Ich bin ein Versager. Das ist sicher. Unsicher bin ich noch, ob mein Versagen mangelhafter Denkleistung oder zunehmend abweichender Geschmacksverwirrung geschuldet ist. Tatsache ist, dass ich gleich drei zurückliegende Ereignisse überhaupt nicht mit meinem Weltbild in Einklang zu bringen vermag. Eine solche Häufung von Unvereinbarkeiten kann doch unmöglich fremdverschuldet sein? Oder vielleicht doch?

Weil es Neugier und Kolumnennachschub diktieren, ist mir eine regelmäßige Teilnahme an Beta-Tests Freude und Verpflichtung zugleich. Umso überraschender ist es, dass gerade hier eine länger andauernde Vernichtungsquelle meiner Tagesfröhlichkeit zu finden war.

Zuvor noch eine Handvoll Worte zur Nicht-Dummschwätz-Anordnung, auch NDA genannt. Selbstverständlich werde ich diese im Folgenden zu respektieren wissen und keinerlei übermäßig konkreten Bezüge herstellen. Es geht mir an dieser Stelle nicht um eine spezielle Spielverhetzung, sondern mehr um die Frage, ob ich langsam dem Wahnsinn anheimfalle? Oder ob vielleicht nicht doch das Schicksal generell die irdischen Sofware-Developer von den Zuteilungsrationen der himmlischen Grütztöpfe ausgeschlossen hat.

Olniggs Glosse - Ausgabe 70: Betablocker

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Ohne Account keine Fehlermeldung. Ohne Fehlerbehebung kein Account. Das Bugparadoxon ward erfunden.
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Eintrag Nummer Eins meines Horrortagebuches war ein auf 3D getrimmter Ultima Online Klon Nr. 586. Gemäß dem Motto: der Spieler darf dem anderen Spieler nicht nur das Leben sondern auch all sein Inventar abnehmen. Alle Freiheit der Freiheit und der beste Spielverderber hat den größten Spaß. Ich war gewarnt und doch wurde ich überrollt.

Der Anfang war vielversprechend. Die Jagdbeute musste gesucht und Crafting mühsam erarbeitet werden. Kein Fast-Food-Game sondern knackige Virtual Reality. Doch leider endete die Realität bei dem Reißverschluss des Backpacks. Massenstehlen sei Dank, wechselten Hundertschaften an Fellstapeln und Steinlawinen an Erzbrocken in Lidschlagzeiteinheit den Besitzer. Binnen Sekunden war der Lohn für vorangegangene Spielstunden verloren. Und das alles bei einem Spielanfänger in der Startstadt.

Durch mein Schicksal mehr amüsiert als schockiert begann ich das Geschehen zu beobachten. Beim Eintreffen eines Newbie-Charakters stürzten sich ganze Horden von Dieben auf das ahnungslose Opfer. Als Gegenmaßnahme konnte man zwar im Falle eines Diebstahls durchaus die Wachen rufen, aber dazu musste man den Langfinger erst einmal auf frischer Tat ertappen. Was taten also die etwas erfahreneren Spieler? Um Taschendiebe auf Distanz zu halten und da das Spiel nur in der Ego-Perspektive zu spielen ist, stellte sich fast jeder mit dem Rücken zur nächstgelegenen Wand, was nicht selten Assoziationen zu einer unmittelbar bevorstehenden Massenerschießung aufkommen ließ. Alternativ konnte man einige Avatare beobachten, die sich fortwährend um die eigene Achse drehten, defekten Hubschraubern nicht unähnlich.

Brainblocker

Und diese permanent Panik sollte unterhaltsam sein? Es war schon recht erstaunlich, was Menschen freiwillig über sich ergehen ließen. Wenn eine Entwicklungsabteilung solch abschreckende Konzeptionsfehler bis zur Closed Beta nicht bemerkt hatte oder diese gar als natürlich gewollt ansah, dann war es Zeit weiterzuziehen.

Fall Nummer Zwei, ein Onlinestrategiespiel aus Fernost, versprach das genaue Gegenteil der gerade durchlebten Selbstkasteiung. Hier jedoch begann der Hürdenlauf schon vor dem Weltenbeitritt.

Man stelle sich jetzt bitte einen Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn vor. Diesen Eindruck multipliziere man mit einem in serbokroatischer Sprache gehaltenen Einkommensteuergesetzbuch. All das zusammen lasse man abschließend von Babel Fish in ägyptische Hieroglyphen übersetzen. Das Endergebnis in Form eines Fragezeichens mit Planetenübergröße entspricht in etwa der Hälfte der Probleme, die ich mit der Erstellung eines Test-Accounts für Beta-Test Nummer Zwei hatte.

So desaströs es für das eigene Ego auch sein mochte, sich einer Software bereits vor dem Download geschlagen zu geben, umso beruhigender war es für das eigene Seelenheil, sich ein späteres Aufeinandertreffen mit einem wahrscheinlich ähnlich irrgartenartig agierenden Kundensupport erspart zu haben.

Olniggs Glosse - Ausgabe 70: Betablocker

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Die Apfelklasse.
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Der dritte Bata-Kandidat gab mir während der Charaktererstellung den Rest. Auch hier sei wieder etwas Fantasie gefordert. Man suche sich irgendeinen Hauptdarsteller aus dem Kinofilm „Der Herr der Ringe“ aus. Dieser sei in all seiner detaillierten Naturgetreue die erste anwählbare Rasse eines völlig neuen Fantays-Onlinespiels. Die zweite Rasse rekrutieren wir aus dem Filmklassiker Excalibur. Man nehme also Artus, Merlin, Lancelot oder eine weitere Blechikone mit ihrer prächtigen Edelwirkung. Das klingt doch alles sehr verheißungsvoll, nicht wahr? Jetzt zur dritten Rasse. Diese treiben wir an gänzlich unerwarteter Stelle auf. Aus South Park.
Wer schon immer einmal um die optische Wirkung eines neben Gandalf reitenden Eric Cartman wissen wollte, der muss sich nicht mehr lange gedulden. Demnächst auf Ihrem PC!

Versteht man jetzt meine eingangs gestellte Frage, ob ich oder ob die Welt am versagen ist? Obwohl mich die richtige Antwort vermutlich genauso weiterbringen wird, wie ein Floh, der einen Elefanten zur Starthilfe anschieben will.
Wer früher an einem Beta-Test partizipieren wollte, der musste das Glück haben, per Los oder Beziehung unter die Teilnehmer zu geraten. Heutzutage steht diesem Erfolgserlebnis noch eine weitere Hürde im Weg. Nämlich, sich nicht aus Versehen bei dem falschen Softwarehaus beworben zu haben und dadurch das Produkt einer Borderline-Selbsthilfegruppe vorgesetzt zu bekommen.