Wenn die Verschiebungsgötter gnädig gestimmt sind, dann erscheint heute Fallen Earth. Als Pre-Order ist es bereits seit zwei Wochen erhältlich und außerhalb von Amerika darf man es bestenfalls in Form eines Downloads in den Warenkorb legen. Wer allerdings nach einer Lokalisierung lechzt, der kann in der vermuteten Wartezeit den Kölner Dom gemütlich rosa anstreichen. Mit einem Marderhaarpinsel der Stärke 000 versteht sich.

All denen, die von diesem Onlinespiel bislang noch nichts wissen, sei kurz erklärt, dass es ein Produkt der kleinen Softwareschmiede Icarus Studios ist. Fallen Earth hat postnukleare Zeiten zum Inhalt und kann sich erhobenen Hauptes an Fallout 3 messen lassen. Das Gameplay ist in den Bereichen stimmungsvolle Grafik, gut erzählte Quests und allmächtiges Crafting weit überdurchschnittlich. Zudem glänzt Fallen Earth mit einigen Innovationen, an die sich die üblichen Verdächtigen der Branche so nie trauen würden.

Aber Vorsicht. Fallen Earth ist alles andere als Mainstream. Es hat selbst im Land der gerne im Blut badenden Cowboys ein „Mature Rating“ verpasst bekommen und eine so steile Lernkurve, dass es den bisherigen Spitzenreiter EVE Online problemlos von Platz Eins wegkatapultiert. Rechnet man die Aussage des Herstellers hinzu, von geplanten 50.000 Abonnenten sehr gut leben zu können, dann dürfte über dieses wunderbare Nischenjuwel eigentlich genug ausgesagt sein. Doch soll heute noch nicht das Spiel, sondern dessen Release im Blickpunkt stehen. Denn irgendwie muss ich da immerzu an ein Überdruckventil denken...

Olniggs Glosse - Ausgabe 44: Das Überdruckventil

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Sichern Sie schon heute den Account für Ihren Urenkel.
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Als unsere Vorväter die Dampfmaschine erfanden, lernten deren Hinterbliebene sehr schnell, dass zu viel Druck im Kessel der Gesundheit durchaus abträglich sein kann. Jedoch kam man angesichts so mancher an der Wand klebender Gliedmaßen sehr schnell auf die Lösung, durch die Erfindung eines Überdruckventils den Beruf des Heizers zukünftig etwas weniger abenteuerlich zu gestalten. Zügig verbreitete sich dieser kleine Lebensretter über den ganzen Erdball und glücklich durften sich die Heizer fortan bis zu ihrem Lebensende ausschließlich der Staublunge hingeben.

Seit mehr als zehn Jahren beschäftige ich mich mit Onlinespielen. Längst habe ich den Überblick über die Anzahl der durchlittenen Betas und Releases verloren. Ich habe Spiele kommen und gehen sehen. Ich habe den Mund diverse Male staunend geöffnet und noch viel öfter enttäuscht zugebissen. Aber auf das Überdruckventil der Onlinebranche warte ich bis heute vergeblich.

Wieso bringt es immer noch niemand fertig, den Kleinkatastrophen um den Releasezeitpunkt herum Herr zu werden? Immer wieder aufs Neue werden bei einem Erstlingswerk die Datenbanken zum Einsturz und der Datenfluss zum Austrocknen gebracht. Seltsamste Phänomene treiben Spieler und GMs gleichermaßen in des Magengeschwürs Hände.

Weitergabe der Stammes- geheimnisse

Lernt denn niemand aus den Fehlern der anderen? Werden diesbezügliche Erfahrungen überhaupt nicht weitergegeben? Gibt es nirgendwo einen Ratgeber „MMOs für Dummies“? Als würde nach jeder erfolgreichen Mondlandung die Konkurrenz erst einmal erneut lernen müssen, dass die Erde keine Scheibe ist. Wo bleibt das die Menschheit erlösende Überdruckventil?

Um auf Fallen Earth zurückzukommen, möchte ich hierzu eine weitere Empfehlung aussprechen. Wer schon immer einmal eine Zeitreise machen und wissen wollte, wie sich das damals in den Pioniertagen von Ultima Online und EverQuest angefühlt hat, der sollte sich schnellstmöglich einen Account besorgen. In Fallen Earth garantierten derzeit abstürzende Zonenserver, teilzeitentleertes Inventar, unberechenbare Memory Leaks und Grafik-Lags erster Güte Erlebnisse, wie sie in vergangenen Zeiten tägliches Brot waren. Haben Sie teil an der unbezahlbaren Faszination einer Ereignistradition, die von Dark Age of Camelot über Anarchy Online bis in die Neuzeit reicht. Nicht unähnlich dem schön schaudernden Erlebnis einer totalen Sonnenfinsternis. Nur leider branchenbedingt wesentlich öfter.

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Wo lediglich die Balken bunt sind.
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Es stellt sich die Frage, wer die Schuld an der mangelhaften Erfahrungsweitergabe hat? Sind sich die Jungunternehmer zu fein, um bestehendes Wissen einzukaufen oder versuchen die aktuellen Platzhirsche ihre Monopolstellung durch Firmengeheimnisse zu bewahren?

Könnten also bitte die Damen und Herren Blizzard und Sony und wie sie alle heißen, sich alsbald dazu aufraffen, dem Markt ein paar ausgereifte Funktionsbibliotheken zum Kauf anzubieten? Und könnten sich die Frauen und Männer Programmierer nach den Icarus Studios dazu durchringen, nicht alles zum x-ten mal selbst neu erfinden zu wollen, sondern an dem Wissen ihrer Vorväter zu partizipieren?

Meine Fantasie würde es euch allen danken, denn dann müsste ich beim fünften Programmneustart an einem Tag nicht mehr die bizarre Vorstellung haben müssen, wie sich eine Horde pelzbekleideter Steinkeilträger um einen Monitor schart und unter Grunzlauten herauszufinden versucht, ob man das Stromkabel auch woanders als nur in die Nasenlöcher stecken kann.

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Fallen Earth auf Tätersuche.
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