Wer kennt sie nicht - die sich durch Umbenennung von ihren Vätern, den Postämtern, distanzierenden Filialen, die in ihrem Umsatzgeifer nicht davor zurückschrecken, auch das abwegigste Verkaufsprodukt an den Geldbeutelbesitzer zu bringen?

Gibt es überhaupt jemanden auf der Welt, der noch nie in einer Warteschlange gestanden hat und sich fragen musste, warum der vor einem stehende garantiert waschzwangfreie Schwerstarbeiter sein Stromanbieterschnäppchen unbedingt hier machen muss und das hinter dem Rücken quengelnde Dezibelgör von ihrer nicht minder schalldominanten Mutter ihre Diddl-Maus unbedingt heute gekauft bekommt?

Postfilialen sind für mich der Inbegriff der Serviceniedergangs und ich befürchte der Tag ist nicht mehr fern, an dem die hinter dem Schalter stehende wettbewerbsaggressive Servicekraft nach Entgegennahme meines Päckchens mir noch eine Briefmarkenausfallversicherung oder einen postgelben Cheeseburger aufschwätzen will.

Die Postfiliale

„Na bravo“, dürfte sich der Kolumnen lesende gamona-Surfgast denken. „Jetzt ist dieser Buchstaben verknotende Olnigg schon so onlineweltfremd, dass er uns wohl als Nächstes die genaue Konsistenz seines Morgengetränks schildern wird.“ Keine Sorge, so etwas würde ich niemals tun. Ich wollte lediglich auf etwas ganz Besonderes hinweisen: die Parallelität von Postfilialen und Game Mastern! Sie halten mich nun endgültig für einweisungsberechtigt und wollen jetzt doch lieber etwas über mein Morgengetränk hören? Geben Sie mir bitte die Chance zur Erklärung.

Die augenscheinlichste Gemeinsamkeit zwischen Postfiliale und Game Master ist die Warteschlange. Wer hier wie dort ohne eine Sekunde Lebenszeitvergeudung auskommen will, dem bleibt nur der Besuch von sehr abgelegenen und kundenverwaisten Niederlassungen, deren betriebsbedingte oder besser gesagt, komabedingte Schließung unmittelbar bevorsteht. Ansonsten kommt man über den gepferchten Genuss eben dieser Warteschlange nicht herum und man darf sich mit großer Regelmäßigkeit der ganzen Bandbreite an zutiefst verwunderlichen Ereignissen und Mitmenschen ausgesetzt sehen.

In deren Zentrum stehe selbstverständlich immer ich. Ich, der ich nur mal schnell in der Mittagspause das Einschreiben auf den Weg bringen wollte oder der ich bei der lootigen Ernteeinbringung durch den Weltenboden gefallen bin und nun der Unendlichkeit begegnend in einen bodenlosen Abgrund stürze. Auf gut Deutsch gesagt: Bei mir ist es stets ganz dringend.

Der einzig nennenswerte Unterschied zwischen Postfiliale und GM-Petition ist, dass ich im letzteren Fall nichts über das Ansinnen der vor mir an der Reihe befindlichen Person weiß. Zumindest nicht konkret weiß. Denn die Wahrheit ist zumeist so banal wie grausam ähnlich.

In der realen Welt vernehme ich vom Schalter die Gesprächsfetzen eines Kunden mit Migrationshintergrund, der bislang dachte, seine zweite Muttersprache ganz gut im Griff zu haben. Bis ihm die Frage begegnete, ob er mit dem Erwerb eines Plusbriefs im Standardbriefformat zukünftig das Risiko umgehen will, dass sein falsch dimensionierter Kompaktbrief zu einem unter dem Maxibrief rangierenden Großbrief wird?

Ähnliches widerfährt dem Antragsteller an den Bearbeitungsgestaden seiner virtuellen Welt. Je nach Firmenpolitik und Interpretationslaune des dienstleistenden Kopfbügelträgers kann man auch dort die ganze Skala erfolgsverhagelnder Kommunikationskatastrophen erfahren. Wobei hier das sprachliche Handicap eher bei einer nach Irland outgesourcten Zentralhotline zu sehen ist, die angesichts der Aussage, dass man wegen „des vermissten Epic Items einen dicken Hals bekommt“, mit dem Angebot reagiert, bei Problemen mit einem Körperteil gerne an den Anschluss des ärztlichen Notdienstes weiterzuverbinden.

Das Waldecho

Richtig schlimm wird es, wenn die vor einem liegenden Warteschlangenvorfälle an den Nerven des Konsumenten-pflegepersonals zerren und ein Übermaß an Geduld einfordern. Wer in direkter Nachfolge eines solchen Nerventesters sein Anliegen vortragen muss, der sollte dem menschlichen Schalterinventar größtmögliche Höflichkeit zuteil werden lassen.

Stellen Sie sich vor, unmittelbar vor Ihnen musste der Postangestellte einer demenzverstärkten und daher verständnisminimalen Urgroßmutter mühsam erklären, dass es unmöglich ist, auf einer Postfiliale die einzelnen Positionen einer Telefonabrechnung erklärt zu bekommen, weil die Trennung von Bundespost und Fernmeldedienst ähnlich lange zurückliegt wie der Oma letzter Biss mit eigenem Zahnmaterial. Wenn Sie jetzt an die Reihe kommen, dann rate ich Ihnen dringend vor bestimmten Redewendungen ab, wie zum Beispiel: „Hoffentlich werden die Pakete schneller transportiert, als Sie arbeiten, sonst kann der Zusteller die Adresse vor lauter Spinnweben nicht mehr lesen.“ Es sei denn, Sie haben ihre Warensendung so gut verpackt, dass ihr ein zufällig mehrmals darüber hinwegrollender Gabelstapler nichts anhaben kann.

Und jetzt portieren Sie den eben genannten Fall auf den Bereich der Onlinespiele. Man denke sich einen Game Master, bei dem kurz zuvor die verärgerte Anfrage bezüglich der „defekten Funktionstasten“ ganz leicht durch den erstmaligen Konsum des Handbuches als moderne Mauskomplettsteuerung hätte geklärt werden können. In welche Richtung dürfte wohl seine weitere Stimmungslage tendieren, wenn dieser nun Ihrer sehr vagen Fehlerbeschreibung „in diesem Scheißspiel funktioniert überhaupt nichts“ ansichtig wird?

Oder man stelle sich einen GM vor, der nach aufwendiger Sichtung von ellenlangen Protokolldateien feststellen musste, dass das „verlorene Uberitem“ nur Einbildung eines dreisten Möchtegernbetrügers war und er sich gleich im Anschluss von Ihnen fragen lassen muss, ob er angesichts des gigantischen Betrags von 15 Euro Abonnementgebühr die Wartezeit aufbauenden Toilettengänge nicht zukünftig auf den Urlaub verschieben könne?

Damit kommen wir zum Moralauswurf meiner heutigen branchenübergreifenden Geschichte. Wann immer ich mich in eine Warteschlange gepfropft und den Hass auf die unmittelbare Umwelt aufbauen sehe, versuche ich stets, mir eines bewusst zu halten. Die Leute da hinter dem Schalter, am Ende der Leitung oder der Gegenstelle meiner Tastatur, mit denen ich gleich kommunizieren werde, sind auch nur Menschen. Sie müssen das ausbaden, was Ihnen Ihre Vorgesetzten, eine Firma und deren Produkte eingebrockt haben.
Und zu allem Überfluss auch noch das, was wir Warteschlangler ihnen so tagtäglich alles zusätzlich zumuten.

Ach ja. Ich hatte übrigens heute früh einen Orangensaft. Orangensaft unterteile ich immer in zwei Kategorien. Allerdings nicht, wie der Laie vielleicht vermuten würde, in a) 100 Prozent Fruchtgehalt und in b) Farbstoff mit reichlich Frischwasserentsorgung. Nein, meine Kaufkriterien sind viel mehr das Öffnen einer a) Glasflasche oder eines b) Getränkekartons mit anschließend garantiertem Hemdwechselbedarf. Soll ich Ihnen dazu nächste Woche mehr erzählen?