Aus ist’s mit der Weihnachtszeit. Die Geschenke sind umgetauscht, dem Bauchspeck wurden überreichlich Opfer dargebracht und selbst ein realitätsfremder Besinnlichkeitsfanboi kommt nicht umhin, seinen nadelnden Fetisch namens Weihnachtsbaum in leicht gebrauchtem Zustand der Natur zurückzuführen.

Wie mag wohl die Feiertagsbilanz eines jeden Einzelnen aussehen? Hat man die Tage genossen oder ist man froh, der verwandten Tanten Parfümausdünstungen nicht länger allergiedämpfende Medikamenten- bataillone entgegensetzen zu müssen? Rechtfertigte die hauseigene Lichterkettenflut endlich den Kauf einer Sonnenbrille oder hat ein überaltertes Plätzchen für einen überraschend vorverlegten Zahnarztbesuch gesorgt?

Aber was interessieren mich eigentlich die anderen? Die viel wichtigere Frage ist doch, wie ist es mir ergangen? Getreu dem Motto „damit du weißt, was ich letzten Winter getan habe“ will ich heute eine extrovertierte Skillung anlegen und dieses eminent wichtige Geheimnis lüften:

Ich habe Risen gespielt.

Jetzt ist es raus und es geht mir schon viel besser. Allerdings gibt es da noch einiges, was ich mir vom Herzen reden muss. Zuvor sei allen Risen-Unkundigen in die Wahrnehmung gedrückt, dass im folgenden Text ein Spoiler erster Güte zu erwarten ist. Wer sich also seine Vorfreude oder Frustrationsquelle weiterhin erhalten will, der möge sich vor dem Weiterlesen die Augen verbinden.

Olniggs Glosse - Ausgabe 55: Endkrampf

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 84/861/86
Wenn einem das Wasser bis zum Halse steht, dann ist es höchste Zeit den Helm aufzusetzen, damit nicht noch mehr Flüssigkeit in die Rüstung läuft.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Risen ist als durchweg gelungenes Spiel zu bezeichnen. Wer Gothic 1 und 2 geliebt hat, wird hier einen nostalgischen Klon mit weiterentwickelter Grafik und perfektionierter Benutzeroberfläche finden. Es hält zwar Schlagworte wie Innovation und Itemvielfalt auf großer Distanz, jedoch verbreitet es gerade deswegen den angenehmen Charme von Vertrautheit und Verlässlichkeit. Zu guter Letzt ist eine Bugbegegnung ebenso unwahrscheinlich wie der berühmte Blitzeinschlag. Risen 1 ist Gothic 4.

Indes genug der Lobhudelei. Lasst uns nun einen Blick auf den Abgrund menschlichen Denkens werfen. Auf den Zustand völliger Planlosigkeit gepaart mit der Unfähigkeit kreativen Schaffens. Es sei das Augenmerk auf den Endkampf von Risen gerichtet.

Ohne sich hier in Details zu verlieren, sei kurz das Konzept des risenschen Finales geschildert. Zum Abschluss seiner Inselrundfahrt begegnet dem Dreitagefrisur-Held inmitten einer arenaartigen Plattform das Böse in Form eines Feuertitanen. Mal abgesehen davon, dass ein brennender Bossmob seit Erfindung der Diablo- und Imitationsreihen so fantasiefrei alltäglich wie der Gebrauch einer Türklinke ist, beginnt mit dessen Bekämpfung eine Flut von geradezu kindischen Herausforderungen. Wobei Herausforderungen das falsche Wort sein dürfte. Bedeutet doch das Durchspielen der restlichen 99,9% des Spiels selbst in der höchsten Schwierigkeitsstufe auch kein Mehr an strategischer Denkkraft, sondern lediglich eine Steigerung der Mausklickanzahl. Mit dem vorliegenden Endkampfkonzept wird hingegen dem wunderschönen Spiel kein Sahnehäubchen, sondern ein Gullideckel aufgesetzt.

Treffen nach Fahrplan

Was also geschieht im Endkampf? Zuallererst verweigert uns Piranha beim Endgegner die Gesundheitsanzeige. Bei allen anderen Widersachern zuvor eine Selbstverständlichkeit, erlischt offensichtlich mit der letzten Auseinandersetzung des Spielers Recht auf ein funktionierendes User Interface. Was immer für ein unfair denkendes Abarthirn sich das ausgedacht haben mag, es sollte sich einfach einmal vorstellen, was geschehen würde, wenn sein geistiger Packet Loss Schule machen würde. Was käme als nächstes? Die Bildschirmauflösung für den Endkampf auf 320x200 Pixel herunterschalten? Alle Aktionstasten mit geraden Zahlen im Sekundenrhythmus gegen die mit den ungeraden Zahlen austauschen? Dem verblüfften Spieler mitteilen, dass sein Avatar den letzten Waffengang gefälligst ohne fremde Hilfe zu bestehen hätte und unmittelbar anschließend den PC zwangsweise herunterfahren?

Der zweite Torpedo gen Spielgenuss findet sich im Ablauf des Endkampfs. So kann der gegnerische Fackelmob ausschließlich während eines sehr kurzen und selten wiederkehrenden Zeitfensters verletzt werden. Ansonsten ist er absolut unverwundbar und dem Spieler verbleibt in der Wartezeit nichts anderes zu tun, als sein Heil in dem Entgehen von Angriffen und Bodenfallen zu suchen. Zusammengefasst versucht also Richard Kimble auf der Flucht im Walzertakt ein übergroßes Streichholz auszublasen.

Olniggs Glosse - Ausgabe 55: Endkrampf

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 84/861/86
Wenn wenigstens ein verrückt werdender Hund zu sehen wäre.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Das dritte Armutszeugnis eines entwicklungstechnischen Kurzschlusses findet sich an gänzlich unerwarteter Stelle, nämlich im offiziellen Lösungsbuch. Nicht, dass man dieses zu irgendeinem Zeitpunkt des Spiels zu Rate ziehen müsste, vorausgesetzt man ist in der Lage sich die Schnürsenkel selbstständig zuzubinden. Aber bezüglich des Schlussgemetzels gibt das Lösungsbuch einen sehr entlarvenden Tipp: Man solle regelmäßig abspeichern.

Wo der direkte Konkurrent Bioware die Speicherfunktion in Kämpfen grundsätzlich deaktiviert, da wird diese von den Piranhas sogar zur Lösungsvoraussetzung gemacht. Wo man in Dragon Age reichlich Adrenalin produzierend den Drachen über die Burgspitze hetzt und Intelligenz fordernd verschiedenste Kampftaktiken notwendig werden, da teilt Risen seinen Höhepunkt in kleine Save-und-Load-Häppchen auf und lässt das siegende Erfolgserlebnis einem c’t-Festplattentest gleichen.

Wer immer bei Piranha für die Gestaltung dieses Endkrampfs zuständig war, es sei ihm die dringende Notwendigkeit einer Weiterbildungsmaßnahme ins Stammbuch geschrieben. Wer unter dieser Art der Auseinandersetzung noch das Wort Rollenspiel versteht, der würde bei einem Schachturnier auch den Einsatz von Schusswaffen zulassen.