Wer mich kennt, der weiß, dass ich hart im Nehmen bin. Dies betrifft nicht nur das Aushalten von Untergürtellinienkritik sondern insbesonders auch meinen Mut zum Testen von Spielsoftware jeglicher Art, selbst wenn diese Software eigentlich den Zusatz Körperverletzung verdient. Ich bin eben der Meinung, wer das Gute erkennen und schätzen lernen will, der muss zumindest auch schon das ein oder andere Mal vor dem Schlechten davongerannt sein.

Und jetzt vergesse man alles, was im oberen Absatz steht. Ab heute gilt das nicht mehr. Man nenne mich ab sofort ganz offiziell Feigling oder Memme. Was genug ist, ist genug. Ich mag ja verrückt sein und so manche Folter-MMOs über mich ergehen lassen, zumal nichts nur schwarz oder weiß sondern meistens dunkel- und hellgrau ist, aber so verrückt bin ich dann doch nicht. Sie wollen wissen, was für ein abartiges Tun ich nie von mir selbst abverlangen werde? Ich werde niemals das Spiel Farmville antesten.

Olniggs Glosse - Ausgabe 64: Farmwerwill

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Wer redet hier noch über Altersfreigaben? Altershöchstgrenzen sind gefordert.
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Farmville ist eines der Phänomene, die ganze Naturwissenschaftsbereiche zum Erstaunen bringen. Dessen Ausbreitungsgeschwindigkeit lässt selbst die aggressivsten Grippepandemien zum Pausenbild verblassen. Das Gameplay hat wesentlich mehr Menschen das Gehirn verdampft als alle bisher gezündeten Atombomben zusammen. Und würde man das damit weltweit verdiente Geld nehmen und es auf einmal in ein Schwarzes Loch stopfen, dann könnte man zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte Zeuge davon werden, wie ein astronomisches Objekt den Abflussnotdienst zu Hilfe ruft.

In Farmville wird nicht nur gefarmt sondern Farmville farmt auch selber. Nämlich seine Nutzer. Diese werden vorzugsweise aus dem Stamm der Info-Exhibitionisten um Facebook herum rekrutiert. Selbstverständlich ist Farmville vollkommen kostenlos zu spielen, es sei denn man will damit Spaß haben. Dann kostet es echtes Geld und das unechte Beackern der Felder stellt plötzlich keine mühsame Handarbeit mehr dar. Wie bei jedem volksverdummenden Tamagotchi bestimmt nicht der Spieler, wann er spielen will, sondern das Spiel, wann es gespielt werden soll. Da Äcker und Vieh mehrmals täglich versorgt sein wollen, ist in der Zielgruppenausrichtung eine starke Tendenz weg vom vollzeittätigen Akademiker hin zum allzeitverbringenden Wohnzimmernutzer nicht zu leugnen.

Aberichniemals

Die farmvillsche Grafik besteht bei genauer Betrachtung aus einem Sammelsurium unterschiedlichster Stilrichtungen, die den unkritischen Großeinkauf günstigster Zeichentrick-Bildbibliotheken vermuten lassen. Der Ach-ist-das-süß-Faktor erreicht hierbei allerhöchstens den Stand primitivster Anfänge der längst vergangenen Schweinchen-Dick-Ära. Das Environment muss sich dem Design eines Schachbretts knapp geschlagen geben, aber dafür kann die Qualität der Animationen durchaus mit der Variabilität von Ampelschaltungen mithalten. Je schwächer sich also die Sehkraft der jeweiligen Zielperson darstellt, umso empfehlenswerter beginnt der Spielkonsum zu werden.

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Hätten Sie es gewusst? Die Wörter Spaß und Spastik leiten sich keineswegs vom selben Wortstamm ab.
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Doch soll Farmville nicht komplett gesteinigt werden. Es hat auch seine guten Seiten. Wobei die Größenangabe „Seiten“ ähnlich optimistisch anmutet, als wolle man die gesamte Menschheit mit einem einzigen Sauerstoffatom am Leben erhalten. Wer aber unter Lebenspartner oder Eltern leidet, die sich bislang durch eine vorurteilsbehaftete oder greisengeprägte Anti-Onlinespielhaltung ausgezeichnet haben, der sollte sie schnellstens mit dem erwähnten Landwirtschaftswitz konfrontieren. Denn erfahrungsgemäß sind es gerade die einfacheren Gemüter, die sich solcherart offensichtlich dargebotenen Suchtanreizen nicht entziehen können. Und nichts ist genugtuender als den Polizisten beim Einbruch oder den Priester beim Fummeln zu ertappen.

Weiter sei Farmville als neue Argumentationshilfe für die Killerspieldebatte gedankt. Wer zukünftig lautstark behauptet, dass in Shootern das detailgetreue Massakrieren des Gegenspielers nichts mit spielerischer Herausforderung und alles mit Primitivität gemein hat, der sollte bloß aufpassen, dass er sich nicht blamiert und der eigene Facebook-Account allzu offenherzig seine zwangsausgedünsteten Farmville-Erfolgsmeldungen in die Welt hinausposaunt. Denn ein jedes halbwegs denkfähige Individuum, welches zwischen taktischem Reaktionsspiel und erspielter Gehirnversteinerung frei wählen darf, dürfte nach seiner Entscheidung bestimmt keine virtuelle Mistgabel in der Hand halten.

Woher ich das alles weiß, ohne Farmville jemals angefasst zu haben? Ich möchte mich an dieser Stelle herzlich bei allen Drittkräften bedanken, die zur Entstehung der heutigen Glosse beigetragen haben. Besonders hervorheben möchte ich hierbei die tatkräftige Unterstützung von Google, YouTube, Chivas Regal und Diazepam.