Eine Wahl ist stets eine sehr schwerwiegende Entscheidung. Wird mit ihr doch zumeist der Werdegang der nächsten Jahre bestimmt. Trifft man die falsche Wahl, so ist für lange Zeit das tagtägliche Bereuen garantiert. Damit es überhaupt nicht erst zu dieser Art Selbstvorwürfe kommt, soll das heutige Thema die richtige Wahl sein. Selbstverständlich verspreche ich im Folgenden die ungeschönte Wahrheit zu sprechen und weder auf Befindlichkeiten des Gastgebers gamona noch auf irgendwelche gesellschaftspolitischen Umgangsformen Rücksicht zu nehmen. Und Neutralität sollte man schon gar nicht von mir erwarten.

Die Namenswahl ist in Onlinespielen seit jeher ein Quell unerschöpflicher Streitigkeiten. Wer auf einem Rollenspielserver den Herren Goldschwanz und Supermän begegnet, der hat ein greifbaren Beleg für die Unterbesetzung und -bezahlung von GMs. Wenn in stimmungsvollen Kreativwelten plötzlich allseits hörbar von den Vorzügen einer Wasserkühlung oder der heißen blonden Vornacht geprahlt wird, dann wünscht man sich eine Fernsteuerung für die gezielte Übertragung des Ebola-Virus.

Doch nicht nur RPG-Server müssen unter Gottes ungerechter Gehirnverteilung leiden. Selbst die Normalwelten können zum Magengeschwür fassungsloser Avatarbesitzer beitragen. Wer ingame nicht exakt genauso agiert, wie von ihm erwartet wird, der kann einer „Noob“-Titulierung versichert sein. Logische Gegenargumente erhalten den schnellen „Assi“-Konter und wenn der überhebliche Egomane so richtig hilflos ist, dann wird der Dialog flugs mit einem schienbeintretenden „Nazi“ von der Sachlichkeit entfremdet.

Aber muss das so sein? Gibt es keine Schonung vor des Primaten Schlund?

Ich hätte da einen Vorschlag. In der Justiz weiß jeder Robenträger, dass die allermeisten Straftaten vor ihrer Entstehung eines äußerst wichtigen Details bedürfen: der Anonymität. Mal abgesehen von den untersten Zehntausend käme kein Dieb auf die Idee, mit gezücktem Personalausweis die Bank zwangszuentleeren. Kein Vergewaltiger würde seinem Opfer die Telefonnummer für die Absprache eines weiteren Treffens nennen und kein Mörder würde seine Visitenkarte in das Einschussloch stecken.

Olniggs Glosse - Ausgabe 43: Die Wahl

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Entzauberung funzt jetzt auch beim Krankenstand.
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Nehmen wir einmal an, es gäbe eine völlig neue Server-Art: den RealName-Server. Auf ihm dürfte nur ein einziger Charakter erstellt werden und dieser würde automatisch den Namen des zugeordneten Kreditkartenbesitzers oder Abbuchungskontoinhabers besitzen. Game-Card-Inhaber und einnässende Kleinstindividuen müssen draußen bleiben. Darüber hinaus stimmen die Spieler zu, dass in Streitfällen zur Wahrung der jeweiligen Interessen die kompletten Anschriften aller Beteiligten untereinander ausgetauscht werden.

Namenswahl in die Urne

Wie würden sich wohl auf so einem Server die Spieler verhalten? Würde Herr Daniel Müller den Herrn Gregor Backmann weiterhin als rückwärtige Verdauungsöffnung bezeichnen oder aber hätte die Wortwahl fortan dieselbe respektvolle Qualität, wie sie auf jedem Bürgersteig und jedem Hausflur selbstverständlich ist? Wären die Cheater und die AH-Abzocker, die Griefer und die Ganker noch genauso mutig, wenn sie ihren echten Leumund gefährden würden oder gar den überraschenden Besuch eines angemieteten russlanddeutschen Rollkommandos befürchten müssten?

Wer jetzt das Argument bringt, die Alltagsnamen wären derselbe Stimmungskiller wie Goldschwanz und Supermän, der dürfte den Geschichtsunterricht ausnahmslos im Koma durchlebt haben. Die Herren Müller und Backmann sind geradezu prädestiniert für mittelalterliche Szenarien, da gerade der Namensgroßteil in diesem Zeitalter seine Entstehung feierte. Wer es trotzdem gerne etwas farbiger hätte, der möge sich die internationalen Server vorstellen. In den Augen anderer Nationen steigert sich deutsche Banalität zu exotischem Glanz. So wie die Hälfte der Bundesbürger heute noch Feng Shui für ein Fischgericht halten, könnte es einem Amerikaner mit unseren Namen gehen.

Mag er den Müller noch im Wörterbuch finden, so dürfte ihn ein Neppomuk Zeppenfeld komplett aus der Bahn werfen. Und wer dieses Namensbeispiel für an den Haaren herbeigezogen hält, der irrt im Großen. Denn die Realität übertrifft wie immer selbst die beste Fantasie. Man rate doch mal, wie der Lead Game Designer der bulgarischen Softwareschmiede Masthead Studios heißt? Apostol Apostolov. Wieso eigentlich neue Namenswelten erfinden, wenn die realen schon unschlagbar sind?

Olniggs Glosse - Ausgabe 43: Die Wahl

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Gestern Abend beim gemütlichen Grillen in der Fußgängerzone
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Aber ein Zugeständnis soll an all die semiprofessionellen Ingame-Miesmacher mit ihren Nulllinien-IQ dokumentierenden Namenskreationen gemacht werden. Von mir aus möge man neben den Real-Name-Servern auch so genannte Junk-Server einführen. Auf denen mögen sich dann all die treffen, die den Wahnsinn zum Programm und die Primitivität als Lebensziel erklärt haben. Aber halt, was schreibe ich denn da? Solchermaßen Slum-Realms gibt es ja schon längst. Die nennen sich nur anders. Man nennt sie RP-PvP Server.