Freitag Nachmittag 15 Uhr 30. Jetzt schnell in den Flieger nach Hause und danach ein gemütliches Wochenende genießen. Doch das bedauernde Lächeln der Dame am Check In Schalter lässt Böses erahnen: „Tut mir leid. Aber die Maschine ist überbucht. Heute können Sie leider nicht mitreisen.“ So ist das also. Es wird Zeit mein Verbraucherschutzwissen auszupacken: „Na gut. Dann stehen mir jetzt gemäß EU-Recht eine kostenlose Übernachtung inklusive Verpflegung zudem eine Entschädigung in Höhe von 250 Euro zu.“ Als Reaktion streckt mir die Dame die Zunge raus und sagt: „Nö. Ich will nicht.“

Verweilreptilien

Sie halten die Reaktion dieser bodengebundenen Flugbegleitkraft für undenkbar? Vollkommen richtig. Dies war nur ein imaginäres Beispiel. Ein solches Gebaren käme der Fluglinie und nicht zuletzt der Angestellten teuer zu stehen. Doch leider ist solcherart Wissen noch nicht bis zu NCsoft & Co durchgedrungen. Oder sollte man sagen, das Wissen ist noch nicht im Gewissen angekommen?

Wo es in anderen Branchen inzwischen eine Selbstverständlichkeit geworden ist, im Falle der Nichteinhaltung fest zugesagter Dienstleistungstermine oder Lieferfristen eine Entschädigung zu erstatten, da herrscht bei den Onlinediktatoren der Neuzeit noch die Gesetzlosigkeit des Wilden Westens. Müssen denn die Herrn James, Daltons und the Cid erst von einem Verbraucherschutzverband durch alle Instanzen geklagt werden, bis sie begreifen, dass jede Firma mit dem Abkassieren auch eine Leistung zu erbringen hat?

Olniggs Glosse - Ausgabe 46: Verweilreptilien

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Das Unternehmen und der Server befinden sich auf der Wolke links oben
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Da werden beispielsweise bei Aion viel zu wenig Server bereitgestellt und hierdurch die Wartezeiten auf die Größenordnung einer Diamantentstehung getrieben. Und wie reagiert des Horrors Herrchen darauf? Er stellt tröpfchenweise neue Serverwelten zur Verfügung. Natürlich nicht ohne den nachtretenden Hinweis, dass die Warteschlangen doch eigentlich etwas Gutes seien, weil man dadurch dem Spieler fünfhundert Jahre später diverse Serverzusammenlegungen ersparen könne.

Kurze Pause. Ich muss da etwas nachschlagen. „Strafgesetzbuch §211 Mord Absatz 1: Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.“ Nein, Olnigg. Das ist es nicht wert.

Nun ist also das Kind in den Brunnen und der Kunde in die Wartejauche gefallen. Was passiert jetzt? Wo die Fluggesellschaft umgehend das Scheckbuch zücken oder die TAN bereitlegen muss, da verfällt die Onlineindustrie in klösterliches Vollschweigen.

Aion und der Zoo

Hofft man vielleicht aufgrund des geringen Streitwertes außerhalb jeglicher Moralbindung zu stehen? Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass das Entschädigungsgesetz für Flugreisen keinerlei Unterscheid zwischen einem First Class Ticket und einem Billigflieger macht? Wenn ein Spiel genauso viel kostet wie so manches Flugticket, ist es dann zulässig das vorliegende Kundenmanagement mit der Rücksichtslosigkeit einer alles ansaugenden Flugzeugturbine zu vergleichen?
Noch eine Pause. Und der hier: „Strafgesetzbuch §212 Totschlag Absatz 1: Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft.“ Da verpasse ich ja mindestens einmal eine Fußballweltmeisterschaft. Also auch nicht.

Wo bleiben also die Entschädigungen? Und ich spreche von Entschädigungen, die ihrem Namen gerecht werden. Also nicht irgendwelche gutgeschriebenen Abonnementtage, die alle Spieler betreffen, sondern reale Wiedergutmachungen ausschließlich an die Warteschlangenopfer.
Außerdem sind Gutscheine gemäß Europäischer Union nicht zulässig. Also erspart uns die goldene Rüstungen mir der Gravur „Ich musste draußen bleiben“ und die Wartezeitrekordhalter wollen auch bestimmt keinen Titel wie „Fürst der Ausgestoßenen“. Wenn schon dann Cash. Zuzüglich der Unkostenerstattung für alle Aufwendungen, die für Ersatztätigkeiten im Rahmen der Wartezeit angefallen sind. Wie zum Beispiel die Ausgaben für Kinokarte, Restaurantbesuch oder Kondom.

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Bei den abgebildeten Wasserfällen handelt es sich wider Erwarten nicht um austretende Gehirnflüssigkeit
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Halt! Das wäre doch etwas. „Strafgesetzbuch §213 Minder schwerer Fall des Totschlags: War der Totschläger ohne eigene Schuld durch eine ihm ... zugefügte Misshandlung ... von dem getöteten Menschen zum Zorn gereizt und hierdurch auf der Stelle zur Tat hingerissen worden ... so ist die Strafe Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren.“
Hmm... Ich vorstrafenfrei. Der Richter begeisterter Onlinespieler. Dazu Bewährung, gute Führung und solche Sachen. Aber das mit „auf der Stelle“ wird schwierig.

Ich muss dann mal dringend zum Schluss kommen.
Wenn also ihr bezahlten Spaßverderber weiterhin mehr Angst vor in der Zukunft leeren Servern als vor heute abspringenden Kunden habt, dann seid ihr an eurer Arbeitsstelle so fehl am Platz wie eine Enteisungsanlage auf einem Vulkan. Wer die Sorge vor Mehrarbeit der eigenen Softwareabteilung über die Dienstleistungsqualität am Kunden stellt, der darf auch nicht quietschen, wenn ihn eines Tages der gesetzliche Gegenwind in Form von Euros voll erwischen wird.
Oder wesentlich kürzer formuliert: Wenn ich Schlangen sehen will, dann gehe ich in den Zoo und kauf mir kein Onlinespiel. Gleiches gilt übrigens auch für Affen.