Im Rahmen der aktuell laufenden Glossenaktion „Spiele, auf die wir uns freuen können – zumindest solange sie noch nicht installiert sind“ sei heute der Blick auf einen weiteren der oberen zehntausend Megahoffnungsträger geworfen. Sein Name ist Rift – Planes of Telara.

Rift wird von der Firma Trion Worlds entwickelt. Ein Unternehmen, dessen Angehörige unlängst einen 100-Millionen-Dollar-Motivationsschub von niemand Geringeren als den Mediendinosauriern Bertelsmann, NBC und Times Warner bekommen haben. Solche Geldmengen lassen aufhorchen und hoffen, dass mancher Cent seinen Weg an Vorstandstaschen und Marketingschreierei vorbei bis hin in die Entwicklungsabteilung finden müsste. Grund genug für einen ersten Blick auf Rift.

Olniggs Glosse - Ausgabe 90: Sieben Minuten

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Der Wolf im Kopierpelz.
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Begegnen sich zwei Menschen zum ersten Mal, entscheiden lächerliche sieben Sekunden darüber, ob man die fremde Person positiv oder negativ einschätzt. Sieben Sekunden, die maßgeblich für Sympathie oder nicht sind. Für Job oder nicht. Für Kuss oder nicht. Für Vollbremsung oder nicht. Dieses Vorurteil des Ersteindruckes muss selbstverständlich nicht bestehen bleiben, sondern kann sich im Laufe des weiteren Informationsaustausches auch wieder ändern.

Doch ist hierfür eine Unmenge mehr an Kommunikationsenergie vonnöten als in den ersten sieben Sekunden. Wenn einem zum Beispiel ein in Lumpen gekleideter und nach Abfallentsorgung riechender Stadtstreicher in der achten Sekunde einen 100-Millionen-Dollar-Scheck überreichen würde - ja, dann könnten wir uns vielleicht dazu überreden lassen, unsere Wahrnehmungsorgane in eine außerordentliche Jahresinspektion zu geben.

Was würde nun geschehen, wenn man diese sieben Sekunden in etwas entschärfter Form auf die Erstpräsentation eines Online-Spiels anwendet? Was wäre, wenn man Rift sieben Minuten zugestehen würde? Sieben Minuten…

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Motoröl – das kostengünstige Haargel von der Tankstelle.
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Die Homepage von Rift hat sich geöffnet - FAQ aufgerufen und nach dem Wort „Release“ gesucht. „Wir haben noch kein offizielles Release-Datum“. Trion baut also keine Luftburgen - das ist gut. Doch wie weit sind sie in der Entwicklung? Wird das 2011 noch was oder verschwende ich hier meine Zeit mit Projekt Vaporware 2020? Ich suche in den FAQ weiter nach dem Wort Beta. „Es wird 2010 einen Beta-Test geben“.

Wie bitte?! Wir haben bereits kurz vor Jahrestod 2010 und auf der Startseite war sogar ein Link zur Beta-Anmeldung. Etwas konkreter wäre jetzt schon überfällig. Hier riecht es so frisch wie ein Fisch nach zwei Wochen Wüstendurchquerung, und dieser Bereich der Homepage scheint mir ein Ort zu sein, zu dem sich die Bytes zum Sterben zurückziehen.

Haarriftereien

Ich wechsel zu dem Bereich mit der Ingame-Geschichte. Sieben Minuten sind viel zu wenig zum Einlesen. Ich querlese von einer durch Zerstörung bedrohten Welt und vielen Rissen im Land. Diese Durchbrüche sollen jeweils neue Quests, Ereignisse und Orte bringen. Eine wirklich geschickte Idee, reichlich Zonen und Instanzierungen zu rechtfertigen. Das lässt Systemdesigner und –verwalter aufatmen, und das wird für sie nicht viel komplizierter als im letzten Job, dem mit der Filialanbindung einer lokalen Bäckereikette.

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Sensationelle Neuerung: Die Talentbäume wachsen von unten nach oben.
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Ich bin bei den Rassen gelandet. Dort herrscht noch der kalte Krieg. Eine Übersicht der Völker zeigt mir amerikablau die guten Zwerge, Hochelfen und Mathosianer und russenrot die bösen Bahmi, Eth und Kelari. Wo sind eigentlich die Menschen? Die meistgespielte Rasse eines jeden Online-Spiels sind Menschen. Menschen spielen gerne Menschen. Und die, die es nicht tun, haben gerne Menschen als Gegenspieler, um ihre Individualität zu betonen. Haben die noch nie etwas von Ryzom gehört? Oder von Asheron’s Calls erstem und zweitem Versuch?

Alles Spiele ohne Menschen und ihres Zeichens im besten Falle noch am Tropf des Insolvenzverwalters. Doch halt – ich cholerike zu früh! Ich habe die martialisch anmutenden Mathosianer angeklickt, und da steht plötzlich etwas von Mathosianer-Menschen. Also doch Menschen? Und die anderen? Auch Menschen? Zwergmenschen? Muss ich etwa jetzt alle anklicken und die ganzen Texte durchlesen? Setzen die etwa tatsächlich lesende Online-Spieler voraus? Das würde heutzutage die Zielgruppe sehr einschränken. Egal. Ich muss weiter. Die Zeit läuft.

Meine Bildungsreise führt mich zu den Klassen. Es gibt derer vier, und ich muss nicht dreimal raten, welche das sind. Spezialisierungen heißen hier Seelenrufen und können gemischt werden. Das ist alles so überraschend wie die allweihnachtlichen Geschenksocken von der Großmutter. Ein paar Unterklassen lassen aufhorchen. Säuberer? Justiziar? Was ist das? Zitate wie „Säuberer … Meister der geheimen Heilkräfte“ und „Justiziar sind Heilgeistliche“ helfen bei der Ernüchterung.

Raider heißt jetzt Twix und sonst nix. Zum Barden und Lanzenträger hat das Budget nicht gereicht. Bei Musketier und Diplomat war der Fantasietopf bereits ausgeschöpft. Es bleibt die Frage, wessen Spieler die von welchem Spiel auch immer abwerben wollen. Ich habe plötzlich die Assoziation eines Headhunters vor Augen, der die Stellenabwerbung mit einem neuen Dienstwagen in Form eines Bobby-Cars schmackhaft machen will.

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Nicht Frauen, sondern Brüste hinter Gittern.
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Zu Mounts, Crafting und Housing finde ich keinen einzigen Informationskrümel.

Meine sieben Minuten sind abgelaufen. Müsste ich jetzt Rift bewerten, würde mein diskriminierender, höchst subjektiver Ersteindruck wie folgt lauten: grafisch gefällig, aber mager und schon gar nicht neu. Mir ist soeben der selbsternannte Online-Gral Nummer 745 begegnet und ich bin mir nicht sicher, ob da viel dabei war, an das ich mich morgen noch erinnern werde. Für ein Spiel, das bereits für die Beta anwirbt, mutet die angepriesene Innovation sehr dürftig an.

Wer aufgrund dieser Homepage ernsthaft seine neue Heimat in Rift plant, dessen alte Heimat dürfte unter einer Online-Brücke gewesen sein. Meine letzte Frage wird frühestens der Release beantworten können. Nämlich ob Rift ab der achten Minute angefangen hätte, mich zu beeindrucken.