Wenn der Mensch nach Ruhm und Reichtum strebt, dann darf er in der Wahl seiner Mittel niemals mit dem Wort „zimperlich“ in Verbindung gebracht werden. Werte wie Ethik oder Rücksichtnahme nehmen eine deutliche Außenseiterrolle ein und werden im Falle eines drohenden Misserfolgs stets als erstes von einer weiteren Teilnahme ausgeschlossen.

Wer ein klares Ziel vor Augen hat, der neigt dazu, seinen Weg dorthin möglichst direkt zu halten. So baut der Spitzensportler mit zunehmendem Erfolg seine gesundheitlichen Vorbehalte gegen chemische Co-Trainer ab und der leistungsorientierte Bankkaufmann weiß Kundeninteresse und Gesetz seinem eigenen Finanzbedarf geflissentlich unterzuordnen.

Was aber geschieht, wenn nicht ein einzelner Mensch nach Ruhm und Reichtum strebt und diesem alles unterordnet, sondern es eine Gruppe von Menschen ist? Zuallererst spricht man hier nicht mehr von einer Gruppe von Menschen, sondern man nennt dies eine Firma. Wenn diese Firma zudem mithilfe eines Onlinespiels nach Ruhm und Reichtum strebt und diesem alles unterordnet, dann nennt man diese Firma nicht nur eine Firma, sondern man nennt sie Blizzard.

Da nun auch ich ein Mensch bin, der nach Ruhm und Reichtum strebt, darf ich mich einer Zusammenarbeit mit diesen Branchenprofis nicht mehr verschließen und darum will ich mich um einen Job bei der Firma Blizzard bewerben. Ich bitte also um Verzeihung, wenn ich die heutige Glosse für meine Eigeninteressen missbrauchen werde.

An die Firma
Blizzard Entertainment
32, Avenue de l'Europe
Energy 3 Bât Etendard, 5. Stock
78143 Vélizy–Villacoublay
Frankreich

Initiativbewerbung des Herrn Olnigg

Sehr geehrte Damen und Herren vom Entertainment,

meinem letzten Besuch auf Ihren Internetseiten zu World of Warcraft entnahm ich eine Vielfalt an Neuerungen, die mit meinem persönlichen Streben nach Geldvermehrung bestens in Einklang zu bringen sind. So haben Sie inzwischen Einnahmequellen erschlossen, an die nur zu denken sich selbst ein um sein finanzielles Überleben kämpfender Konkurrent niemals wagen würde.

Olniggs Glosse - Ausgabe 47: Initiativbewerbung

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Alle Mann in die Schraubgewinde
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Neben dem allgemein üblichen Serverwechsel von Spielfiguren erlauben Sie Ihrer Kundschaft ebenfalls den Avatarnamen zu ändern. Doch dieses moderne Zeugenschutzprogramm für ehemals unflätige oder betrügerische Spieler ist nur die Spitze des Geldberges. Mit dem zahlungspflichtigen Geschlechtswechsel, auch Transenoption genannt, kommen Sie sexuell variabel orientierten Mitmenschen entgegen. Und mit dem zuletzt eingeführten Fraktionswechsel erlauben Sie den rückgratbefreiten Opportunisten schlussendlich ihre Gesinnungslosigkeit zu perfektionieren.

Um Ihrem Entwicklungsteam meine Arbeitskraft zu empfehlen, möchte ich im Folgenden eine Kostprobe meiner Skrupellosigkeit zum Besten geben.

Rollender Rubel

Über den naheliegenden Klassenwechsel will ich gar nicht erst spekulieren, da Sie diesen wahrscheinlich längst selbst aufgegriffen und aufgrund des enormen softwaretechnischen Aufwandes wieder fallen gelassen haben. Aber wie wäre es mit einem Avatarwechsel?

Nehmen wir einmal an, ich würde im Spiel einem bestens ausgestatteten Level-80-Charakter begegnen, der mir sowohl in Aussehen und Namen gefällt. Warum sollte ich dann nicht umgehend die Kreditkarte zücken und den eigenen gerade aktiven Charakter gegen den eines fremden Spielers zwangstauschen können? Gegen einen dreistelligen Betrag auf Blizzards Konto würde dieser Spieler dann fortan bei seiner Charakterauswahl meinen ehemaligen Avatar sehen und ich dauerhaft die Herrschaft über seinen erlangen.

Natürlich müsste man, um der Willkür Einhalt zu gebieten, dem fremden Spieler die Möglichkeit eröffnen, den Tausch durch eine adäquate Schutzgebühr zu verhindern. Das würde darüber hinaus den erfreulichen Nebeneffekt haben, dass fortan die zahlungskräftigsten Kunden ihren Spielspaß auch weiterhin nicht verlieren würden.

Eine Steigerung dieses Konzeptes wäre in meiner Idee des Accountwechsels zu finden. Hier könnte man ganze Accounts eintauschen. Eine entsprechende Finanzkraft des Interessenten vorausgesetzt wäre der Accountwechsel ähnlich der sogenannten „feindlichen Übernahmen“ aus dem realen Wirtschaftsleben zu verwirklichen.

Etwaige Einwürfe hinsichtlich rechtlicher Vorbehalte kann ich zerstreuen. Weil Sie bereits die voraussehende Weisheit besaßen und gemäß Ihren aktuellen Geschäftsbedingungen alle virtuellen Geldbestände und Gegenstände auf ewig im Besitz der Firma Blizzard verbleiben, hätten die Kunden keinerlei Recht auf Kompensation ihrer Ingameverluste.

Olniggs Glosse - Ausgabe 47: Initiativbewerbung

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Wenn man im Internet mit einem Klick etwas startet, dann ist auf dem Girokonto die Bruchlandung garantiert.
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Einzig der zwangsweise eintretende Abonnementschwund durch frustrierte Übernahmeopfer wäre beachtenswert. Allerdings könnte man diesem Trend durch die Einführung von neuartigen „Staatsaccounts“ entgegenwirken. Der Spieler hätte hier gegen eine doppelte Monatsgebühr die Absicherung, dass sein Staatsaccount vor jeglicher Einflussnahme Dritter geschützt ist. Zumindest bis zu meiner nächsten Idee, dem kompletten Spielwechsel. Dazu aber mehr bei einem ausführlichen Bewerbungsgespräch vor Ort, für das ich selbstverständlich eine angemessene Vergütung voraussetze.

In der Hoffnung Sie davon überzeugt zu haben, dass meine Bösartigkeit und Geldgeilheit eine wahre Bereicherung für Ihr Unternehmen wären, verbleibe ich in Erwartung einer positiven Antwort

mit freundlichen Grüßen

Olnigg

P.S.: Aus Gründen des ausufernden Abmahnwesens in Deutschland würde ich Ihnen übrigens dringend dazu raten, das „O“ von MMORPG ab sofort klein zu schreiben. Um dem Vorwurf der irreführenden Werbung zu entgehen, könnten Sie dann zukünftig damit argumentieren, dass das „o“ von MMoRPG nicht für „Online“ sondern für „ohne“ steht.