Vor nicht allzu langer Zeit bewahrte die Firma Turbine das Spiel Dungeons & Dragons Online (DDO) mit einem verblüffenden Schachzug vor dem Serversuizid. „Free to Play“ (F2P) lautete die Zauberformel, welche auf verständlichere Buchstabenbreite gebracht bedeutet: „Man zahlt lediglich so viel wie einem das Spiel wert ist.“ Daher konnte es sich nur um eine Frage der Zeit handeln, bis die Konkurrenz in und außer Haus auf denselben Zug aufspringen würde, um nicht von demselben überrollt zu werden. Dies gibt mal wieder Anlass zu einem exklusiven Beinaheinterview mit einem der vielen kompetenten Leistungsträger unserer so geliebten Onlinebranche.

Olnigg: Herr Georgeson, Sie sind Producer von Everquest II und ich freue mich, dass Sie Zeit für dieses Interview gefunden haben.

Hr. Georgeson: Es ist auch meinerseits eine Freude hier sein zu können. Und nennen Sie mich Dave.

Olnigg: Gerne Dave. Dave, wie viel Station Cash Punkte werde ich für dieses Interview aufbrauchen müssen?

Dave: Das kommt darauf an, wie schnell Sie die Antworten haben wollen. (lacht) Nein, im Ernst. Ich kann verstehen, dass die Onlinewelt so erstaunt ist, wo doch Sony Online Entertainment neuerdinges bei Everquest 2 auf F2P setzt, obwohl wir es früher entschieden abgelehnt haben. Aber wie so oft diktiert der Markt die Aktion.

Olnigg: Der Markt in Form der direkten Konkurrenz von Dungeons & Dragons Online und dessen Erlössteigerung von 500 Prozent in 6 Monaten? Sind das Zahlen, mit denen Sie auch gerne Ihren Vorgesetzten begrüßen würden?

Dave: Nein, ich rede von unserem hauseigenen F2P-Produkt Free Realms, welches übrigens schon Monate vor DDO Eberron Unlimited erschienen ist. Bei Free Realms durften wir im Monatstakt Accounteröffnungen in Millionenstückzahlen beobachten. Hieraus nichts zu lernen, hieße den Verstand von der Klippe zu stürzen.

Olnigg: Das Alter der Zielgruppen von Free Realms liegt zwischen 10 und 14 Jahren. Ist es nicht ein wenig skrupellos, bereits diese Altersgruppe an geldgebundene Ingame-Erfolge und putzige Pets mit Taschengeldsprengung zu gewöhnen?

Dave: Skrupellos sind stets und höchstens die anderen. Wer wie Lego Universe parallel zum Release ein suchtbringendes Trading Card Game veröffentlicht und das für eine Zielgruppe, die noch ihre letzten Windelausdünstungen frisch in Erinnerung hat, den nenne ich skrupellos. Unsere Unternehmensstrategie hingegen verstehe ich als kreativ frühzeitige Kundenbindung.

Olnigg: Dann lassen Sie uns über Everquest 2 Extended reden. Sie bieten dort vier verschiedene Mitgliedschaften mit sehr unterschiedlichem Content an. Das Ganze erinnert in seiner Komplexität sehr an den Beipackzettel eines Medikaments. Auch ihre Aufzählung der vielen Einschränkungen der kostenlosen Accounts lässt die Assoziation mit den zahlreichen Nebenwirkungen eines Arzneimittels nicht abreißen. Ging es nicht einfacher oder wird EQ2 Extended gar apothekenpflichtig?

Dave: Wer Goldfarmer und Real Money Trader nicht den roten Teppich auslegen will, der kommt nicht umhin Einschränkungen in Geldbesitz und Mailversand vorzunehmen. Wer hier eine gewollte Spaßbremse vermutet, der hat entweder keine Ahnung von MMOs oder einen chinesischen Pass.

Free 2 Cancel

Olnigg: Ihr Konkurrent Turbine hat sich in seiner nur Tage später hastig nachgereichten eigenen Account-Matrix für Herr der Ringe Online nicht nehmen lassen, deutlich darauf hinzuweisen, dass dort alle Rassen und Klassen ohne jegliche Zusatzkosten gespielt werden dürfen. Haben Sie keine Sorge, dass viel Gier bei der Klasse wenig in der Kasse bedeuten könnte?

Dave: Erstens ist die Anzahl unserer kostenlos spielbaren Klassen bereits höher als HdRO insgesamt Klassen hat und zweitens hat Turbines neue Bescheidenheit seltsamerweise erst nach DDO Einzug gehalten. Wer zudem so träge ist und viele Monate anstatt wenige Wochen zwischen Free-to-play-Ankündigung und Umsetzung verstreichen lässt, der sollte seinen Schwerpunkt zukünftig besser auf die Suche nach Professionalität legen. Sie verzeihen also, wenn ich dem Gebrauch des Wortes Konkurrenz hier nicht zustimmen kann.

Olnigg: Im Gegensatz zur Nichtkonkurrenz überrascht SOE im Rahmen seiner F2P-Umstellung mit einem zusätzlichen völlig neuen Abonnementmodell. Mit 200 Euro Jahresgebühr bietet sich dem EQ2-Altspieler plötzlich die Möglichkeit, noch viel mehr als auf den alten Live-Servern zu bezahlen. Als Gegenleistung kommt er dafür in den Genuss, auf 14 der insgesamt 18 spielbaren Rassen verzichten zu müssen. Liegen Ihnen irgendwelche Forschungsergebnisse vor, von denen der Rest der Welt noch nichts weiß und die besagen, dass Menschen umso hirnloser werden, je reicher sie sind?

Dave: Es wird Ihnen nicht gelingen, mir einen Kommentar über eine Frau Lindsay Lohan oder einen Herrn Mark Zuckerberg abzuringen. In der Sache kann ich Ihnen allerdings versichern, dass F2P keineswegs der Verzicht auf eine zahlungskräftige Klientel bedeutet. Ganz im Gegenteil. Jeder Ökonom lernt heutzutage im ersten Semester die ABC-Analyse als heiligen Gral zu verehren. 20 Prozent der Kunden leisten 80 Prozent des Umsatzes. Ergo erfolgt die effizienteste Anhebung des Umsatzniveaus durch eine Steigerung des Maximalumsatzes pro Person. Oder vereinfacht gesprochen. F2P bedeutet grenzenloser Spielspaß, und das auch nach oben.

Olnigg: Fürchten Sie nicht den Umkehrschluss? Wenn Ihre Formel Erfolg haben soll, dann sollten Sie nicht die 80 Prozent der Kunden vergessen, die nur 20 Prozent des Umsatzes bringen. Denn werden diese vergrault, dann haben Ihre „Oberen Zwanzig“ keine Ansprechpartner mehr um zu raiden und zu posen. Könnte es unten nicht sehr menschenleer werden, wenn es dort zu sehr nach Ghetto riecht?

Dave: Wir hätten durchaus nichts dagegen, wenn sich unsere Kundenbasis eines Tages ausschließlich aus Personen mit goldenen und platinfarbenen Kreditkarten zusammensetzt. Das würde einerseits Serverkosten reduzieren und andererseits eine Menge mehr Kreativität hinsichtlich der Inhalte unseres Item Shops erlauben. Gucci-Backpack, Lamborghini-Mount, Veuve-Clicquot-Potion, Chanel-Trap ... man könnte ins Träumen kommen.

Olnigg: Dave, schon den Februar 2006 vergessen?

Dave: Wie könnte ich das jemals? Da versuchte ich mich zum ersten Mal an meinem High School Abschluss.

Olnigg: Nein, damals wurde der Legends-Server geschlossen. Der, bei dem die Everquest -1-Spieler das Vergnügen hatten, für bescheidene 40 Dollar im Monat auf einer eigenen Umsatzelitenwelt zu vereinsamen.

Dave: Wenn ich es mir so überlege, dann ist es mir gar nicht mehr recht, dass Sie mich Dave nennen.

Olnigg: Kein Problem. Ich danke für das Gespräch, Daze.