Wann immer die Firma Microsoft einen Trend verschläft, und deren gab es schon viele, kann man ziemlich sicher sein, dass sie bereits wenige Jahrhunderte später zum Kontern ansetzt. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sie die strippenfreien Befehlsschachteln der Wii in ihre eigene Kreativabteilungen einfließen lassen und die Welt mit etwas gänzlich Neuem beglücken würden. Und so ward „Natal“ geboren.

Eine Fernsteuerung von PC und Spielkonsole mag durchaus etwas sehr Begrüßenswertes sein. Jedoch sei an dieser Stelle an ein paar Aspekte erinnert, von denen man sich nicht absolut sicher sein kann, ob sie im Vorfeld von den Verantwortlichen wirklich in ihrer ganzen Tragweite durchdacht worden sind. Wenn mit zunehmendem Fortschritt die Onlinespiele ebenfalls in den Sog der tasten- und schnurbefreiten Kommunikation geraten werden, wie wird sich dies auf die virtuelle Menschheit auswirken?

Zuallererst wird ein Anstieg des Gesundheitsniveaus zu verzeichnen sein. Wer anstatt im Sessel zu kleben nun vor dem Monitor ein imaginäres Schwert in der Hand schwingend umherzappelt, der tut nicht nur etwas für die Lachmuskeln der kleinen Schwester sondern auch für seinen eigenen Kreislauf. Weiter werden Powergamer mit ihren überanspruchten Unterarmen das neue Krankheitsbild des Morbus Popeyeus erfinden.

Die Suizidrate unter den Übergewichtigen wird stark anwachsen, da bislang tarnende flinke Tastenanschläge durch verräterisch träge Körperbewegungen ersetzt werden. Ein Raidleiter ist deswegen geradezu gezwungen, seine phlegmatisch agierenden Tanks umgehend auf Diät zu setzen. Wer an mehrstündigen Herumhampelraids teilhaben will, der hat neben einem ärztlichen Gesundheitszeugnis zudem die Jahreskarte eines Fitnessstudios vorzulegen. Werden die Kriterien nicht erfüllt, dann erfolgt die Degradierung zum Loot-Einsammler inklusive der Perspektive, aufgrund der dauerbückenden Tätigkeit anstatt Ruhm lediglich chronische Rückenschäden zu ernten.

Olniggs Glosse - Ausgabe 42: Ferngesteuert

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 84/861/86
Kung Fu Crying
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ebenso könnte die Gesellschaftsschicht einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf des Avatars Effizienz besitzen. Wohl dem, der über genügend Platz verfügt, um die weit ausholenden Befehlsgesten des imaginären Zweihänders geben zu können. Wer dies im weitläufigen Hobbyraum seines Hauses tut, der wird sich mit dem Levelaufstieg wesentlich leichter tun als jemand, dessen Hände regelmäßig mit den Wänden seiner kleinen Studentenbude in Kontakt kommen. Bei Letzterem dürfte die Suche nach einem sehr guten Heiler alsbald über die Grenzen des virtuellen Universums hinausgehen.

Der mit dem Wolf mehr als tanzt

Gänzlich katastrophal wird der natale Fortschritt, sobald ein Blick auf die Sprachsteuerung geworfen wird. Wenn Zauberer ihre Magie tatsächlich mit Worten zu steuern beginnen. Wenn sie im hitzigen Gefecht lautstark mit Massen von „Feuerbällen“ um sich werfen. Und wenn sie plötzlich entgeistert auf die eingeschlagene Wohnungstür und den darauf stehenden Feuerwehrmann blicken. Konnte doch niemand ahnen, dass durch Wände dringende Wortfragmente die besorgten Nachbarn zum Telefonhörer würden greifen lassen.

Gleiches gilt für verwandte Themen. Wer als Bomben bauender Gnom den Einsatz seiner Explosivmittel verbal initiiert, der könnte sich allzu schnell des internationalen Terrorismus verdächtig machen. Tritt der Ernstfall einmal ein und findet man sich im heimischen Wohnzimmer mit dem überraschenden Eindringen einer, jetzt echten, Horde von Angehörigen des polizeilichen Sondereinsatzkommandos konfrontiert, dann heißt es unbedingt Ruhe bewahren. Angesichts unzähliger auf einen selbst gerichteter Schusswaffen sollte man niemals die Gestensteuerung der Konsole in Anspruch nehmen. Denn wer diese jetzt zum Verstummen bringen will, in dem er die flache Hand mit einer ruckartigen Bewegung an der Kehle vorbeiführt, der wird erstaunt feststellen, dass das mit der „Resurrection“ nur pure Erfindung von Fantasyautoren ist.

Olniggs Glosse - Ausgabe 42: Ferngesteuert

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 84/861/86
Ermüdungsbrüche und solche Sache
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

PräNatal zusammengefasst dürfen wir uns auf recht interessante Zeiten freuen. Wenn auch zu befürchten ist, dass am Ende genau dasselbe passieren wird, wie damals bei der Einführung der Spielkonsolen. Bedingt durch die im Vergleich zur PC-Tastatur mengenmäßig sehr eingeschränkten Steuerungsbefehle, waren die zugehörigen Softwareprodukte alles andere als geistig fordernd und verleiteten allenfalls hyperaktive Kinder zum Langfristlächeln. Man muss abwarten, auf welches Publikum die eingabegerätelosen Spiele abzielen werden. Doch hatten sich nicht auch die Elder Scrolls eines Tages für den Konsolenabsatz prostituiert?

Und da wäre noch ein offener Punkt. Wenn die Lebensgefährtin das Dauerspiel ihres Freundes beenden will, indem sie schmusenderweise über ihn herfällt, wie verhält sich hierauf die gestengesteuerte Technik? Wird sie das beginnende Entkleiden ihres Befehlsgebers als Pausensignal verstehen? Oder wird der betreffende Spieler bei einem zufälligen Blick auf den Monitor verwundert feststellen, dass sein Charakter sich gerade kopulierend über den nächstbesten Schattenwolf hermacht?