Hallo, ihr da draußen vor den Monitoren! Ihr müsst mir da etwas erklären, was ich überhaupt nicht verstehen und womit ich erst recht nicht umgehen kann. Es geht um diese immer mehr um sich greifenden Facebooks, die meinen Verstand völlig überfordern und wozu ich ein paar Fragen habe.

Zuvor möchte ich erwähnen, dass ich soziale Netze meide wie Pest, Cholera und Bohlen-Produktionen zusammen. Folglich zähle ich mich den asozialen Netzern zugehörig. Wobei allerdings ausdrücklich erwähnt sein soll, dass dies nicht geschieht, weil ich dieserart Communities für Teufelswerk oder Seelendiebstahl halte. Ganz im Gegenteil. Es ist meine feste Überzeugung, dass, je mehr die Menschen miteinander kommunizieren, desto besser es für unsere Welt ist.

Man sollte zwar Informationen, die andere Personen dazu befähigen, die Höhe des Schweigegelds auf vierstellige Beträge hochzutreiben, tunlichst für sich behalten. Aber wessen Gedanken und Gefühle man gut kennt, dem will man bestimmt nicht mehr mithilfe geballter Fäuste leichtfertig Stücke von der Gesundheit entfernen. Informationen haben noch nie geschadet, natürlich ausgenommen in den Händen von Geheimdiensten und Werbeagenturen.

Der Grund meiner Vermeidung des modernen Informationsexhibitionismus ist wesentlich banalerer Natur. Ich habe einfach keine Zeit dafür. Schon in der Vergangenheit hat die Nachrichtenabarbeitung diverser Instant Messenger so manchen Urlaubstag von seinem Erholungswert her in das genaue Gegenteil verkehrt. Dann kamen Blogs und Twitters und Facebooks hinzu und plötzlich wollte meine Freizeit ihrem Namen überhaupt keine Ehre mehr machen. Einen gewaltigen Kick später war jedoch das Problem gelöst und der PC nicht mehr Selbstzweck, sondern endlich wieder Mittel zum Zweck.

Keine Sorge, wir nähern uns langsam meinen Fragen. Jetzt hat unlängst mein Glossenplatzgeber mit „mygamona“ sein eigenes soziales Netzwerk geschaffen. Das ist schön und gut, und ich werde mich hüten, meinen Geldzufluss aus der Kolumnenarbeit auch nur ansatzweise der Gefahr des Versiegens auszusetzen, indem ich hier andere Worte als die der Gratulation finde. Da sich aber mein gamona-Account seit Einführung dieser Community regelmäßig mit Freundschaftsanfragen zu Wort meldet, sehe ich mich zunehmend mit dem Wort „Freund“ konfrontiert. Genau hier beginnt meine Unsicherheit.

Freundinflation

Angenommen, ich finde in meinem E-Mail-Kasten gleich zwischen dem Billigimport der Viagrapille und dem Millionenerbe aus einem bankrotten Drittweltland eine Freundschaftsbewerbung, was ist dann zu tun? Wenn ich eine Freundschaftsanfrage kurzerhand ablehne, weil ich noch nicht einmal den echten Vornamen meines digitalen Gegenübers kenne, bin ich dann lediglich vorsichtig oder sollte ich Rückständigkeitsknochen mich gleich freiwillig in den Sarg legen? Wie verhält es sich mit dem Umfang der Freundesliste? Ermisst sich der Rang des Freundschafts-Epenis anhand der Anzahl oder der Qualität der Freunde? Entspricht zum Beispiel ein Nobelpreisträger auf der Freundesliste dem Freundeswert von 100 Hartz-IV-lern?

Wie sieht es mit den schwarzen Schafen unter den Freunden aus? Angenommen, ich nehme ungeprüft alles und jeden in meine Freundesliste auf. Was passiert, wenn einer von denen Mist baut und sagen wir mal ein oder zwei Flugzeuge in ebenso viele Wolkenkratzer steuert? Werde ich als dessen Freund dann in einen orangefarbenen Overall und auf ein Insellager gesteckt oder glaubt mir der Staatsschutz, dass ich nur auf eigene Faust Terroristen überführen wollte?

Was ist eigentlich überhaupt ein Freund? In meiner Jugend, also irgendwann zwischen den Napoleonischen Kriegen und der Weimarer Republik, war ein Freund jemand, den man sehr gut kannte und dem man viel Vertrauen schenkte. In brenzligen Situationen waren hier zusätzliche Hände garantiert und der Spaß kam alles andere als zu kurz. Sprechen wir alle von demselben Wort „Freund“? Oder muss für den alten „Freund“ dank inflationären Internetmissbrauchs heute eine neuere, wesentlich aussagekräftigere Alternative gefunden werden? Sozusagen der 2.0-Freund. Oder der Lebensabschnittsfreund.

Vielleicht findet sich in der guten alten Totsprache Latein ja eine Lösung? „Amicus“ wäre als Freundwortersatz nicht schlecht. Jedoch eine Google-Einheit später entdeckte ich, dass sich mit diesem Wort bereits eine Zeitarbeitsfirma schmückt. Eine Zeitarbeitsfirma?! Was kommt als Nächstes? Werden in Amerika und China die Henker in Abtretungsfreunde umbenannt? Verniedlichen wir die Serienkiller aller Welt als Freundesentsorger? Mutiert der Paketbomber zum Brieffreund und der Pädophile zum Jugendfreund?

Ihr da draußen, die ihr mir ein Wort aus meinem Wortschatz gestohlen und aufs Schändlichste missbraucht habt, wollt ihr wissen, wie viele Freunde ihr bei all euren ellenlangen Freundeslisten wirklich habt? Das herauszufinden geht ganz einfach. Sendet all euren Freunden E-Mails, in denen ihr sie bittet, euch auf unbestimmte Zeit zinslos 1000 Euro zu leihen. Und das, was ihr dann in eurem Posteingangsordern an positive Antworten vorfindet, das sind eure wahren Freunde und nicht bloß die Ware Freunde.