Wollte früher eine Firma einen Angestellten der missbräuchlichen Internetnutzung überführen, dann bedurfte es einer Vielzahl von Hürden zu überwinden. Zuallererst musste die neueste Spy Software beschafft und unauffällig installiert werden. Ein weiterer Schritt war die Bereitstellung von Sachspenden und Lustreisen für die Zustimmung des Betriebsrates. Viel Aufwand also für eine einzelne Kündigung. Doch die Unternehmensleiter können aufatmen. Heute geht das viel einfacher.

Wer die private Internetnutzung unterbinden will, der schenke seinem Untergebenen ein Paar Lautsprecher und schon klappt‘s mit der fristlosen Freisetzung. Keyboard Sniffer waren gestern, Sound Trapping ist heute.

Das ganze funktioniert wie folgt. Man lasse an den Arbeits-PC Boxen anschließen, deren Lautstärkeregler defekt ist. Ein Leiserstellen unter die Schallgrenze von startenden Flugzeugen muss unmöglich gemacht werden und die Falle ist perfekt. Der böse in der Arbeitszeit privat surfende Arbeitnehmer wird im Laufe seiner Internetabschweifung sicherlich auch das ein oder andere Gameportal besuchen und schon hat er sich verraten. Für den etwas länger Denkenden sei das Warum schnell erklärt.

Die Werbung setzt heutzutage zur besseren Bannerwahrnehmung auf begleitende Geräusche. Oder sollte man sagen, sie verzichtet nicht auf Trommelfell zersetztende Maßnahmen. So endet so mancher Besuch einer Internetseite nicht selten in grausamen Tonkaskaden, denen eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Horde anstürmender Hunnen nicht abzusprechen ist. Da wird der neueste Shooter unter realistischem Dauerfeuer eines Maschinengewehrs angepriesen, welches selbst abgebrühte mitlitärische Einsatzkräfte erschrocken unter dem Schreibtisch Schutz suchen lässt. Hubschrauberlärm und Bombenexplosionen scheinen im Wettstreit miteinander zu stehen, wer die meisten Kunden zum Gehörgeräteakustiker treiben kann.

Aber nicht nur Spielespots haben der internetschen Ruheoase den Krieg erklärt. Hier eine Autowerbung die uns den neuen Motorsound so drastisch erleben lässt, als befänden wir uns inmitten eines der zwölf Zylinder. Dort der neueste Kinofilm in beschönigender Trailerkurzform, der sich sogleich selbst startet und den Dolby Destruction Mode aufnimmt. Will man die akustische Meldung des eigenen Emaileingangs überhaupt noch wahrnehmen, dann wird man inzwischen dazu gezwungen dafür Sounds zu verwenden, die man ansonsten einzig mit den Ortsnamen Hiroshima und Nagasaki in Verbindung gebracht hat.

Der Schallbauer

Doch das genügt den Tinnitusproduzenten von der Reklamefront noch nicht. Als hätten sie sich abgesprochen, haben all diese Akustikverschmutzer die eine Gemeinsamkeit, dass ihre Lautstärke keine Gemeinsamkeit hat. Wer meint soeben die Boxen auf die richtig Lautstärke zwischen leise und vorsätzlicher Körperverletztung eingestellt zu haben, der wird schon beim nächsten Seitenwechsel mit der Sinnlosigkeit seines Handelns konfrontiert. Um die Boxen vor derart Kakophonie zu schützen, bleibt einzig die dauerhafte Sperrung der Energiezufuhr.

Es entzieht sich meiner Kenntnis, was an dieser temporären Ertaubung so genau die verkaufsfördernde Maßnahme sein soll? Ein Produkt, das in unserer Erinnerung genau dort abgespeichert wird, wo ansonsten die Geräusche von Zahnarztbohrer und Volksmusik ihre Heimat gefunden haben, ein solches Produkt wird doch von unserem Unterbewusstsein niemals mehr die Chance auf einen Warenkorbeinzug erhalten. Durch wie viele Examen muss ein Marketingexperte gefallen sein, damit er überhaupt auf die Idee kommt, die Wörter Kaufanreiz und Klangsadismus Händchen halten zu lassen? Die Arbeitsplatzhalbwertszeit einer derartigen Schallsau dürfte allerhöchstens im Millisekundenbereich liegen.

Olniggs Glosse - Ausgabe 62: Die Knallmauer

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Der Wahnsinn jedoch hat seine Entfaltung noch lange nicht abgeschlossen. Denn Flash und seine Freunde belassen ihr zerstörerisches Potenzial immer seltener nur im Akustikbereich. Die technische Qualität einiger Werbungsversuche vermag mitunter ganze Browser zum Absturz zu bringen. Sei es aus qualitätsfeindlichem Kostendruck oder einem Programmierer, der den Titel geistige Fehlbesetzung dem oben erwähnten Marketingexperten wieder abringen will. Ins Leere laufende Links und Soundschleifen, die selbst nach dem Seitenwechsel keinen Grund zum Abdanken sehen, sind hier noch die geringeren Übel. Wenn erst einmal der Browser im Task-Manager gewaltbeendet werden muss oder man nach der werbegestützten Virenverbreitung die Installations-CD aus dem Schrank zu nehmen hat, dann kann doch die Bitwelt nicht mehr ganz bei Sinnen sein.

Darum sei an dieser Stelle all denen unter den Werbetreibenden ganz herzlich gedankt, die ihre Verkaufsinformationen per Default auf stumm und stabil stellen. Ihr seid meine Helden des Alltags und eure Blickfänger klicke ich gerne an. Bleibt bitte so standhaft wie in der Vergangenheit und ab heute wisst ihr, dass ihr damit nicht nur eure sondern unter Umständen auch andere Arbeitsplätze retten werdet.