungeon-Grind zu erreichen, aber hier gäbe es das sofort. Was würde mich das denn kosten? Eine Erhöhung um zehn Punkte beläuft sich auf fünf Euro oder so. Das Ganze mal drei Stufen und mal fünf Attribute sind… wo ist denn der Taschenrechner? Ach, was, so viel wird das schon nicht sein.

24. Dezember 2010: Passend zur Festtagsstimmung ist meine Rüstung jetzt komplett blutrot eingefärbt.

27. Dezember 2010: Ich bin in den Minen von Moria angekommen. Das sind die unterirdischen Zwergenminen, in denen der Zauberer Gandalf im Kampf mit einem Diablo-Boss-Mob in die Tiefe gestürzt ist. In den Minen kann man übrigens keine Pferde nutzen. Als Reittiere sind da nur Ziegen erlaubt. Bekommen kann man die entweder für nur noch zehn Euro im Shop oder im Spiel irgendwo dort unten, wo Gandalf aufgeschlagen ist.

Gipskopf statt Gipsbein

29. Dezember 2010: Die Sensation! Die Preise für die Attributserhöhungen wurden um 50 Prozent gesenkt. Der Betrag, mit dem ich vor Weihnachten noch die Schweiz aufkaufen konnte, hat sich jetzt auf ein halbes Vermögen reduziert. Wie gut, dass Turbine zeitgleich die vierte und fünfte Stufe der Attributserhöhungen freigeschaltet hat. So kann ich an der Preissenkung trotzdem teilhaben und ein zweistelliges Schnäppchen machen.

01. Januar 2011: Ein neues Fortbewegungsmittel ist auf dem Pferdemarkt erhältlich. Bei diesem wurde der Geschwindigkeitszuwachs zur normalen Laufgeschwindigkeit von 162% auf gigantische 168% erhöht. Doch leider habe ich mir für das neue Jahr vorgenommen, endlich zu sparen. Armes Pferd, du musst aus meinem Stall draußen bleiben.

02. Januar 2011: Soeben habe ich mir mit meinem neuen Pferd ein Wettrennen gegen ein altes Standardpferd geliefert. Auf eine Wegstrecke von 30 Sekunden habe ich ein halbe Pferdelänge Vorsprung herausgeholt. Und wäre mein Taschenrechner nicht entführt worden, dann könnte ich jetzt ausrechnen, wie viel Zeit ich bei einer Stunde Dauerreiten sparen würde. Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass dieser trabende Ferrari das Doppelte kostet?

7. Januar 2011: Ganz was anderes. Frogster Interactive schickt mir die Mail „Wahl der Zocker-Pizza für Runes of Magic“ und lädt mich zu einem Wettbewerb der besonderen Art ein. Zusammen mit Call a Pizza soll aus sechs vorgegebenen Pizzen die eine ausgewählt werden, die am besten zu Runes of Magic passt. Darüber hinaus soll für diese Lieblingspizza noch ein Name erfunden werden.

Leider muss ich auf eine Teilnahme verzichten, weil ich mich nicht entscheiden kann. Einerseits wäre da die mutige, weil süß-tödlich schmeckende Ananas-Tabasco-Variante, die ich liebevoll Gaumenguillotine taufen würde. Andrerseits lockt eine andere Pizza mit so überraschenden Zutaten wie Brokkoli, Kartoffelecken und Creme Fraiche. Dinge, die der schlaue Koch früher im Eintopf entsorgt hat, finden sich also heute auf einen Rundteig gekippt wieder. Grüne Tonne wäre hier der Siegername.

Warum ich das alles erwähne? Irgendwie empfinde ich nicht nur die Belagvorschläge, sondern die ganze Werbeaktion als geschmacklos. Hätte sich ein Pay-2-Level-Game nicht einen geeigneteren Werbepartner aussuchen können? Wieso nicht gleich in Zusammenarbeit mit einer Bank die „Wahl des Zockerkredits für Runes of Magic“ aus sechs unterschiedlichen Effektivzinsmodellen und Kreditlaufzeiten? Als Namen wäre von A wie „Ackermann ruins Magic“ bis Z wie „Zwegats Rekrutierungscamp“ alles möglich gewesen. Runes of Magic, das ist so eine typische Geldgruft. Da lobe ich mir doch Herr der Ringe Online, da bekommt man für 13 Euro im Monat fast alles umsonst.

8. Januar 2011: Heute kam meine Kreditkartenabrechnung. Alleine mit dem, was ich für meine virtuellen Attributserhöhungen ausgegeben habe, hätte ich in Form echter anaboler Steroide den ersten Preis bei der Weltmeisterschaft im Bodybuilding erringen können.

11. Januar 2011: Die Firma Turbine gibt eine Pressemeldung heraus und vermeldet stolz, dass sich der Gewinn von Herr der Ringe Online seit der Umstellung auf F2P verdreifacht hat. Das halte ich für eine dreiste Lüge. Meiner Erfahrung nach müsste sich der Gewinn gegenüber dem früheren Abo-Modell nicht verdreifacht, sondern verzehnfacht haben. Dieser Frodo muss ein Millionär sein, wenn er ernsthaft glaubt, Mittelerde retten zu können.