Die moderne Technologie lässt nichts unversucht, um uns Menschen das tägliche Leben zu erleichtern. Vom handlichen Terminplaner über hocheffiziente Suchmaschinen bis hin zum weltweit kundigen Navigationssystem reicht inzwischen die Palette unterstützender Hilfsmittel. Sie alle verhelfen uns zu einem Leben fern der mühsamen Wissensbeschaffung vergangener Zeiten. Höchstens ein Narr würde sich heute noch trauen, die Wohltaten des Informationszeitalters als Fluch zu bezeichnen.

Sonnenschein dringt an mein Auge. Die Strahlen stehlen sich an den Seiten des Vorhangs vorbei und finden mein Gesicht. Jedes Mal wenn diesem aufdringlichen Himmelsgestirn das gelingt, weiß ich, dass ich verschlafen habe. Jetzt bedarf es keiner Digitaluhr mehr. Das linke Auge ist geblendet und das bedeutet, es ist 10 Uhr 35. Zu spät. Viel zu spät.

Würde ich jetzt noch zur Arbeit gehen, dann bräuchte ich eine sehr komplizierte Ausrede. Am besten ich mache den ganzen Tag blau. Und was erzähle ich meinem Boss? Nehme ich mir die übliche Kurzgrippe inklusive Magen-Darm-Beschwerden? Ja, eine Krankheit wäre nicht schlecht und zudem kann ich es sehr langsam angehen lassen, wenn ich wieder mit der Arbeit beginne. Schließlich hat Genesung Vorrang vor Umsatz. Dann will ich gleich in der Firma anrufen und Bescheid ge... Verdammt!

Ich war gestern im Onlinespiel unterwegs. Nicht zuletzt habe ich deshalb verschlafen. Dieser Gruberman aus unserer Firma, der spielt das doch auch. Wenn der jetzt von meiner Krankmeldung erfährt? Habe ich dem nicht bei der letzten alkgetränkten Weihnachtsfeier den Namen meines Avatars verraten? Schnell mit seinem iPod die aktuellen Auktionen gecheckt und schon stellt er sich die Frage, wie es einem Schwerkranken gelungen sein mag, um 3 Uhr morgens die goldene Schuppenrüstung des Echsenfroschs ins Auktionshaus einzustellen? Jetzt noch ein anonymer Tipp an den Boss und schon finde ich mich in die Luftschachtreinigung versetzt.

Wann habe ich denn zuletzt jemanden sterben lassen? Ein toter Verwandter hätte etwas sehr Gutes. Am besten eine Frau. Meine Oma wäre perfekt, die hat den Nachnamen ihres Mannes angenommen. Da ist selbst die Überprüfung von Todesanzeigen sinnlos. Das findet niemand heraus. Obwohl... auf meiner Friendslist steht Opa Robert. Von dem weiß ich, dass er Sigmund Schwätzer kennt. Oder war es Schetzer? Egal. Jedenfalls ist doch dessen Sohn Personalchef in einem Zulieferunternehmen meiner Firma. Ein dummer Zufall und er steht auf der Friendslist meines Chefs... der lässt sein herzliches Beileid übermitteln... Schätzchen gibt das weiter... mein Opa trifft erst der Schlag und dann die Erkenntnis... am Ende ist nicht nur der Job, sondern auch das Erbe weg.

Der Sonnenuntergang

Und wenn ich zum Frontalangriff übergehe? Ich könnte behaupten, bis spät abends gearbeitet zu haben und es dafür heute ein paar Stunden langsamer angehen zu lassen. Flutschende Arbeitszeit oder wie sich das nennt. Da wäre nur der Haken, dass die EDV weiß, wann ich im System eingeloggt war. Das bestimmt Allerletzte, was meinem beruflichen Lebenslauf dienlich sein würde, wäre ein Chef, der mit meinen Serverzugriffszeiten der letzten Monate konfrontiert wird.

Dann habe ich eben zu Hause gearbeitet. Mir ein eminent wichtiges Fachbuch zu Gemüte geführt und dabei die Zeit vergessen. ‚Vorbildlich‘ wird mein Chef mich loben... und gleichzeitig darum bitten, die aktuelle Kindle- oder iPad-Abrechnung im Rahmen der Spesenerstattung an die Buchhaltung weiterzureichen. Der dort auf die Sekunde genau vermerkte und einzige Download eines Bildbandes über die außerehelichen Paarungsrituale unterforderter Hausfrauen dürfte daraufhin meinen Bürostuhl mit mir darauf sitzend in Flammen aufgehen lassen.

Nein, die Ausrede muss so abenteuerlich sein, dass sie nicht so ohne weiteres nachprüfbar ist. Ich könnte einem weit entfernt lebenden Freund einen Kurzbesuch abgestattet haben und auf dem Heimweg kam der Superstau, die Zugverspätung oder die Naturkatastrophe dazwischen. Nur... ist das nicht alles viel zu leicht zu recherchieren? Mittlerweile petzen doch der ADAC, die Bahn und die Unwetterzentrale um die Wette. Und ein Fahrradplatten als mehrstündiger Verspätungsgrund dürfte allenfalls in der Betriebszeitung zum Witz der Woche gereichen.

Aber angenommen ich hätte mich in fremden Wäldern und Bergen verlaufen? Fern von jeder Zivilisation. Im Angesicht von wilden Tieren und Bestien bestimmte einzig der Kampf ums Überleben mein Handeln. Doch auch hier stellt sich ein Problem. Die Frau des Chefs arbeitet in der Telekommunikationsbranche. War es nicht ihr Unternehmen, welches unlängst Gegenstand umfassender Schlagzeilen gewesen ist, die von einem allzu fahrlässigen Umgang mit Kundendaten zu berichten wussten? Habe ich gestern von zuhause aus telefoniert? Kann man Handys nachträglich orten? Gewährt Holland deutschen Arbeitsflüchtlingen Asyl?

Eigentlich gibt es nur eine einzige garantiert unumstößliche Ausrede für mich. Ich muss meinem Chef glaubhaft machen, dass ich von außerirdischen Wesen entführt und für grausame Versuche missbraucht worden bin. Wer will so etwas schon jemals nachprüfen können? Ja, das könnte klappen. Allerdings sollte ich vorher noch abklären, ob der RFID-Chip meines Personalausweises beim Verlassen des Landes einen Datenbankeintrag hätte generieren müssen.