Tief sticht die Dornenkrone in die Kopfhaut von Jesus. Blut läuft die Stirn hinab. Schweren Schrittes schleppt er das wuchtige Holzkreuz auf dem Rücken hinaus vor die Tore der Stadt. Begleitet von dem immer wiederkehrenden Knallen der Peitsche, welche unauslöschlich Spuren der umgebenden Unmenschlichkeit auf des Gepeinigten Rücken hinterlässt. Jesus hat den Tod vor Augen. Die Welt hält den Atem an.

Bytelästerung

Plötzlich ertönt ein Kampfschrei. Supergnom Olnigg taucht wie aus dem Nichts auf und stürmt mitten aus der gaffenden Menge heraus. Er castet einen Instant Heal auf Jesus und vernichtet die anwesenden Römer mit einem einzigen AoE-Zauber. Dies triggert den Respawn des Bossmobs Pontius Pilatus. Indes selbst dieser ist für Olnigg kein Anlass sich eine Gruppe zu suchen. Zwei kritische Treffer später ist Loot Time und der Titel „Jesus‘ Buddy“ prangt als neuester Eintrag auf Olniggs Seiten seiner Achievement-Bibel.

So ungefähr hat mich meine Fantasie unterhalten, als ich zum ersten Mal von dem Spiel „Bibel Online“ gelesen habe. Bibel Online?! Was ich vor langer Zeit als Running-Gag und Synonym für Spiele, die die Welt niemals brauchen wird, verwendet hatte, ist nun tatsächlich wahr geworden. Doch was - oder noch viel wichtiger - wer steckt dahinter? Haben die amerikanischen Streitkräfte mit ihrem „America’s Army“ etwa den Vatikan zu einem eigenen Rekrutierungsprodukt inspiriert? Zwingt priesterlicher Nachwuchsmangel den Papst auf neue Onlinewege?

Olniggs Glosse - Ausgabe 81: Bytelästerung

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Spiele deine Urgroßeltern
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Meine Fragen überschlagen sich und das mehrmals. Ist ein Item-Shop geplant? Wird es endlich den Sündenerlass per Micropayment geben? Und vor allem welche Altersfreigabe hat die eingangs geschilderte Kreuzigung überhaupt zu erwarten? Muss man am Ende Bibel Online ganz verschämt unter dem Ladentisch erwerben, immer in der Angst zu der Shooter-Gemeinde gezählt zu werden? Man stelle sich die Zeitungsmeldung vor: „Amokläufer hatte Bibel auf seiner Festplatte!“

Die Wahrheit ist wie immer so ernüchternd und langweilig, dass im direkten Vergleich eine mehrstündige Wattwanderung wie ein Abenteuerurlaub anmutet. Bibel Online ist nichts anderes als der Versuch eines Echtzeitstrategiespiels. Mit Speerwerfern, Bogenschützen und Schwertkämpfern, zu bauenden Häusern und all dem Altbekannten, eingebettet in eine pseudosakrale Hintergrundgeschichte. Ausgeführt wird das alles auf einem Qualitätsniveau, das den Informatikkurs einer Baumschule vermuten lässt. Ausgestattet mit einem Etat so groß wie die Kirchenkollekte einer Mitternachtsmesse zur Haupturlaubszeit.

Bytesündenfall

Von Bibel Online eine seriöse Bibelstunde in Form kurzweiliger Unterhaltung zu erwarten, ist illusorisch. Etikettenschwindel ist das Stichwort. Die Handlung hat mit der Botschaft der Bibel so viel zu tun wie eine verkehrsberuhigte Zone mit einer Mondrakete. Hätte man die christliche Religion einzig aufgrund der im Alten Testament geschilderten blutrünstigen Ereignisse und seitenlangen Stammbaumlitaneien gegründet, dann würden wir heute im Religionsunterricht Zombiefilme sehen und die Bibel wäre ein Telefonbuch.

Ein Blick in das Forum der onlinschen Bibel führte mich endgültig in die Rolle des Kriegsberichterstatters. Dort schreibt ein gewisser „Basterd“ zum Thema „Tribes angreifen“: „Ahoi, bin gerade angegriffen worden. Habe ~60 Faith. Dachte man kann nur angegriffen werden wenn man <= 50 Faith hat... Kann mich jemand aufklären? greetz“

Olniggs Glosse - Ausgabe 81: Bytelästerung

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FarmVille für Jesus Fanbois
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Je größer also der Unglaube, umso wahrscheinlicher der Gewaltübergriff? Ob man da nicht zwei Religionen miteinander verwechselt hat? Hat das Christentum von heute nicht etwas mit Nächstenliebe, Vergebung und Humanität zu tun? Und wie viel Jahrhunderte sind die letzten Kreuzzüge her und warum wird man in New York die nächsten Jahre immer weiter Schutt und Asche durch ein Sieb schütten, um anhand der dort zu findenden Gene den Hinterbliebenen Gewissheit geben zu können?

Mehr über dieses Spiel zu berichten, hieße das eigene Seelenheil in akute Gefahr zu bringen und selbst als Atheist dafür ewiglich in der Hölle zu schmoren. Das alles entscheidende Argument zur endgültigen Spielbewertung manifestiert sich jedoch in einer einzigen Frage. Hätte die für „Bibel Online“ verantwortliche FIAA GmbH auch den Mut geha… Stopp! Das muss ich Niveau treffender formulieren. Hätte die FIAA GmbH auch die Eier gehabt, ein Mohammed Online zu programmieren?