Bevor sich meine Wenigkeit in den alljährlichen Winterschlaf verabschiedet, soll heute den eher besinnlichen Gedankengängen der Vorzug gegeben werden. So verwundert mich jedes Jahr aufs Neue, wie viele Menschen pünktlich zur Weihnachtszeit ihre soziale Ader entdecken. Sobald der zwölfte Monat angebrochen ist, beginnt man erdweit den Geldbeutel zu zücken, um in Form von üppigen Geschenkeinkäufen der Wirtschaft unterstützend unter die Arme zu greifen.

Jedoch was ist mit dem Einzelindividuum? Wo bleibt der Saisonheiligen Mitgefühl für die wirklichen Außenseiter unserer Gesellschaft? Warum tun wir uns so leicht, an uns, und so schwer, an andere zu denken?

Mir scheint, es ist höchste Zeit als leuchtendes Vorbild voranzuschreiten und dem Teil der Menschheit Aufmerksamkeit zu zollen, der nicht so viel Glück bei der Verteilung von Gottes oder Mutter Naturs Gaben hatte.

Als erstes seien meine Gedanken auf die armen Absatzlosen gerichtet. „Absatzlos?“ werden Sie jetzt einwenden. „Meint der olle Olnigg etwa damit die notleidende Autoindustrie oder gar Frauen, deren Schuhwerk sich Gullideckeln ergeben musste?“ Vollkommen falsch. Ich denke hierbei an die bemitleidenswerten Zeitgenossen, denen die Fähigkeit abhanden gekommen ist, eine Mail oder einen Forenbeitrag in mehrere Absätze zu unterteilen.

Wie trübselig muss ich mir das Weihnachtsfest dieser minderbemittelten Wesen vorstellen? Werden sie etwa nach dem Weihnachtsschmaus aufstehen und eine Ansprache an die Familie halten, die in Monotonie und Formlosigkeit ihrem Internetauftritt entspricht? Werden diese Formatasketen als Folge von Ihrer Verwandtschaft ignoriert oder ganz ohne Zuhörerschaft dastehen und am Ende darüber nachsinnen, ob es eine Alternative zum Weiterleben gibt?

Olniggs Glosse - Ausgabe 54: Weihnachtstrollen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 86/881/88
Olympische Disziplin der Ganzneuzeit: Synchronschießen
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Auch andere Erbärmlichkeiten bedürfen unseres geistigen Mitgefühls. Schon einmal daran gedacht, wie all die Ninja Looter zur Weihnachtszeit leiden müssen? All die vielen verlockenden Geschenke unter dem Christbaum, die sie nicht öffnen und anderen wegschnappen dürfen. Deren Aneignungsverlangen muss im letzten Monat dieses Jahres Triebdimensionen annehmen, mit denen man ganze Heerscharen vor Trägerraketen auf den Mond schießen könnte.

Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn sie ihrer Begierde letztendlich erliegen und von ihrer Familie inmitten aufgerissener Pappschachteln sitzend erwischt werden. Vielleicht aber wäre gerade das die Lösung für ihr Seelenheil. Wo doch weltweit Abertausende von Menschen auf das rechtzeitige Auftauchen einer Organspende hoffen.

Olniggs Besch(w)erung

Ganz besondere Mildtätigkeit sei den Ärmsten unter den Internetarmen entgegengebracht. Geschöpfe, die nicht um des kreativen Dialogs, sondern um der eigenen Selbstaufwertung willen erst die Tastatur und danach die Leser quälen. Wie viel Einsamkeit werden die Assi, Nazi und sonstige Schimpfwortumsichwerfer an den Festtagen zu ertragen haben? Hoffentlich gibt es eine Telefonseelsorge, bei der sie sich in ihrer größten Not zumindest die Grundbeleidigungsworte von der Seele schreien können? Oder vermögen sie sich nicht anders Luft zu verschaffen, als der wohnzimmerlichen Tanne genüsslich jede Nadel einzeln auszureißen? Sind gar all die um Heilig Drei König entsorgten nadellosen Weihnachtsbäume Opfer häuslicher Kompensationsgewalt geworden?

Man könnte die Liste der jahreszeitlichen Verlierer endlos fortsetzen. Forengäste, die ansonsten mit Firsts und Bumps nur so um sich schmeißen und dieser Tage in verwaisten Threads darauf warten, dass ihrer verbalen Beschränktheit neue Aufmerksamkeit widerfährt. Ninja Inviter ohne Opfer, die bei Verlagerung ihres Tätigkeitsfeldes hin zum nächsten Weihnachtsmarkt, den ganz realen Faustschlag eifersüchtiger Begleiter fürchten müssen. Oder die rechtschreibfreien Internetgenossen, die, wenn sie den Nikolaus so ansprechen würden wie sie schreiben, die Zeit bis Neujahr in einer Ausnüchterungszelle abzusitzen hätten.

Olniggs Glosse - Ausgabe 54: Weihnachtstrollen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 86/881/88
So erlebt der Beruf des Goldschürfers garantiert eine Renaissance!
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

All den Genannten sei mein Mitgefühl versichert. Und selbstverständlich gilt dies ebenso für all diejenigen, deren Gebrechen zu schildern ich hier ich in Ermangelung von Platz, Zeit und Lust unterlassen habe. Möge das Schicksal euch Loser Top Tens gut über die Festtagszeit kommen lassen, damit wir Normalos uns auch im nächsten Jahr nicht darum sorgen müssen, wo wir die Bestätigung herbekommen, dass wir nicht die dümmsten Erdbewohner sind.

In diesem Sinne wünsche ich allseits, was man sich dieser Tage so wünscht, und ich verbleibe bis zur nächsten Glosse Mitte Januar mit herzlichem Dank für das in der Vergangenheit entgegengebrachte Interesse.

Grüße und solche Sachen,
Olnigg