Sie sind mir auf den Fersen. Sie sind mir schon gefährlich nahe. Ich befürchte, es bleibt mir nicht mehr viel Zeit. Vielleicht sollte ich alles, was ich weiß, zu Papier bringen und es anschließend als eine Art Überlebensgarantie an einer sicheren Stelle deponieren. Verdammt, hätte ich mich doch niemals mit diesem Großkonzern angelegt. Ich hätte wissen müssen, dass das Wort Verlierer mit mir verheiratet ist.

Eigentlich begann alles, als ich von Cataclysm erfuhr, World of Warcrafts nächstem Add-on. Fasziniert vernahm ich die Kunde von der alten Welt, die einer Naturkatastrophe zum Opfer fallen sollte. Was in der realen Welt allenfalls Seismologen oder überstürzt abreisenden Urlaubstouristen gegönnt ist, sollte endlich auch in der PC-Welt zur Unterhaltung beitragen. Da wollte, nein, da musste ich dabei sein. Und wie es sich für einen professionellen Gaffer gehörte, wollte ich den Vorher-Nachher-Effekt möglichst hautnah auskosten. Also warum nicht gleich der alten Welt einen letzten Besuch abstatten, bevor die Designer die Polygone umknoten.

Doch mein Account war nicht mehr. Oder besser gesagt er war anders. Die WoW-Accountverwaltung hatte ihr Cataclysm bereits hinter sich und ich die Verwirrung vor mir. Vom Battle.net 2.0 verschlungen verlangte Blizzard von mir Dinge zu tun, die ich mit einer Probeversion viel einfacher haben konnte. Einfach ein neuer Account angelegt und losgespielt. Es war alles so einfach, zu einfach. Ich hätte die Falle riechen müssen. Doch die Falle stank nicht und so blieb mir als Alternative zur Aufdeckung einzig das Reintreten.

Olniggs Glosse - Ausgabe 63: Phishereischein

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Seitdem das Zebra einen Zusammenstoß mit einer Astgabel hatte, wurde es wesentlich respektvoller behandelt.
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WoW machte nach all der langen Zeit der Pause wieder Spaß. So viel Spaß, dass ich am vierten Tag der Trial aus dem Some Night Stand eine Monatsbeziehung werden ließ. Am Tag danach war sie da, die erste Phishingmail. Eine Phishingmail genau einen Tag nach der Erstellung eines vollkommen neuen Accounts?! Das machte mich stutzig. Doch wer WoW-Abhängige kennt, der weiß, dass sie nicht lange stutzen können und so blieb mir naturbedingt einzig die Wahl des Verdrängens.

Vier Tage später stutzte ich erneut. In meinem E-Mailkasten hatte sich die zweite Phishingmail einquartiert und machte aus dem Zufall einen Vorfall. Ich begann zu rekapitulieren. Für den neuen WoW-Account hatte ich eine E-Mailanschrift verwendet, die ich schon seit dem MMO-Urknall benütze. So weit sich mein, zugegebenermaßen durch Zellverfall und geistige Getränke etwas eingeschränktes, Erinnerungsvermögen bewusst war, hatte ich hier seit Jahren oder vielleicht auch niemals eine WoW-Phishingmail erhalten. Ein Blick in den mailschen Papierkorb offenbarte diesbezüglich ebenfalls eine blütenweiße Weste. Und unmittelbar nach einer vollkommen neuen Accounterstellung erhalte ich gleich zwei davon? Sollte am Ende die Blizzard-Accountverwaltung höchstselbst ein Leck haben. Ist also Blizzard nicht dicht?

Der Todeskuss

Die Recherche begann und es wurde immer mysteriöser. Ich war nicht der einzige, dem derlei Zufälligkeit gezielt widerfuhr. Die Foren spülten zwar nur vereinzelt aber immerhin wahrnehmenswert Leidensgenossen an die Oberfläche. Deren Bedenken wurden jedoch stets unter den Wellenbrechern eines gerade offiziell wahrgenommenen Scam-Tsunamis begraben. So hieß es, die Unnormalität sei ganz normal. Doch die Frage blieb. Wie kommt die Mailadresse zum Fallensteller? Oder sollte man die Frage vielleicht anders stellen? Wann kommt die Mailadresse zum Fallensteller?

Ist das Undenkbare eigentlich so abwegig? Blizzard ist groß, Activision noch größer. Wenn es schon der hoch bezahlten Entwicklungsabteilung nicht mehr gelingt, den Inhalt ihrer zukünftigen Ergänzungen bis zum öffentlichen Präsentationstermin geheim zu halten, weshalb sollte dann eine aus Kostengründen ins billigste Aldi-Ausland verlagerte Accountverwaltung den E-Mailmund halten können? Es bedarf doch nur eines einzigen Systemverwalters, der seine Entlassung vor Augen hat und sich dem drohenden Hungertuchnagen durch kreative Eigeninitiative entgegenstellen möchte. Vom verwaltenden Inder bis zum Passwort farmenden Chinesen ist es nicht mehr weit und mein E-Mailkasten muss es letztlich ausbaden. Deshalb sollte ich mich nicht fragen, ob so etwas geschehen kann, sondern eher, wie das so lange gut gehen konnte?

Olniggs Glosse - Ausgabe 63: Phishereischein

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Wem täglich durch solcherart Boden die Erblindung droht, dem müssen zwangsweise große Bartfühler wachsen.
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Plötzlich durchzuckte mich ein Gedanke. Oder kam diese Mail von ganz oben? Vom Boss höchstselbst? Hatte ihm etwa einer seiner Mitarbeiter gesteckt, dass Olnigg einen neuen Account eröffnet hat, und sich anschickt neues Material zu sammeln? Sind diese Phishingsmails überhaupt keine Phishingmails? Bedeuten diese Mails für mich das, was der Todeskuss des Paten für die Opfer bedeutet? Will mich Blizzard ins Grab knutschen?

Heute, nur einen Tag nach der zweiten erhielt ich die dritte Phishingmail.
Die dritte Mail in fünf Tagen!!
Jetzt ist es absolut eindeutig!!!
Ich habe verstanden, Blizzard!!!!
Blizzard, auch wenn ihr das hier niemals lesen werdet, verspreche ich euch, dass ich niemals mehr etwas Schlechtes über euch sagen werde. Ich bin doch nicht lebensmüde. Allerdings habe ich, sozusagen als Lebensversicherung, alles aufgeschrieben. Ich werde das anschließend in einen Umschlag stecken und danach vor fremdem Zugriff geschützt sicher bei einem Notar verwahren lassen. Wenn ihr mir nichts tut, dann tue ich euch auch nichts.

So, in zwei Stunden geht mein Flieger. Ach ja, vorher muss ich noch den anderen Umschlag mit meiner nächsten Glosse für gamona in den Briefkasten werfen. Da hab ich auf die Schnelle irgendsoeinen Mist über ein Browserspiel geschrieben, damit niemand von meiner Flucht Verdacht schöpft. Jetzt aber los, ich bin spät dran. Sieht so aus, als hätte ich dieses eine Mal doch Glück gehabt.