Alle Jahre wieder. Wenn die ersten Schneeflocken lautlos auf den Boden herniedersinken, die ersten Adventskerzen von ihrer existenzvernichtenden Bestimmung heimgesucht werden und die ersten Autofahrer angesichts einer unerwarteten Grabenbekanntschaft nach ihren Versicherungspolicen suchen – ja, dann hat zweifellos der Dezember die Herrschaft über den Kalender ergriffen.

Doch „alle Jahre wieder“ bedeutet auch den Einzug der Bescherungspanik. Was, so fragt sich der gelddefinierte Durchschnittsdeutsche von heute verzweifelt, soll ich der oder dem Liebsten denn bloß dieses Jahr unter den Weihnachtsbaum legen? Wo widerfährt mir das geringste Nasenrümpfen, das wenigste Gelächter und der kürzeste Liebesentzug? Und welches Geschenk ist so interessant, dass es die kleinsten Familienmitglieder dauerhaft davon abhalten wird, den Christbaum in ein brennendes Symbol des Unmuts zu verwandeln?

Dem Bescherungsunkundigen kann geholfen werden. Denn wie heißt es seit dem regional etwas ausgearteten Grenzkonflikt von 1914 bis 1918 so treffend? Angriff ist die beste Verteidigung. Damit ist beileibe nicht gemeint, die Schenkungsproblematik dadurch zu lösen, indem man die Schenkungsopfer zu echten Umsatzspritzen der Bestattungsunternehmen umwandelt. Die Lösung kann viel einfacher und vor allem gesetzeskonformer erfolgen.

Olniggs Glosse - Ausgabe 92: Bescherungsbeistand

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Der Lendenschurz würde, einen knappen Meter höher angebracht, wesentlich mehr Grauen verhindern.
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Im Folgenden ein paar frische Geschenkideen in Wort und Bild, die nicht nur den leichten Widerspruch, sondern auch das gänzliche Abhandenkommen des Hausfriedens dauerhaft fernhalten. Auf dass der Maximalblutdruck der Beschenkten niemals erreicht werde und das Familienoberhaupt nicht zur Geflügelschere greife, um statt der Weihnachtsgans die Extremitäten der Verwandtschaft zu zerteilen.

Das wohl unkomplizierteste Geschenk ist das Überreichen eines Gutscheins. Sei es in seiner allgemeingültigen Form als Geldschein oder im eingeschränkten Funktionsumfang als Einkaufsgutschein eines Online-Händlers. Da auch Game-Time-Cards zu den Vertretern dieser inoffiziellen Zweitwährung zählen, beginnt hier der Lösungsweg. Statt dem Sprössling markenlose Kleidungsstücke aufzudrängen, die man am Folgetag bestenfalls am Nachbarshund wiederentdecken kann, dürfte der entsprechende Gegenwert an Online-Spielzeit ein Vermögen an Sympathiepunkten einbringen.

Die Krönung hierbei ist die Tatsache, dass Game-Time-Codes erst zum Zeitpunkt der Verwendung entpackt oder freigerubbelt werden. Hat also im Laufe der Monate bei der Eigenbrut das Spielinteresse nachgelassen, bekommt man einen Großteil der angefallenen Kosten zurückerstattet, indem man die gemachten Geschenke an die nächsten Eltern in entsprechender Notlage weiterverkauft.

Der Verlauf dich nicht

Wesentlich billiger ist die Gabensuche für die ältere Generation. Gerade Großeltern neigen dazu, den technischen Fortschritt nur bedingt anzuerkennen, geschweige denn sich damit zu beschäftigen. Hier lässt sich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Ein kurzer Blick in den eigenen Keller mit dem Elektronikschrott von gestern offenbart ein wahres Füllhorn von Geschenken. Wartet etwa ein betagter Laptop auf seine Entsorgung? Warum nicht auf diesem ein knisterndes Kaminfeuer als Screensaver installieren und das Ganze der Omi als portables Heizgerät überreichen? Die Wärmeentwicklung des unmittelbar vor dem Kollaps stehenden Akkus wird dabei eine nicht unerhebliche Rolle zur Glaubhaftigkeit des Präsents beitragen.

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Wird’s zum dritten Add-on auch Dreilagiges geben?
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Der technikbegeisterte Opa hingegen wird sich durch einen Blick in das Innenleben des soeben überreichten „vollelektronischen Luftreinigers“ beeindrucken lassen. Zeugen doch gerade die vielen Kilogramm Staub im Bereich von Ventilatoren und Lüftungsschlitzen von dessen ungeheurer Effizienz. Dass es sich hierbei in Wirklichkeit um einen alten Desktop-PC ohne Bildschirm und Tastatur handelt, muss er nicht wissen. Zumal die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass er diese Information demenzbedingt schneller wieder in die Freiheit entlässt als Omas überfettetes Bratenknödelsoßengemisch. Gerade in Zeiten heutiger Ressourcenknappheit wäre es unverantwortlich, durch permanent wiederholte Ehrlichkeit Energie zu verschwenden.

Die härteste Geschenknuss ist unumstritten der oder die Lebenspartner/in. Jedoch selbst hier findet sich eine Lösung. Wäre es nicht perfekt, das Interessengebiet des Partners hundertprozentig zu treffen? Man verschenke deshalb einen Briefumschlag, in dem sich ein Zettel befindet mit der Aufschrift: „Gutschein für einen Gegenstand freier Wahl aus dem Browser-Verlauf deines PCs“. Zur Erklärung sei angemerkt, dass man unter einem Browser-Verlauf die zuletzt besuchten und vom Computer dokumentierten Internetseiten versteht. Unmittelbar hierauf ist eine Vielzahl an Reaktionen denkbar, von denen allerdings garantiert keine einzige aggressiver Natur sein wird.

Bei einem dieserart beschenkten Mann müsste nun das Echo statistisch belegt mit Sätzen erfolgen wie: „Zufälligerweise habe ich gerade gestern Nacht den Browser-Verlauf ganz aus Versehen gelöscht. Am besten schenkst du mir gar nichts“. Ebenfalls denkbar wäre ein: „Die Angela Jolie musst du unserem Sohn schenken! Der war das“. Wie die Lösung des folgenden, bestimmt charmant und defensiv ablaufenden Dialoges aussieht, sei der Fantasie zwischenmenschlicher Beziehungsreaktionen überlassen. Jedoch würden allen denk- und undenkbaren Reaktionen zwei sehr entscheidende Eigenschaften zueigen sein. Nämlich dass sie im vorweihnachtlichen Geschehen erstens kein Geld und zweitens keine Zeit gekostet haben.

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Der Herr Nett ist aber gar nicht nett.
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Auf weiblicher Beschenktseite ist hingegen das Risiko etwas größer, im Browser-Verlauf auf Internetseiten mit Budget sprengendem Inhalt zu stoßen. Doch erscheint diese Gefahr gerade durch die unmittelbare Vorweihnachtszeit sehr minimiert. Wird doch die Frau in den letzten Tagen vor der Bescherung im Internet nicht nach Waren für sich selbst, sondern nach Geschenken für die Verwandtschaft gesucht haben, die vom Wert her das Ramschniveau selten überschreiten. Bestenfalls war die Lebenspartnerin auf der Suche nach einem Geschenk für den Schenkenden selbst, was die letztendliche Geschenkauswahl noch viel spannender gestaltet.

Egal, ob man sich nun für die sparsame oder die müllbeseitigende oder die Wahlqual weiterdeligierende Geschenkvariante entscheidet, wird einem selbst ein Geschenk gewiss erspart bleiben: der Herzschrittmacher von der Krankenversicherung.