„Hans, dieses rohe Ei muss noch heute an Herrn Olnigg versendet werden.“ - „Verstehe, Chef. Mach ich sofort, Chef.“ Eine Hand greift sich das Ei und die andere einen wasserfesten Stift. Mit geschickten Griffen wird meine Adresse fast schon künstlerisch auf eine Seite des Eies geschrieben. Unmittelbar anschließend folgt das Niederlegen des Schreibers und das Aufnehmen einer Briefmarke. Der als Hans titulierte schickt sich an, jene auf die unbeschriftete Seite des Eies zu kleben.

„Aber Hans! Spinnst Du? Das kannst du doch nicht machen!“ Ich atme erleichtert auf. Einen Moment dachte ich schon... „Du solltest doch wissen, Hans, dass das Ei mehr als 20 Gramm wiegt. Da darfst du keine normale Briefmarke verwenden. Dafür brauchst du mindestens das Doppelte an Porto.“ Schreiend und schweißgebadet erwache ich aus meinem Albtraum.

Der aufmerksame Leser ahnt, dass sich das heutige Thema nur sehr entfernt mit Computerspielen in Verbindung bringen lässt. Aber was sein muss, muss sein. Anlass ist die Rechnung, die ich in meiner letzten Sendung von Amazon beigelegt fand. Auf den ersten Blick war alles wie immer. Hier die Warenaufstellung über diverse Bücher zu optischen Fallstudien des weiblichen Frauenkörpers unter Weglassung Messergebnis verfälschender Hauttextilien. Dort der übliche Rechnungspreis dessen Gesamtsumme von mir so niemals vermutet worden ist. Aber was war das? Das war neu! Stand da doch zu lesen: „Wie haben wir Ihre Artikel verpackt? Hier können Sie uns Feedback geben: www.amazon.de/verpackung“ Vor lauter Freude wurden meine Augen feucht und das ohne einen einzigen Blick auf die bestellten Bildbände geworfen zu haben.

Rückblick - irgendwann im Jahre 2007. Olnigg bestellt die Royal Edition von „Two Worlds“. Leider hat das Schicksal die Verkettung von zwei tragischen Ereignissen für ihn vorgesehen. Zuerst beschließt Hersteller Zuxxez (von mir ausgesprochen wie „sucks“) ein Schachtelformat in Drachengröße mit der Wandstärke eines Gnomenhaars zu versehen. Hinzu kommt eine Versandfachkraft, die sadistischen Gefallen daran findet, die erwürgende Wirkung von Dehnfolie am lebenden Spiel zu erforschen. Was abschließend bei Olnigg das Paket verlässt, kann erst nach einer mehrstündigen Autopsie als die bestellte Ware identifiziert werden.

Olniggs Glosse - Ausgabe 49: Lottoversand

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Wenn sich Eisenbankwaggons in Zugmaschinen verlieben.
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Wann immer ich mehr oder weniger zerbrechliche Artikel über den Versandhandel bestelle, beginnt bei mir jedes Mal dieses ungewisse Gefühl, wie mir wohl die Versandgötter gewogen sein werden. Und da ist Amazon sogar noch das graueste unter den schwarzen Schafen. Andere versenden Taschenbücher in Versandtaschen, bei denen Buchdeckel und Verpackung im direkten Wettstreit miteinander stehen, wer von ihnen der Dünnste ist. Die Verwendung einer in sich stabilen Versandbox und die Zugabe von einigen Lagen Luftpolsterfolie scheinen mit den Kostenkalkulationen der Versandhändler ebenso unvereinbar wie der Besuch eines Sonnenstudios für Graf Dracula.

Flaschenpost

Wenn ich den Prozentsatz grob abschätze, wie viel Sendungen ich in meinem Leben aus Beschädigungsgründen wieder zurückgehen habe lassen, dann wundert es mich, womit so mancher Branchenprimus eigentlich seine Gewinne erwirtschaftet. Seien es beim Transport gequetschte DVD-Umverpackungen oder Bücher, denen bereits beim Eintüten die Ecken um die Eselsohren flogen. Immer zurück damit. Natürlich umso ärgerlicher, wenn man ein Spiel am Releasetag konsumieren wollte oder dringend ein Geschenk brauchte. „Vielen Dank, Olnigg, für die wertvolle Geburtstagsgabe. Lass mich raten. Dem Zustand nach muss es sich um eine Harry-Potter-Erstausgabe aus dem Jahre 1751 handeln.“

Spätestens hier dürfte der Einwand über die Mitschuld des untermotivierten weil ebenso bezahlten Transportwesens erfolgen. Doch Vorsicht vor dem Vorurteil. Meiner Erfahrung nach hätten bei 90 Prozent der erlebten Produktmisshandlungen ein oder zwei Euro mehr an Verpackungsmaterial dem vorzeitigen Mülltonnenbesuch erfolgreich entgegenwirken können. Ganz ungedacht dessen, ob der verantwortliche Zusteller als direkte Nachbarschaft für mein Paket ein auszulieferndes Klavier auserkoren hatte oder ob er beim Ausladen den Elan von fünf Gläsern Brandwein in sich verspürte.

Aber nein, der Onlinevertrieb muss sich ja gegenseitig im Weglassen von Versandgebühren unterbieten und diesbezügliche Umsatzverluste umgehend an die Verpackungsmittelindustrie weitergeben. Bislang dachte ich immer, das Wort „Flaschenpost“ würde etwas mit Meerwasser zu tun haben. Inzwischen glaube ich, dass dessen Erfinder lediglich eine passende Bezeichnung für den Versandhandel gesucht hat.

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Nicht Essen sondern Orange auf Rädern
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Wenigstens scheint diese Geschichte ein gutes Ende zu finden. Wenn Amazon extra einen Bewertungslink für die Qualität seiner eigenen Verpackungen einrichtet, dann ist das schon einmal ein gutes Zeichen für erste Selbsterkenntnis und hoffentliche Besserung. Man darf gespannt sein, wie sich die Sache weiterentwickelt und ob mein Exemplar von Dragon Age bei der Zielankunft eine Gesamthöhe von einem Millimeter überschreiten wird.