„Herr Doktor! Der Patient verliert zu viel Blut! Sollen wird mit einer Transfusion beginnen?“ – „Nein, Schwester. Damit rechnet er ja.“

An dieser Art Dialog fühlte ich mich unlängst erinnert, als ich im Rahmen einer MMO-Neuerwerbung wieder einmal das Magensäure bildende Vergnügen hatte, die Niederungen menschlicher Kombinationsgabe am eigenen Avatarleib zu verspüren. Wartete doch ich tankender Zwerg sehnlichst auf die gesundheitsfördernde Unterstützung vonseiten des hinter mir stehenden Heilers.

Hinter mir stehend? Bevor mich der Ladebildschirm umfing, offenbarte ein letzter Blick den Grund der ausbleibenden Vernotarztung. Das Looten einer allzu verführerisch leuchtenden Leiche hatte meinen virtuellen Hausarzt anscheinend dazu genötigt, seine Praxisgebühren lieber am kalten Fleisch einzutreiben und in meinem Ableben einen zu verschmerzenden Kunstfehler zu sehen.

Die Automitladeflächegruppen

Warum ist das so? Wie kann es geschehen, dass dieser Mensch da hinter Tastatur und mir angesichts einer Monsterhorde, die gerade die maximalen Schnitttiefen ihrer Waffen an mir auszuloten begonnen hat, in aller Seelenruhe mit dem leichengestützten Einkaufsbummel beginnt? Und man möge mir bitte jetzt nicht mit der Ausrede der jahrhunderteinmaligen Ausnahme kommen.

Was waren all die unmittelbar vor meinen unzähligen Grabsteinmeldungen liegenden Schrecksekunden schon von aberwitzigen Eindrücken begleitet? Männliche Kleidchenträger, die meinten, meine Plattenrüstung sei nur einem Mülltonnenfetischismus geschuldet und ihre zwei Gramm Stoff hätten bessere Kampfpanzerqualitäten. Oder während ich noch nach dem Fragen-Macro suchte, ob alle bereit und gebuffed wären, raste der Ressourcen sparende Buffgeber bereits sein Holzstöckchen schwingend auf den bildschirmfüllenden Drachen zu. Und da waren dann noch die atmenden Funkensprüher, die dank Sofortkomplettentladung so viel Hass auf sich geladen hatten wie eine Person, die im Vereinsheim der Hells Angels stehend erklärt, zuletzt solch lustig bunt bestickten Jacken auf dem Christopher Street Day gesehen zu haben.

Man verstehe mich nicht falsch. Niemand ist perfekt und das Recht zum Fehler sei jedem und noch dazu dessen Erben gegönnt. Aber diese Häufung hirnumgehender Suizidaktionen ist ein typisches Phänomen von Pickup-Gruppen. Doch inzwischen habe ich mich damit abgefunden, niemals den wahren Grund für so manch überraschende Wahnsinnstat in Erfahrung bringen zu können. Wer weiß?

Vielleicht ist das blinde Losrennen auf überstarke NPCs im Hochgebirgsformat ja einem zwischen die Tasten getropften Pizzabelag geschuldet? Oder der ohne Ansage seine ambulante Sprechstunde schließende Priester wurde soeben auf Hormonebene von seiner bindfadenbekleideten Lebenspartnerin davon überzeugt, dass ein zu erforschender Dungeon nicht unbedingt immer in virtuellen Landen liegen muss? Am Ende hat auch nur Mutti Mustermann endlich ihren Heribert auf der PC-Tastatur herumkrabbelnd vorgefunden und zurück in den Laufstall befördert.

Die Problemlösung

Wenn auch die jeweilige Wahrheit weiterhin in den mystischen Tiefen des anonymen Internets verborgen bleiben wird, so habe ich wenigstens etwas: die Lösung! Richtig gelesen! Ich weiß, wie man einen Legolasses von seinem vorzeitigen Pfeilerguss abhalten kann und den Tank Dumli dazu bringt, unter dem Wort Aggroaufbau nicht nur den vormittäglichen Schulbesuch zu verstehen.

Sehr manchmal geehrte Spielehersteller! Führt bitte endlich das ein, was bei Versandhändlern und Internetportalen inzwischen längst Alltag geworden ist: die Bewertung!
Wie göttlich wäre es, wenn man am Ende einer Chaostruppenteilnahme wenigstens die Möglichkeit hätte, sich den erlittenen Frust wie folgt von der Seele schreiben zu können: „Sein Char mag Arthur heißen, aber seine einzige Gemeinsamkeit mit der Tafelrunde sehe ich im gleichen Intelligenzquotienten wie deren Tischbeine.“

Zugegeben, eine tatsächliche Umsetzung meiner Idee könnte an den Wagnissen im Bereich Beleidigungen und diese unterbinden wollenden Rechtsorganen scheitern. Auch die Onlinewelt gebenden Firmen dürften sich durch die Anstellung von zusätzlich notwendig werdendem GM-Material beim regelmäßigen Abtransport der Geldkisten empfindlich gestört sehen. Aber vielleicht wäre ein Kompromiss in Form eines einfach zu bedienenden Symbolsystems möglich?

Wer meine Hitpoints dauerhaft über dem Nullwert halten konnte, der darf sich eines goldenen Sterns erfreuen und wer stattdessen regelmäßig meine darniederliegende Leiche als Abwechslung zu tristen Bodentexturen hat werden lassen, dem werfe ich einen Totenschädel an den gleichnamig Letzteren. Um Missbrauch vorzubeugen, wird jeweils nur der ganze Account bewertet und im Sinne einer Resozialisierung ist eine nachträgliche Änderung jederzeit möglich. Genialer ginge es nicht!

Nur einen klitzekleinen Haken hat mein schlauer Plan noch: Was mache ich, wenn die ersten Goldhändler zum Imagehändler mutieren und gegen Entrichtung einer geringfügigen Gebühr mithilfe ihrer Multiaccounts die sprunghafte Anhebung des Byteleumunds anbieten? Was gäbe es einer solchen „Imageberatung“ überhaupt entgegenzusetzen?

Würde ich dann bei einem meiner zukünftigen Insgrasbisse wie konsterniert auf die fünf über dem Kopf des Gruppenheilers schwebenden und Fachwissen versprechenden Sterne starren und angesichts seiner gerade Golderz abbauenden Tätigkeit mit Leben aushauchender Stimme röcheln: „Verdammt, er ist ein Politiker...“