Final Fantasy XIV steht vor der Tür. Nur noch wenige Wochen bis die neueste Version des japanischen Rollenspielflaggschiffs auf westliche Onlinespieler treffen wird. Höchst Zeit also die etwas jüngeren oder unbedarfteren Spieler unter uns schonend auf die altehrwürdigen Traditionen asiatischer Softwareschmiedekunst einzustimmen.

XIV = XI + V

Die westlichen Industrienationen huldigen seit jeher dem Kapitalismusfetisch inklusive seiner unzulänglich getarnten Ständegesellschaft. Schon die bloße Erwähnung des Wortes „sozial“ wird als totalitärer Kommunismus interpretiert und als drohende Enteignung von Geist und Eigenheim empfunden. Obwohl dies so ist, schreit die schweigende Mehrheit im Bereich der Onlinespiele nach dem genauen Gegenteil. Wehe ein Developer wagt es, sich auch nur einen Schritt breit von der WoW-Norm zu entfernen. Ohne knallgelbes Fragezeichen über dem Questgeber und direktem Autobahnzubringer zum Zielgebiet droht der Weltuntergang. Anders sein heißt böse sein und Anpassung bedeutet Selbstaufgabe.

Mit dem vierzehnten Teil der Final-Fantasy-Reihe wird die Firma Square Enix eine grafisch opulente Überarbeitung ihres besten Onlinepferds im Stall präsentieren. Wer nun denkt, dass Square Enix eine solche Komplettrenovierung zum Anlass nehmen würde, um amerikanischer komfortgeiler Faulpelztradition in das verlängerte Rückgrat zu kriechen, der irrt gewaltig. Ein echter Samurai mag seine Kleidung wechseln, aber sein Katana wird er niemals durch einen Lutscher ersetzen.

In diesem Sinne zehn wichtige Hinweise für alle „Final Fantasy Online“-Interessierten, die bislang noch nie mit „so etwas“ Kontakt hatten. Auf dass sie auf den Kulturschock vorbereitet seien und das Fremde im neuen Alten wenn auch nicht verstehen aber zumindest tolerieren können. Dies ist wohlgemerkt noch kein Review, sondern sollte allerhöchstens als Previewchen verstanden werden.

Olniggs Glosse - Ausgabe 80: XIV = XI + V

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Je realistischer die Grafik umso verstörender unrealistische Motive.
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1. FFXIV bedeutet Bewegung. Dem trägen Burgerfan droht der gesunde Reisschock. Die Welt Eorzea wird zwar durchaus über vielfältige Teleportationsmöglichkeiten verfügen, aber wer tatsächlich die direkte U-Bahn-Anbindung zwischen Gildenhaus und Mob-Reservat erwartet, der sollte sich sehr schnell von seinem virtuellen Bauchspeck verabschieden.

2. Maus- und Tastaturergonomie mag für PC-Junkies eine Selbstverständlichkeit sein. Wer aber seine Räucherstäbchen allmorgendlich für den Konsolengott entzündet, der richtet seine Arbeitskapazität entsprechend anders aus. In FFXIV wird das User Interface schnell zum unerwarteten Bossgegner und selbst für einen simplen Screenshot sollte man vorab für die beteiligten Finger eine Unfallversicherung abgeschlossen haben.

3. Wo anderorts Grind durch die Anwesenheit von Quests kurzweiliger gestaltet wird, da herrscht in den Final-Fantasy-Welten direkte Ehrlichkeit. Wozu ab dem Zweitchar noch mühsam die Questfenster ungelesen wegklicken, wenn das Scharmützel doch ohnehin das eigentliche Ziel ist. Wer sich tagsüber im Beruf durch Tsunamis an Akten und Onlinedokumenten wühlen muss, der will abends seiner kompensierenden Zerstörungswut ungestörten Auslauf gewähren und nicht in weiteren Buchstabenfluten ertrinken.

4. Monstereinschätzung für Gutsichtige. Grün ist blau und blau ist grün. Konträr zur üblichen Farbenwillkür haben die Mannen um Square Enix im Unterricht aufgepasst. In zivilcouragiertem Mut zum Anecken wissen sie nach wie vor die Spektralfarben richtig anzuwenden und lassen sich die natürliche Anordnung nicht durch die Wissenslücken von Schulabbrechern zerstören.

Sayonara Leichtigkeit

5. Wenn der von der Zeit mittelschwer angenagte Konzeptdesigner mit derselben gehen will und stolz bessere Solotauglichkeit seiner Software im Vergleich zum Vorgänger anpreist, dann sollte man die Relativität in dessen Aussage miteinbeziehen. Ein Blick auf die Vorgängersoftware wirkt hier Verständniswunder. 0,1 Gramm Getreide mag forschungstechnisch unumstritten ein Tausendfaches von 0,0001 Gramm Getreide sein und dennoch künden Ernährungswissenschaftler noch lange nicht von einem Ende der Hungersnot.

6. Wer in letzter Zeit auf dem Einwohnermeldeamt gewesen ist und zum Beispiel einen Ausweis beantragen wollte, der hat bestimmt einen Kulturschock bekommen. Anstatt kundenfreundlich ein Fragezeichen über dem Kopf zu tragen und bequem den korrekten Ansprechpartner zu signalisieren, weisen antiquiert wirkende Stockwerksangaben und kryptische Türschilder den Weg. Dieserart Rückfall in die Effizienzsteinzeit findet in Final Fantasy seine Fortsetzung. Des Analphabeten Albtraum wird wahr.

Olniggs Glosse - Ausgabe 80: XIV = XI + V

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Mit diesem Tischtennisball wird jeder Aufschlag zum Punktgewinn.
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7. Final Fantasy XIV wird ein Paradies für Augenlust und Hardwarehändler. Gut, dass es Ratenzahlung gibt.

8. Spielzeit ist ungleich Levelzeit. Final Fantasy XIV sperrt nach Ablauf einer bestimmten Spielzeit erst sukzessive und dann gänzlich jeglichen Erfahrungszuwachs. Wer zumindest teilweise weiterleveln will, der hat gefälligst mit seinem Avatar einen Zweitberuf zu erlernen. Levelbeschränkung durch Echtzeit. Wer älter ist, der ist stärker. So ein Konzept ist nicht neu und das kennen Computerspieler aus EVE Online und Jugendbanden aus Berlin-Neukölln schon lange.

9. Handel bedeutet hinstellen und verkaufen. Obwohl der Vorgänger Final Fantasy XI ein bestens etabliertes Auktionshaus vorweisen kann, wurde dieser Fortschritt gestrichen und die gute alte Fußgängerzone mit ihren Flohmarktständen wiederbelebt. Hier darf sich der Realismus die Überdosis holen.

10. Man sollte die Punkte 8 und 9 Square Enix gegenüber keinesfalls mit fehlendem Endcontent und Verzug im Zeitplan in Verbindung bringen. Der klassische Japaner gibt sich niemals eine Blöße, bleibt immer höflich und verliert kein böses Wort. Deswegen ist in Final Fantasy XIV auch nichts provisorisch und unfertig, sondern es ist alles so gewollt. Immer schön das Gesicht wahren und lächeln, wenn auch vieles um einen herum zum Harakiri einlädt. In diesem Sinne ist Final Fantasy XIV mindestens das beste Onlinespiel des Universums.