Schon die alten Römer wussten es. Panem et circenses halten eine Nation bei Laune. Schade, dass heutzutage immer weniger politische Entscheidungsträger das Latinum beherrschen. Täten sie dies, dann würde ihnen das mit dem Regieren und trotzdem wiedergewählt werden wesentlich leichter fallen. Doch wie gut, dass sie mich haben. Denn ich habe die Lösung für die Politik und das noch dazu absolut kostenlos und garantiert ohne lebenslangen Solidaritätszuschlag.

Hassableiter

Versucht man der aktuellen Stimmungslage in der Bevölkerung zu lauschen, dann läuft man Gefahr das Trommelfell zerfetzt zu bekommen. Kein Familienangehöriger, kein Freund und kein Arbeitskollege, der nicht angesichts der griechischen Milliardenversenkung verwundert den Kopf oder die Faust schüttelt. Weil bei den Rettungsaktionen die risikofreudigen Banken genauso wie der Verstand herausgehalten werden und die Politiker Unmengen von Geld im Mittelmeerboden versenken, würde das Stimmvieh jene am liebsten gleich hinterherschmeißen. Bei uns einfachem Volk entsteht aus solcherart ignoranter Staatsdoktrin einzig Ablehnung und Aggressivität, Verbitterung und Hass.

Doch wohin damit? Wie geht es weiter? Wie können die Mächtigen des Landes die Wogen nicht nur in der Ägäis wieder glätten? Wie der daraus erwachsenden neuen Lust auf Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit entgegenwirken, um auch zukünftig noch Geld für Luxusabfindungen zur Verfügung zu haben?

Die Lösung ist so genial wie einfach: Brot und Spiele. Ein Volk, das übersättigt und bestens unterhalten ist, lässt wesentlich mehr mit sich machen, als eines, welches über Zeit und Energie zum Nachdenken verfügt.

Nun kenne ich mich mit Brot nur sehr eingeschränkt aus und ich würde diesen Teil der Problemlösung gerne der Nahrungsmittelchemie überlassen. Diese wissen viel besser zu beurteilen, ob die Erfindung eines Quattro-Burgers wirklich besänftigen kann. Aber zum Thema Spiele hätte ich einen Vorschlag: macht die Computerspiele noch viel brutaler!

Betrachtet man die Ereignisse um die Vergabe des 2. Deutschen Computerspielpreises, dann wundert mich diese renitente Grundhaltung von uns deutschen Normalbürgern überhaupt nicht. Erinnern wir uns: Der von Kulturstaatsminister und Bundestag ins Leben gerufene Preis hat sich selbst zum Ziel gesetzt, die (Zitat) „Entwicklung innovativer, kulturell und pädagogisch wertvoller Spielkonzepte und -inhalte“ zu fördern. Und was geschah? Mit aller Mühe und unter Zuhilfenahme hektischer Nachnominierungen, lächerlicher Doppelauszeichnung und resignierender Preisnichtvergabe musste den weltfremden Auszeichnungskriterien Tribut gezollt werden.

Ich frage mich, warum in aller Welt wollt ihr unbedingt pädagogisch wertvolle Spiele auszeichnen? Wie leicht könntet ihr anders eine ganze Fliegenpopulation mit einer Klappe schlagen!

Blicken wir auf das alte Rom zurück. Der Circus Maximus, die Allianz-Arena der Vorzeit, war ein Quell barbarischer Unterhaltung. Hier führten noch echte Kerle ihre Formel-1-Wagenrennen ohne Zuhilfenahme modernster Sicherheitstechnik und Auslaufzonen durch. Die einzige Spielregel der Gladiatorenkämpfe lautete, Volk und Regent nicht durch zu wenig Blutfluss zu langweilen. Zoo und Ausländerintegration wurden zusammengelegt, indem man Fehlgläubige zum Energienachschub für Raubtiere umwandelte. Alles in allem eine höchst ekelhafte Angelegenheit mit einem erstaunlichen Ergebnis. Wenn die Zuschauer nächtens unter dem Eindruck grausamster Bilder eingeschlafen waren, dann störte sie am nächsten Morgen die in Relation niedlichen Grausamkeiten der Regierung kaum mehr. Denn bei einer Reizüberflutung an Desastern bleibt stets nur das gewalttätigste in Erinnerung.

Werte Politiker, ihr wollt bockige Bürger auch weiterhin verarschen? Dann streicht die Alterseinschränkung bei Computerspielen. Lasst die Kleinsten der Kleinen sich schon von Geburt an daran gewöhnen, dass das menschliche Durchschnittsdasein einem gelebten Masochismus entspricht, und schon wird die Geisterfahrt eurer Staatslenkung allerhöchstens gelangweilte Kenntnisnahme generieren. Wem darüber hinaus die Möglichkeit gegeben wird, Bankster und Polishiter bereits in virtuellen Welten in großer Zahl und genugtuend zu massakrieren, der wird dasselbe im realen Leben bestimmt nicht noch einmal durchspielen wollen.

Erster olniggscher Computerspielpreis

Um euch ein konkretes Beispiel für meine Strategie der Volksdigitalanästhesie an die Hand zu geben, will ich verraten, wem ich an eurer Stelle ein paar der Pokale des 2. Deutschen Computerspielpreises verliehen hätte.

Preisträger „Bestes Kinderspiel“: Dragon Age von Electronic Arts

Begründung: Die reichliche Verwendung der Farbe Rot stellt eine ausgezeichnete Übung zur Stärkung der Sehkraft dar. Gerade im Kontrast zu dem Grün von Wäldern und Wiesen bewirkt der spielerische Umgang mit Komplementärfarben eine unterbewusste Schärfung von Wahrnehmung und Farbempfinden.

Preisträger „Bestes deutsches Spiel“: Call of Duty - Modern Warfare 2 von Activision

Begründung: Der Handlungsablauf des Spiels beginnt in Afghanistan und trägt hervorragend zur öffentlichen Meinungsbildung bei, dass das dortige bundesdeutsche Engagement, eine entsprechend professionelle Präsentation vorausgesetzt, ebenfalls ein enorm positives Unterhaltungspotenzial besitzt.

Preisträger „Bestes Serious Game“: Grand Theft Auto von Rockstar Games

Begründung: Die Vermischung von englischem und deutschem Vokabular in der Bezeichnung der Preiskategorie findet in dem Spieltitel eine perfekte Fortsetzung. Das Kleinbürgertum des Kulturministeriums kann sich hier in schleimerischer Vollendung dem sprachlichen Diktat der Modernität unterwerfen, ohne dass sich die geistige Altersstruktur der Komiteemitglieder anzupassen hat.

Preisträger „Bestes internationales Spiel“: Die Siedler 7 von Ubisoft

Begründung: Mit seinem rigorosen DRM-Konzept unterstützt der Preisträger auf vorbildliche Weise das Vorhaben, die Einwohner der Bundesrepublik Deutschland an eine umfassende und totalitäre Staatsüberwachung zu gewöhnen. Zudem steuert die temporäre Unspielbarkeit aufgrund mangelhafter Serverkapazitäten an Feiertagen einen nicht unerheblichen Anteil zu umfassenden Stromeinsparungen bei.

Wie man sieht, habe ich entgegen der tatsächlichen Praxis der Fachjury, speziell die Software umsatzstarker Großkonzerne gewürdigt. Das hat den positiven Nebeneffekt, dass das Organisationskomitee die Preisgelder nicht mehr von der Spielindustrie mühsam erbetteln muss, sondern aufgrund des Werbeeffekts reichlich damit überhäuft werden wird.

Es wäre ja so leicht, alle Beteiligten zufriedenzustellen, wenn man nur will. Selbst so mancher in der Jury sitzende Bilderbuchpädagoge dürfte froh sein, nicht mehr tagelang nach irgendwelcher rar gestreuten Vorbildsoftware suchen zu müssen, sondern endlich wieder etwas Zeit und eine Hand für die Hose seiner anvertrauten Zöglinge frei zu haben.