Dieser Tage erscheint mit „Call of Duty: Modern Warfare 2“ eine weitere Fortsetzung aus Activisions erfolgreicher Serie der Geldscheinernte. Im sechsten Pflichtruf darf der Kugelfetischist erneut multiple Persönlichkeiten mit und ohne Lizenz zum Töten annehmen. Leider kam es im Rahmen dieser gesteuert ablaufenden dissoziativen Identitätsstörung zu einer geringfügigen Irritation.

An allem ist der Flughafen schuld. Genauer gesagt sind es ein paar Terroristen in deren Begleitung man dafür sorgt, ein umfassendes Nachtflugverbot auch am Tage durchzusetzen. Dass dieses Ziel, wie in Egoshootern allgemein üblich, einzig unter Zuhilfenahme langläufiger Lebensabwinker geschieht, dürfte heutzutage allerhöchstens noch weltfremde Abteivorsteher verwundern. Was hingegen erstaunt, ist die Vehemenz mit der sich selbst ernannte Betroffene über die Opfer des Vorgehens echauffieren.

Zentraler Streitpunkt ist die reihenweise Hinrichtung harmloser Fluggäste. So ist ein Drittel der Menschheit erzürnt über das in ihren Augen sinnlose Hinmetzeln wehrloser Passagiere. Das zweite Drittel entsetzt sich über die Entsetzten und verweist nicht ganz unberechtigt auf die Tatsache einer dem alles Rechnung tragenden Altersfreigabe ab 18 Jahre hin. Das letzte Drittel der Erdbewohner flucht über die Firma Activision, die den beanstandeten Bereich in vorauseilendem Gehorsam zwar entschärft, aber dies dann der Fanschaft nicht mitgeteilt hatte, weil der Publisher zwischenzeitlich selbst nicht mehr glauben konnte, dass er ein solcher Waschlappen gewesen ist. Allseitige Beißwut also, wie sie ein in einen Zwinger voller Bullterrier geworfener Knochen nicht besser anrichten könnte.

Olniggs Glosse - Ausgabe 52: Duty Free Shot

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Human Domino Day
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Damit sich der Leser selbst ein Bild über den Grausamkeitsgrad machen kann, seien an dieser Stelle YouTube und die Suchbegriffe „Duty Flughafen“ genannt. Wer befürchtet, nach deren Eingabe von einer Flut von Werbefilmen über den zollfreien Warenverkauf überschüttet zu werden, der sei beruhigt. Das Suchergebnis klärt in zahlenmäßiger Lawinendosierung selbst die Jüngsten unter den Minderjährigen darüber auf, was wir Erwachsene zur Bewahrung unseres Seelenheils niemals machen dürfen: das virtuelle Erschießen von Unschuldigen.

Die Shootermauer muss her

Wo kämen wir auch hin, wenn wir in Spielen ab sofort mehr als nur Gnomfleisch fressende Orks aufschlitzen dürften. Um Gottes Willen bloß keine Zivilisten. Und die zu tötenden Stadtbewohner in Azeroth sind selbstverständlich alle schon vorbestraft und verdienen es nicht anders. Aber Flugreisende wie du und ich killen geht zu weit. Hätte Activision in der deutschen Version über die Check-In-Schalter wenigstens die Schilder First- und Business Class aufgehängt und die Kleidungstexturen mit wesentlich mehr Krawatten versehen, dann hätte man sich das blutige Geschehen wenigstens als gerechte Ausübung des Volkszorns an egomanischen Bankern und Managern schönreden können.

Apropos blutig. Wer sich beim Betrachten der Videos über den relativen Mangel an Blut ärgern sollte, wo doch die reihenweise Perforation von Menschenleibern normalerweise Körperflüssigkeiten im Umfang von Badeseen austreten lässt, der sollte lieber zu Dragon Age greifen. Dort sprudelt es nur so aus offenen Hälsen, über die Gesichter, die Rüstung und selbst die Stoffkartenbeigabe der Collectors Edition bleibt davon nicht verschont. Zusätzlich darf man die eigene Zwergenschwester auf den Gassenstrich schicken und in Form eines Elfs darüber entscheiden, ob man einem oder gleich drei unbewaffneten Zivilisten aus 5 Metern Entfernung mit Pfeilen den Brustkorb durchbohrt. Dies wohlgemerkt ganz unzensiert in der lokalisierten Version.

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Die Wissenschaft feiert das erste Foto eines Schwammhirns
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Was ist die Ursache für derart deutsche Scheinheiligkeit? Warum gibt es Menschen, die bei Schusswaffe und Flughafen aufschreien, aber ein mittelalterliches Massaker durchwinken? Ist es etwa der zu deutliche Bezug zur Realität? Wären lila eingefärbte Touristen als Kugelfang schon erlaubt gewesen oder muss es mindestens ein schutzloses Tentakelwesen sein? Oder wurde am Ende Dragon Age bloß übersehen und es ist längst allerhöchste Zeit für den Auftritt einer Grusula vom Leyden, um uns Erwachsene endlich vor allen Spielen zu retten?

Und das YouTube mit seinen Blutbadbetrachtungshintertürchen machen wir dann ebenfalls gleich dicht. Ebenso Google mit dessen Hilfe man kinderleicht die real gefilmten Enthauptungen irakischer Entführungsopfer aufspüren kann.

Weg also mit all dem, was nur den Hauch von Entrüstungsquelle in sich trägt. Ist es nicht am besten für uns alle, wenn man vom Moorhuhnschießen an aufwärts alles ekelhaft Anzusehende verbieten würde und man die Browser standardmäßig nur noch auf die Homepage des Bayernkuriers zugreifen ließe?

Obwohl man sich mit der letztgenannten Forderung auch wieder der Gefahr aussetzen würde, George Romeros Huldigung der lebenden Toten Vorschub zu leisten.