Wann haben Sie Ihrer Freundin zum letzten Mal einen guten Duft geschenkt? Nein, damit ist nicht gemeint, wann Sie sich zum letzten Mal unter die Dusche gestellt haben. Ich denke da viel mehr an diese Parfümbomben, die bei weiblicher Überdosierung die Fahrstuhlfahrt zum atmungstechnischen Überlebenstraining geraten lassen.

Wenn ein solches Geschenk nicht allzu lange her ist, dann werden Sie sich sicherlich noch an Ihren eignen Gesichtsausdruck erinnern, als Sie erkennen mussten, wie viele Geldscheine Sie damals für Massen an Verpackung und Lupenfutter an Inhalt ausgeben mussten. So etwas nennt man eine Mogelpackung.

Hält man in der Onlinebranche nach Mogelpackungen Ausschau, dann muss man nicht lange suchen. So ziemlich jede Firma hatte schon eine im Programm und viele von uns sind so geil auf, Tschuldigung, so triebhaft verlangend nach einer onlinschen Mogelpackung, dass sie dafür sogar eine Lockerung des Menschenhandelsverbots billigen und nahe Verwandte verkaufen würden. Es ist die Rede von der Open Beta.

Olniggs Glosse - Ausgabe 65: Frohes Betafest

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Bei einem Bodybuilding-Wettbewerb sollte die Rolle des Haardesigners nicht unterschätzt werden.
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Beta-Tests sind an sich eine gute Sache. Wurde in der Alpha-Phase und der Closed Beta das Softwaregerüst und das Gameplay gründlich getestet, so fordert die offene Beta Unmengen an Spielern dazu auf, die tief verborgenen Abgründe des Quellcodes und der Konzeptionslücken aufzudecken. Oder sollte man richtiger sagen: „hat aufgefordert“? Heutzutage ist die Open Beta zur Mogelpackung verkommen und wird mehrheitlich als verkaufsfördernde Maßnahme verstanden. Dies sowohl von Seiten der Hersteller als auch der „Tester“. Wer es dieser Tage wagt, einen Beta-Tester mit einem Satz zu konfrontieren, wie zum Beispiel „du bist zum Testen und nicht zum Spielen hier“, der muss über sich mehr Schimpfworttiraden ergehen lassen als ein holländisches Wohnwagengespann auf der linken Autobahnfahrspur.

Betrachtet man zunächst die Entwicklerseite, so fällt auf, dass viele Firmen überhaupt kein Interesse an irgendeiner Art Feedback zu haben scheinen. Gerade in der östlichen Hemisphäre ist es oft Praxis, alle ab der Open Beta erstellten Charaktere bestehen zu lassen und mit dem Release keinen Server Wipe mehr zu verbinden. Wer hier als Spieler noch an Testen denkt, der verzichtet nicht nur freiwillig auf kostenlosen Spielspaß. Er muss zudem auch noch so verrückt sein, bei allzu erfolgreicher Fehlersuche entweder seinen Charakter dauerhaft zu verskillen oder beim Erleiden irgendwelcher Quellcode-Untiefen tagelang auf einen rettenden GM warten zu müssen. Dumm, wer hier das investigative Testabenteuer sucht, anstatt der vollspielenden Masse zu folgen.

Vorsicht, Affen!

Originell auch die Produkte, welche auf irgendeiner entgegengesetzten Seite des Globus schon längst erschienen sind und hierzulande auf ihre Lokalisierung gestestet werden sollen. Während das Testmuster woanders schon längst einen zweistelligen Patch hinter sich gebracht hat, soll sich unsere bildungsschlanke Rulez-und-Roxxor-Klientel bei einer veralteten Client-Version als Deutschlehrer versuchen. Verschärfend kommt hinzu, dass Firmen, denen keine ausreichenden Finanzmittel für eine gleichzeitige mehrsprachliche Programmentwicklung zur Verfügung standen, bei der Qualität der nachträglichen Übersetzung auch nicht gerade glänzen. Sonderschüler testen also eine IKEA-Bauanleitung - da kann man als Bug-Meldung gleich den kompletten Duden einschicken.

Auf der anderen Seite stehen wir Spieler. Was tun wir nicht alles für Lächerlichkeiten, um als einer der Ersten ein halb fertiges Produkt ausprobieren zu dürfen? Kein Gamesite-Gewinnspiel ist uns zu lächerlich, um dort einen Beta-Key abstauben zu wollen. Einerseits klagen wir beim Anblick einer einzigen Überwachungskamera über den Stasistaat 2.0 und andrerseits sind wir dazu bereit, bei unserer Beta-Bewerbung dem Developer alle Arten von Informationen preiszugeben und würden wahrscheinlich selbst vor der Entbindung der ärztlichen Schweigepflicht nicht zurückschrecken.

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Star Dreck Online
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Doch die Open Betas sind schon lange nicht mehr so open wie einst. Angesichts heutiger MMO-Mainstreamhorden ist bei den Branchenführern an eine uneingeschränkte Testfreigabe schon angesichts der Kosten nicht zu denken. Die Glücklichen unter uns, die es dann geschafft haben, beginnen mitnichten mit dem eigentlichen Testbetrieb. Nein, zuerst muss eine Runde Neid abgeschöpft und das eigene Unterdurchschnittsego aufgebaut werden, indem man die soeben erlangte Betateilnahme lauthals verkündet. Könnte man es Außenstehenden eigentlich verübeln, wenn sie zu ihrer Beruhigung ganz gerne Gummiwände um uns herum aufbauen wollten?

Da nun das Osterfest vor der Tür steht und dieses nicht selten mit dem Wort Frieden in Verbindung gebracht wird, will ich heute mit einer Anregung aufwarten. Lasst uns einfach ein anderes, passenderes Wort für die sogenannte „Open Beta“ suchen. Ein gänzlich neuer Begriff würde der Angelegenheit viel an Skurrilität und Scheinheiligkeit nehmen.
Ich mach dann mal den Anfang mit meinen Vorschlägen:

Open Gamma ist zu trivial.
Open Teaser hört sich zu englisch an.
Open Laboraffen klingt irgendwie kompliziert.
Open Demo wäre treffend.
Open Demo?
Demo?
Da fällt mir gerade ein, dass Electronic Arts vor kurzem in Rahmen einer Investorenkonferenz angekündigt hat, kostenpflichtige Demos anbieten zu wollen. Sie sprachen da von Demo-Content vor, während und nach dem Release eines Spiels.
Hmm... vor dem Release?
Hmm... SWTOR!
Bevor aber jetzt irgendjemand auf EA einzuprügeln beginnt. Die sind völlig unschuldig, denn dort hat nur ein Buchhalter seine Hausaufgaben gemacht. Diesen neuen Trend haben wir Geilköpfe uns ganz allein eingebrockt.

In diesem Sinne wünsche ich trotzdem schöne Ostern. Meine Wenigkeit wird sich nächste Woche verurlauben und in 14 Tagen an gleicher Stelle wieder melden.