Carolin hat eines dieser Tops an, bei der man sich automatisch fragt, wie ein einzelner klitzekleiner Knopf solche Naturgewalten im Griff haben kann. Doch bevor die Lösung gefunden wird, fährt ein stechender Schmerz durch den eigenen Körper. Wurde soeben der Oberarm gequetscht? Die Fußspannhöhe auf die Hälfte reduziert? Oder kollidierte etwa eine mit Messeprospekten gefüllte Tüte mit dem Schritt? Wer für Sex und Schmerz Geld bezahlt, der ist entweder bei Domina Zora zu Gast oder er trägt eine Eintrittskarte zur Gamescom in der Hand.

Lamescom

Alle Jahre wieder pilgern Horden zweibeiniger Sauerstoffatmer hinein in übervölkerte Großgebäude, um sich in freudiger Erwartung physische und psychische Verletzungen zufügen zu lassen. Und sind es nicht die in Überzahl vorhandenen Mitmenschen, die ihnen weh tun, dann bekommen sie bei den Ausstellern ihre Maso-Dosis ab. Oder ist es anders als seelische Folter zu nennen, wenn man eine göttliche Software nur wenige Minuten anspielen darf, um anschließend Jahre auf deren Release warten zu müssen?

Die Überlebenden unter den Pixellemmingen haben danach nichts Eiligeres zu tun, als die gesammelten Informationen schnellstmöglich ins Internet zu stellen, damit die mit Verstand gesegneteren Menschen die neuesten News bequem vom Wohnzimmersessel aus in sich aufnehmen können. Diesen gelebten Wahnsinn nennt man Messe im Allgemeinen und Gamescom im Speziellen. Höchste Zeit also, die Füße hochzulegen, ein Kaltgetränk bereitzustellen und in den Weiten des Netzes nach ein paar zutiefst subjektiven Eindrücken zu fischen.

Olniggs Glosse - Ausgabe 78: Lamescom

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Drei Hände sind eine zu viel
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Die erste spektakuläre Meldung stammt allerdings nicht von der Messe selbst, sondern von deren Umfeld. Bill Roper hat mal wieder fertig. Nachdem er erfolgreich den Erfolg von zuerst Hellgate und jetzt Champions Online verhindert hat, steht es 2:1 im Match gegen Brad McQuaid. Man darf gespannt sein ob Letzterer nach seiner frühen Vanguardtorpedierung und einer längeren Verletzungspause wieder in das Spiel zurückfinden wird. Der Gewinner dieser Partie wird im Halbfinale auf niemand Geringeren als den NCsoft-Bezwinger Richard Garriott treffen. Die Hypeman-League bleibt spannend.

Wendet man sich dem direkten Messegeschehen zu, so fällt einem auf, dass einem nichts auffällt. Die Konsolen verharren in ihrem Dornröschenschlaf und wollen den PC-Grafikkarten noch ein weiteres Jahr Vorsprung geben. Dafür dürfen wir jetzt alle vor dem Fernseher herumhampeln und die Nachbarn einen Stock tiefer doppelt so schnell in den Wahnsinn treiben. Der Umsatz, zumindest für die Justizkasse, bleibt gesichert.

Shock lass nach

Bei der Software tut sich hingegen einiges. Activision kaschiert das Fehlen neuer Konzepte mit einer Blutsturmflut. Wobei uns Deutsche das nicht schrecken sollte, da wir in den Genuss der Steam-Kindersicherung kommen. Guild Wars hat von 20 Leveln die Nase voll und lässt bei der Zwei das Pendel in ein anderes Extrem ausschlagen. Selbstverständlich hat so viel Mut seinen Preis und im Sinne der Risikominimierung werden die Level im WoW-Überschalltempo durchflogen. Bei Sony sollen mit EQnext aller guten Dinge endlich drei werden. Obwohl ein Herr Smedley vor einigen Jahren zugegeben hat, dass es ein Fehler gewesen sei, EQ2 als EQ2 zu veröffentlichen. Ebenfalls Schwierigkeiten mit dem Langzeitgedächtnis hat die Firma JoWood, die ihrem vierten Gothic ein Hack’n’Slay-Feeling und den Wegfall der Gildenzugehörigkeit spendieren.

Apropos Etikettenschwindel. Die nächste Great Yellow Hope namens TERA kündigt sich mit bildgewaltigen Ersteindrücken an. Jetzt will man aber endlich den westlichen MMO-Olymp erklimmen. Hoffentlich wird es nicht allzu eng da oben auf dem Weg zum Gipfel, wenn sie den asiatischen Kurzzeithoffnungen Aion und Final Fantasy XIV bei deren Abstieg begegnen werden.

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Noch’n Ausschnitt im Ausschnitt
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Wer jetzt grübelt, was diese Infos mit der Gamescom zu tun haben, wo doch das alles bereits vorher bekannt gewesen ist, der hat gut aufgepasst. Ein reales Messegeschehen für Spiele mit Onlineinhalten abzuhalten nimmt zunehmend anachronistischere Züge an. Es sei denn, man will sich auch zukünftig nicht die Gelegenheit entgehen lassen und beobachten, wie es einer Viertelmillion Menschen gelingt, so viel Abfall an den Mülltonnen vorbei auf den Boden zu werfen.

Doch Halt! Zwei positive Erkenntnisse gab es dann doch auf der bissfreien Gamescom.

Erstens gibt Microsoft mit der Entwicklung von Flight erstaunlich offenherzig zu, dass sie die Flugsimulatoreinnahmen schmerzlich vermissen.

Zweitens trägt Bioshock Infinite mit seiner grandios surrealen Spielwelt erheblich zur Suche nach dem perfekten Fazit bei. Eine fliegende Stadt des letzten Jahrtausends in der das Außergewöhnliche zur Normalität verkommt. Ein Spiel entweder zurück in die Zukunft oder vorwärts in der Vergangenheit, wo auf erfrischend unbekannten Wegen, Naturgesetze und Verstand mit Füßen getreten werden und sich unser Erfahrungsschatz dem Reset-Knopf unterwerfen muss. Da liegt das perfekte Schlusswort nahe: Mit etwas Wahnsinn im Kopf, wird jede Messe zum perfekten Ereignis.