Wenn man dieser Tage die Testberichte und Bewertungen zu Need for Speed World liest, dann liegt der Schluss nahe, dass Electronic Arts den neuen Spitzenreiter der Bockmist-Top-Ten stellt. Doch ist dem wirklich so? Könnte nicht das Gegenteil der Fall sein? Könnte nicht allseits geirrt werden? Mir scheint ihr Tester und Spieler da draußen habt den Blick für das Ganze verloren und darum wird euch Olnigg heute erklären, weshalb er Need for Speed World für genial gelungen hält.

Needs World Speed?

NfSW soll überhaupt kein perfektes Spiel sein. Dessen gepfuscht und unvollständig erscheinender Content passt vorbildlichst in Electronic Arts’ gesamtes Spiel-Portfolio - und das ist jetzt nicht so garstig gemeint, wie es sich auf den ersten Blick liest.

So wie der VW-Konzern zwischen Spar-Lupo und Edel-Porsche den Rentner-Jetta platziert, um möglichst jeder möglichen und unmöglichen Käuferzielgruppe etwas anbieten zu können, so wurde NfSW konzipiert, um selbst noch den Spieler mit dem bizarrsten Geschmack gewinnen zu können. Für alle, die jetzt fragen, warum es dann ausgerechnet ein Jetta ohne Fenster und Reifen sein musste, sei im Folgenden die ausführliche Erklärung versprochen.

Olniggs Glosse - Ausgabe 76: Needs World Speed?

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Ostfriesische Produktwarnung
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Will man NfSW bewerten, dann sollte man zuerst eine Zeitmaschine besteigen und einige Monate in die Vergangenheit reisen. Mit Tiger Woods PGA Tour Online wurde die Trilogie des vermeintlichen Rückschritts begonnen, mit FIFA Online fand sie eine erste Fortsetzung und Need for Speed World ist der derzeit krönende Abschluss des königlichen Versagens. Aber drei Bytekrepierer in Reihe und trotzdem vermeldet der letzte EA-Quartalsbericht steigende Umsätze im Onlinesektor. Wie passt das zusammen? Wie kann ein Weniger an Content ein Mehr an Umsatz bedeuten?

Die erste Tatsache ist zugleich die eindeutigste. Need for Speed World und seine behinderten Onlinebrüder sollen absichtlich nicht so gut wie ihre wohlgeratenen Offline-Schwestern sein. Sie dürfen allerhöchstens den Status einer seichten Lite-Kost erreichen, damit der Umsatz der Offliner niemals gefährdet wird. Wer soll denn noch FIFA 11 und Need for Speed: Hot Pursuit kaufen, wenn er online für ein Umsonst gleiche oder bessere Qualität bekommen würde? NfSW ist nichts anderes als ein Teaser für Junkies, die auf Nachschub warten. Weiter ist es eine gelungene und mächtige Trial für jungfräuliche Genreeinsteiger. Und für diejenigen, die bei NfSW dauerhaft hängenbleiben und es den Bewertungen der Gamesites zum Trotz jahrelang weiterspielen, ist es der beste Beweis, dass nicht nur intelligente Menschen Spaß am Leben haben dürfen.

Need for Speed works

Dies führt nahtlos zu den sekundären Vorzügen der inhaltlich schwachbrüstigen Online-Ableger - der kostenlosen Werbung. Wie könnte man billiger die Erinnerung an aktuelle Spielreihen aufrechterhalten als durch eine stete Berichterstattung newsgeiler Medien.

Liegt der letzte Upgrade der PGA Tour schon zu lange zurück und die Käuferzahlen der Offline-Version beginnen abzustürzen wie ein Oger beim Stabhochsprung? Kein Problem! Flugs im Rahmen eines Updates ein rosa Schläger-Set bei Tiger Woods Online eingeführt und eine entsprechend originelle Pressemitteilung herausgegeben. Anschließend trifft bei einem Teil der Leser die bunte Newsmeldung ins Schwarze und von da an ist es vom Da-war-da-noch-etwas-Gedankenblitz bis zum In-die-Reihe-könnte-ich-auch-mal-wieder-Reinschauen-Impulskauf nicht mehr weit.

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Der Verkehrsmagnet als Powerbremse - von Platz 1 zum Schlusslicht in 0,0 Sekunden.
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Electronic Arts Onlinespiele erfüllen also dieselbe Funktion wie die Süßigkeitenregale vor der Supermarktkasse. Nicht dauerhaft sättigend aber wunderbar griffbereit. Sie sorgen für einen kleinen aber steten Mehrumsatz und bereiten zudem nicht nur den Bettnässern unter uns einen glücklichen Moment. Und mit etwas Glück greift die Kundschaft danach zur Großpackung aus den Standardregalen.

Jetzt bleibt nur noch die Frage nach den Onlineeinnahmen offen? Woher kommt und wieso rollt der Rubel? Die Antwort ist einfach. Ich bin der Schuldige!

Bei meinem ersten Kontakt mit dem hölzernen Tiger lockten mir gute Laune und Shop 40 Dollar für bessere Schläger, Bälle und Kleidung aus der Tasche. Bei FIFA Online hingegen erlaubte mir dessen selbsteinstellender Schwierigkeitsgrad mit seiner DAX-ähnlichen unberechenbaren Tagesform ein schnelles Weiterreisen und mein Geldbeutel durfte kurz Durchatmen. Als letztes ließ sich das Rennspiel meine Neugier mit salomonischen 20 Dollar für den Frühstart entlohnen.

Alles in allem hatte ich für drei völlig verschiedene Spiele und über einen Monat kurzweiliger Unterhaltung 60 Dollar gezahlt. Im Vergleich zu einem klassischen MMORPG ganz schön dumm von mir und in Relation zu so manchem überteuerten Konsolen-Shooter mit unter 20 Stunden Spielspaß ganz schön schlau von mir.

Ich war unterhalten, Electronic Arts hatte meine locker sitzende Kohle und die Server waren fortan frei für den nächsten Laufgast wie mich. So mancher Rattenfänger dürfte an dieser Stelle die Flöte ein- und den Neid auspacken.

Ich fasse also zusammen.

Die genannten Onlinespiele können trotz inhaltlicher Schwächen einen temporär angenehmen Zeitvertreib darstellen. Sie können Leute zu den ernstgemeinteren Offlinevarianten anfixen oder selbst ein paar Geldbrösel generieren. Und über allem bleiben die Firma und deren Produktreihen in den kostenlosen Schlagzeilen.

Das alles klingt für mich schon verdächtig nach der berühmten eierlegenden Wollmilchsau. Wie könnte man einer solchen Sauerei die Perfektion absprechen wollen?