Diese Woche ist Fallout-3-Woche und schwer wird man sich ihr in den diversen Gameportalen und Magazinen entziehen können. Sie fragen sich, wer oder was Fallout ist und ob man dort auch Totems aufstellen und im Teamspeak die Mitspieler mit unkontrollierten Hustenanfällen zum Wahnsinn treiben kann? Die wichtigste Antwort zuerst: Fallout ist ein Offlinespiel und hat mit Orks und Elfen so viel zu tun wie ein Kaktus mit Sitzkomfort.

Fallout fällt ein

Fallout ist Kult. Weniger für die aktuelle Jugend als für den Teil der Bevölkerung, der unter dem Begriff Isolationshaft noch eine unrühmliche Form des Strafvollzugs versteht und damit nicht aufgrund überhöhter Rechnungen von den Eltern beschlagnahmte Handys assoziiert. Fallout war zum Zeitpunkt seines Erscheinens auch deshalb sehr beliebt, weil es umstritten war.

Ähnlich dem unlängst erschienenen Age of Conan und seiner an den deutschsprachigen Landesgrenzen gescheiterten Enthauptungen vermochte das Fallout von damals ebenfalls die Staatsmacht zu provozieren. Allerdings genügten vor 11 Jahren bereits blutig platzende Riesenskorpione und verschmorte Mutationen im Grobpixeldesign, um des Moralvollstreckers Ekelampel auf Rot zu schalten. Doch eines sei genauso in Erinnerung gerufen. Fallout 2 wusste absichtlich zu provozieren und unvergessen die Diskussionsorgien über die im amerikanischen Original vorhandene zynische Kinderkillstatistik.

Doch warum gräbt der Autor dieser Zeilen längst verweste Leichen aus und betreibt nachtretende Softwarefledderei?

Weil er gerade die fünf Teile des offiziellen „Fallout 3“-Gameplay-Trailers gesehen hat und sich fragt, ob Werbung als Mittel zum Zweck völlige Narrenfreiheit hat? So erfreuen doch gerade die letzten beiden Teile der Vorschau auf den dritten radioaktiven Niederschlag mit einer Vielzahl von körperlichen Verstümmelungen, die, um einer voyeuristischen Gewaltbefriedigung vollends zu entsprechen, im Stilmittel Bullet Time gezeigt werden.

Man verstehe mich nicht falsch. Ein Fallout ohne Gewalt entspräche einer Atombombe ohne anschließende Verwüstung. Aber den Schwerpunkt des Marketingstrebens auf die bis zum Exzess wiederholte Darstellung der biologischen Schnelldeinstallation von Körperteilen zu legen, hätte ich bislang niemals mit einer Firma wie Bethesda in Verbindung gebracht. Zugegeben, Oblivion hat durchaus auch Verwendung für rote Bildpunkte und dürfte bei jedem Blutegel die Magensäfte in Vorfreude zum Fließen bringen. Jedoch unterscheidet sich dessen Darstellung von kritischen Treffern zum neuesten Fallout so erheblich wie das jeweilige Flair in Großgärtnerei und Schlachthaus.

Hat man denn in den Chefetagen bei Entwickler und Distributor keine Angst mit dieser Gewaltwerbung die falsche Zielgruppe anzusprechen? (Zur Erklärung sei angemerkt, dass es sich bei Fallout 3 um keinen klassischen Shooter handelt. Trefferwahrscheinlichkeit und anschließende Lebensfreisetzung werden hier weniger durch Fingerfertigkeit sondern mehr von Level und Skill bestimmt.) Oder ist das alles berechnende Absicht? Will man bewusst ein paar Fehlkäufe provozieren, um die Bilanzen aufzubessern? Und was passiert, wenn das zum Trend erhoben wird? Wird ein The Sims 3 mit in Zeitlupe wippenden Brüsten den trieborientierten Konsumenten in die Falle locken? Oder werden im Landwirtschafts-Simulator 2009 die in Zoomfunktion abgebildeten Klingen eines Mähdreschers die Geldscheine von potenziellen Serienmördern zum Ortswechsel auffordern?

Verstümmelung will gelernt sein

Exzessive Gewalt als Stilmittel, um den Wahnsinn menschlichen Tuns in Wort und Bild anzuprangern, mag nachvollziehbar sein. Wenn sie hingegen als berechnende Provokation eingesetzt wird, dann verabschiedet sich bei mir jegliches Verständnis. Richtig bizarre Züge nimmt das Ganze an, wenn man sich die Entstehung solcherart Metzelgrafik einmal plastisch vor Augen führt:

Man versetze sich in die Grafikabteilung des Hauses Bethesda. Der Chefdesigner ist gerade der ersten Ausführung eines gezielten Schulterschusses ansichtig geworden, in dessen direkter Folge der Arm vom Körper befreit eine Reise gen Bodentextur unternimmt. Muss ich mir jetzt einen stirnrunzelnden und die Lesebrille leicht nach unten abgesenkten Menschen vorstellen, der mit fester Stimme urteilt: „Das gefällt mir noch nicht ganz, Jeff. Das Wegfetzen der Hautstücke zum Zeitpunkt des Sprengmunitionseinschlages hast du perfekt gelöst und auch die herumzappelnden Sehnen geben keinen Anlass zur Kritik, aber an dem abgerissenen Arm wirkt noch irgendetwas unnatürlich.“ Wird der angesprochene Jeff daraufhin in grüblerische Kurzzeitagonie verfallen an dessen Ende er die Gegenfrage stellt, ob das instant amputierte Körperteil an seinem ehemaligen Verankerungsort vielleicht mit mehr Blutspritzern oder besser mit Brandspuren zu versehen sei?

Woher hat Jeff überhaupt das Wissen und die Erfahrung, wie ein korrekter Armabschuss auszusehen hat? Ist das alles nur seiner Fantasie geschuldet oder werden heutzutage auf den Kunstakademien auch Kurse angeboten, die da heißen „Menschliche Anatomie und deren Zwangsverformung – Zimmer 213 bei Dozentin Amelie Süßbrot“. Oder erschließen sich hier vielleicht ehemaligen Kriegsteilnehmern ungeahnte Berufschancen in völlig neuartigen Beraterjobs? Die Wahrheit dürfte wohl irgendwo dazwischen liegen und solange sie nicht dem spurlosen Verschwinden von Bob aus der Buchhaltung geschuldet ist, der sich mit der Überweisung der Gehälter immer so viel Zeit gelassen hat und seit dessen unerklärlichem Abtauchen Jeff nahezu perfekte Arbeit abliefert.

Wenn da nicht dieser dumme Arm wäre. Aber gäbe es da nicht noch einen Jim vom Reinigungspersonal, nach dessen nächtlicher Aktivität Jeffs Schreibtischablagen jedes Mal aufs Neue von Wasser und Seife triefen?

Auch auf die Gefahr hin als pazifistischer Weltverbesserer verschrien zu werden, sei an dieser Stelle abschließend darauf hingewiesen, dass in mir stets alle Alarmglocken läuten, sobald ich überdurchschnittlich schockierend dargebotener Gewalt begegne. In der Vergangenheit hat sich diese Art des Kundenfangs leider allzu oft als effektheischender Käuferköder herausgestellt, der damit lediglich eigene Inhaltsdefizite kaschieren wollte. So will ich hoffen, dass in Fallout 3 mehr Oblivion als Age of Conan stecken wird.

Und selbstverständlich will ich in meinem Fallout 3 auch kein Fallout 2 haben. Nein, jetzt nicht wegen der Gewalt, sondern wegen der vielen englischen Käfer. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die viel grausamer zu erleben ist als diese infantilen Abtrennungsvorgänge.