Die Welt der Psychotherapie ist reich an mannigfaltigen Problemlösungen. Bei dem einen Patienten helfen Unmengen an verschreibungspflichtigen Medikamenten, die ihn sein zentrales Problem schnell vergessen lassen, weil er sich fortan auf versagende Leber und Nieren konzentrieren darf. Andere werden im Sinne der unumstößlichen Freizeitplanung des behandelnden Therapeuten kurzerhand als geheilt entlassen und die Problematik vertrauenswürdig in die Hände zukünftig ermittelnder Mordkommissionen gelegt. Alles nichts Neues und schon öfters als einmal erwähnt.

Das dritte und interessanteste Standbein der Gehirnschwurbelaustreibung ist in den diversen Arten von Gesprächstherapien zu finden. Doch wie laufen solche Behandlungen eigentlich ab? Was geschieht zum Beispiel in einer Gruppentherapie? Um dem unbedarften Leser die Scheu vor dieserart Geistesheilung zu nehmen, zumal die eigene Einweisung stets näher ist, als man denkt, sei heute ausnahmsweise dem Ablauf einer solchen Gruppensitzung gelauscht.

Therapeut: Schön, dass ihr euch wieder alle hier eingefunden habt. Wie ihr seht, ist unsere kleine Runde heute um eine Person reicher. Willkommen bei uns. Damit wir dich alle kennenlernen, würde ich dich jetzt bitten, deinen Vornamen zu nennen und zu schildern, warum du hier bist.

Olnigg: Ja, also. Hallo zusammen. Mein Name ist Olni… äh… Nick. Ich bin Nick und mein Problem ist… ich… ich will immer der Erste sein.

Klaus: Ein Rennfahrer?! Wo ist das Problem? Hast du eine Geschwindigkeitsallergie?

Olni…äh…Nick: Nein, ich bin kein Rennfahrer. Ich will bei einer ganz anderen Sache immer der Erste sein und dafür würde ich sogar über Leichen gehen.

Sabrina: Mein Gott. Er steht auf Jungfrauen und danach folgt die Spurenbeseitigung. Dieser Kerl gehört nicht in die Gruppe sondern in die Geschlossene!

Therapeut: Ich darf euch alle doch bitten. Jetzt lasst Nick in Ruhe sein Problem schildern.

Nick: Also ich will bei Online-Spielen der Erste sein. Immer wenn ein Spiel neu auf den Markt kommt und die Server noch völlig leer sind, dann will ich der Erste sein.

Klaus: Wie? Das ist alles? Ich hing Jahrzehnte an der Flasche und machte meinen Mitmenschen damit das Leben zur Hölle. Sabrina zu meiner Linken gab sich die Nadel und dafür den Männern alles andere. Und Paul, der mir gegenübersitzt, hat einen so niedrigen IQ, dass er Probleme hat, mitten im Leben zu stehen.

Paul: Hey, Mann, pass auf, was du sagst! Ich kann stehen. Ich sitz grad nur, weil alle sitzen. Soll ich aufstehen? Sag’s nur. Ich mach’s.

Sabrina: Maul, Paul.

Klaus: Und der Herr Äh-Nick ist bloß schlecht drauf, weil er irgendwo im Nirgendwoland der Erste sein will? Das ist…

Sabrina: …echt krank. Wirklich krank! Klaus, der gehört vielleicht doch zu uns!

Therapeut: Nick, wen würdest du denn gerne umbringen, um Erster zu sein?

Nick: Den deutschen Einzelhandel. Komplett. Alle bis auf einen.

Sabrina: Geschlossene Abteilung! Wieso hört denn niemand auf mich?

Therapeut: Nick, das klingt sehr interessant. Kannst du uns das bitte ein wenig ausführlicher erläutern?

Nick: So richtig schlimm wurde mein Tötungsdrang erst letzte Woche, als Final Fantasy XIV erschien. Die Server sollten kurz nach Mitternacht online gehen und ich wollte unbedingt Erster sein. Ihr könnt das vielleicht nicht nachvollziehen, aber die ersten Stunden auf einem neuen Server, die sind so… einzigartig. Alle sind noch absolut gleich und laufen in derselben Ausrüstung herum. Jeder ist ein Newbie. Niemand weiß alles. Freudige Erwartung und Pionierstimmung überall. Die Enttäuschungen lassen noch auf sich warten. Das ist eine so wunderschön aufregende Zeit. Gerade die ersten Tage…

Stuhl 2

Klaus: Wenn der deutsche Einzelhandel nicht bald ins Spiel kommt, dann sauf ich mich auf der Stelle ins Koma. Willst du wirklich meinen Rückfall verantworten?

Nick: Genau am Tag vor der Release-Nacht hatte ich immer noch keine Spielbox in der Hand. Und mein bis dahin zuverlässiger Versandhändler kündigte an, einen Tag zu spät zu liefern. Ich geriet in Panik. Es blieben weniger als 24 Stunden. Eine andere Quelle musste her. Ich musste etwas tun.

Sabrina: Hast du jemand anderem das Spiel vom Nachttisch geklaut, nachdem er eingeschlafen war. Nicht, dass ich so etwas jemals gemacht hätte, aber hast du?

Nick: Ich rief den nächsten Elektrogroßmarkt an und fragte, ob sie das Spiel vorrätig hätten. Da war dann dieser Typ am Telefon. Der… der sprach so komisch. Der… ich trau es mich nicht zu sagen.

Klaus: Hat er gelallt?

Sabrina: Waren es Ferkeleien?

Paul: War er falsch verbunden?

Klaus: Oder war es Paul?

Paul: Hey, ich war doch hier. Oder? War ich doch?

Nick: Nein, der andere, er war so… so ausländisch. Darf man das heute überhaupt noch sagen, ohne von Intellektuellen gesteinigt zu werden?

Klaus: Hier in der Gruppe darfst du alles.

Sabrina: Solange du die Klamotten anbehältst!

Nick: Also der sprach zwar Deutsch, aber irgendwie auch nicht. So wie ich den kaum verstehen konnte, war ich unsicher, ob er überhaupt mich verstand. Das Gespräch endet dann mit der Aussage, dass er noch niemals von dem Spiel gehört hätte. Man stelle sich das vor. Der Kundenberater einer Software-Abteilung eines Elektrogroßmarktes hatte mir soeben zwischen diversen Buchstabenknoten zu verstehen gegeben, dass er noch niemals etwas von meinem Spiel gehört hätte. Und damit schien für ihn das Problem gelöst. Anstatt sich selbst weiterzubilden, würgte er mich ab und ließ mich als Spinner dastehen.

Paul: Na und? Passiert mir immer.

Klaus: Den wolltest du dann umbringen?

Nick: Ja, das war der Erste auf meiner Liste. Aber es geht noch weiter. Diese Elektromarktkette hatte - Gott sei Dank - noch zwei weitere Filialen in meiner Stadt und irgendwo musste es doch noch normale Menschen geben.

Sabrina: Das nenne ich wahren Optimismus.

Klaus: Das nenn ich weltfremd.

Nick: Da die verbale Kommunikation gnadenlos gescheitert war, begann ich, zur E-Mail zu greifen. Bei der zweiten Filiale wurde mir dann geantwortet, dass sie das Spiel kennen würden…

Sabrina: Ah, das Happy End naht.

Nick: …aber dass sie es erst morgen und nicht heute schon verkaufen würden. Sie wären aber bereit gewesen, mir ein Exemplar zu reservieren.

Sabrina: Kurz davor ist auch daneben.

Nick: Doch dann kam die Rettung in Form der dritten Filiale. Dann kam Herr…

Therapeut: Keine Nachnamen bitte! Wir schulden den Außenstehenden ihre Anonymität.

Nick: Dann kam Claus. Claus war meine Rettung.

Klaus: Wer sonst!

Nick: Santa Claus, wie ich ihn für alle Zukunft nennen werde. Santa Claus hatte von dem Spiel gehört, er hatte mehrere auf Lager und er konnte es mir sofort geben. Dieser Mann trug zu einer der schönsten Nächte meines Lebens bei.

Sabrina: Hmm, vielleicht solltest du das künftig eine Spur anders formulieren.

Stuhl 3

Therapeut: Trotz dieses versöhnlichen Endes verspürst du nach wie vor das Verlangen, alle anderen zu töten, ausgenommen Claus?

Paul: Wie? Was? Ich und Sabrina und der Dok sollen sterben? Und ausgerechnet der Säufer darf weiterleben?

Therapeut: Paul, was hatten wir über Sätze mit mehr als 10 Wörtern gesagt?

Paul: Dass ich nicht darauf reagieren soll?

Therapeut: Sehr gut. Also Nick, was macht dich jetzt wirklich so aggressiv. Lass es raus. Trau dich!

Nick: Was mich sauer macht? Ich sag es Ihnen! Dieser Versandhändler, diese Handelskette, dieser Kauderwelschdeutsche, sie alle haben keine Ahnung von der Materie! Sie lieben keine Spiele! Sie hassen sie! Sie hassen das, was ich liebe! Wissen Sie, was die ganze Wahrheit ist? Der Hersteller des Online-Spiels hatte extra geplant, dass die Spieler weltweit das Spiel schon Tage vor dem Release haben würden. Die Patch-Server standen längst bereit und die Account-Verwaltung war ebenfalls freigeschaltet. Um den Andrang über mehrere Tage zu verteilen und somit einen einigermaßen sanften Spielstart zu ermöglichen, hatte man die Traffic-aufwendigsten Abläufe wie Patch und Account-Erstellung schon weit vor dem Release gestattet.

Doch was tat die Mehrheit des Einzelhandels? Sie lesen auf dem Papier, am 22. ist der Release, ergo wird die Ware erst zum 22. ausgeliefert. Es kam, wie es kommen musste. Ich selbst konnte zwar dank meiner vorzeitigen Bescherung durch Santa Claus am Vortag noch alles ohne Probleme durchführen. Aber all die anderen Spieler, die der Willkür, der Unwissenheit oder der Grammatik ihrer Verkäufer aufgesessen waren, diese Spieler wurden am Release-Tag tatsächlich Opfer einer über Stunden hoffnungslos überforderten Account-Verwaltung und kamen überhaupt nicht ins Spiel. Ich könnte diesen gesamten Einzelhan… nein, Einzellerhandel wegen meiner leidenden Mitspieler reihenweise abschlachten.

Therapeut: Jetzt verstehe ich. Was du mit deinen Mordfantasien erreichen willst, ist im Grunde genommen nichts anderes, als deine Kameraden zukünftig vor Dritten zu schützen.

Klaus: Soll er doch zur Armee gehen. Da kann er sich austoben und alles ist gut.

Therapeut: Nick, ich denke, Klaus hat recht.

Klaus: Echt? Das kommt jetzt überraschend.

Nick: Ich soll Zeitsoldat werden? Soll das die Lösung für mein Problem sein?

Therapeut: Nein, selbstverständlich musst du kein Soldat werden, um deine Freunde zu schützen. Verstehe doch! Du hast überhaupt kein Problem! Deine gedankliche Überreaktion ist ganz normal. Du bist ganz normal. Der gesamte deutsche Einzelhandel, minus einer Person, der ist es, der ein Problem hat. Der gehört viel eher in unsere Runde.

Paul: Doc, da brauchen wir aber eine Menge mehr Stühle. Soll ich schon mal welche holen gehen?

Nick: Wunderbar. Jetzt fühle ich mich schon wesentlich besser. Ich bin normal. Wer hätte das gedacht? Vielen Dank euch allen und einen schönen Tag noch. Ich gehe jetzt erst mal los, mir eine Waffe kaufen.

Therapeut: Aber so habe ich das doch nicht gemeint. Nick, bleib besser noch etwas hier.

Therapeut: Nick!

Therapeut: NICK!!!!

Sabrina: Und weg ist er.

Klaus: Da hat jemand seinen Gruppen-Account aber schnell gecancelt.

Paul: Kann ich seine Pillen haben?