Eine jede Messe steht unter der Vorgabe, aktuell erscheinende Produkte im besten Licht zu präsentieren und das Interessenfeuer von in weiter Ferne stehenden Projekten am Lodern zu halten. Der diesjährigen gamescom gelang es gerade durch die Fülle höchst überraschender Individualitäten für sehr viel Kurzweil zu sorgen.

gamescom

Square Enix vermochte mit den ersten Details aus Final Fantasy XIV gezielte Hinweise darauf zu geben, dass sie den fast schon traditionell zu nennenden Verzicht auf Umsatzrekorde beibehalten werden. Wie in der Vergangenheit werde man die Avatare vor so gefährlichen Sportarten wie Schwimmen und Free Climbing bewahren und zudem durch das konsequente Weglassen jeglichen Springens die Einwanderungswellen aus Azeroth-Staaten in überschaubaren Grenzen halten können.

Für weiteres Aufatmen bei der Konkurrenz sorgte die Ankündigung, die Klassenwahl nicht mehr im Umfeld der Charaktergenerierung, sondern durch die Auswahl der jeweils in der Hand gehaltenen Waffe durchzuführen. Wer also ein Schwert trägt, wird zum Krieger und wer ein Stäbchen umklammert, muss Funken sprühen. Bei Bekanntwerden dieser Neuerung meldete sich überraschenderweise die Industrie- und Handelskammer zu Wort. Sie bestreitet vehement, Gleiches für die bundesdeutschen Handwerksberufe zu planen. Es wird also hierzulande weder der Erwerb eines goldenen Kochlöffels zur Führung eines Luxusrestaurants befähigen noch der Besitz eines größeren Sonderpostens Schaufeln zur Teilnahme am Bau des Brennertunnels legitimieren.

Als erstaunlich lernfähig erwies sich die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Firma JoWood. Hatten im letzten „Gothic 3“-Add-on „Götterdämmerung“ die NPCs noch für reichlich Verstimmung unter der Kundschaft gesorgt, wurden jene in ArcaniA kurzerhand abgeschafft. So waren zumindest in der Messevorführung leere und von touristischer Erschließung gänzlich verschont gebliebene Landschaften zu betrachten. Diese Idee eines Google Earth 2.0 dürfte die Rollenspielbranche revolutionieren.

Olniggs Glosse - Ausgabe 41: gamescom

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NPC-Streik
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Sehr willkommen ist hierbei der Begleitumstand, dass JoWood die Eroberung zusätzlicher Investorengelder verkünden konnte. Gerade in Zeiten schwerfälliger Kreditgebung ist das Vorhandensein psychisch robuster Geldgeber ein nicht zu unterschätzendes Hoffnungssignal für contrakompetentes Unternehmertum.

Der Award

Zielgruppen geschuldet kurz und einfach verständlich waren Blizzards Informationsgaben zu ihrer nächsten WoW-Erweiterung. Das dritte der anderthalbjährlich erscheinenden Jahresaddons stellt zwei neue Rassen und im Postnukleardesign umgestaltete Altkontinente in den Mittelpunkt. So können alsbald die hordigen Mitläufer endlich über ein eigenes Knuddelvolk und wachsende Anhängerschaft verfügen, wohingegen die allianzitischen Spieler das Böse in sich entdecken und die Sau in Form von wilden Hunden rauslassen dürfen. Die Political Correctness in den Klassen-Rassen-Kombinationen wird ausgebaut und das Gildenleveling der Onlinewettbewerber erfolgreich assimiliert.

Alles in allem wurde der Hype um des Hypes Willen perfekt initiiert und man darf gespannt sein, ab welchem Jahr sich selbst die Abendnachrichten nicht mehr dieser Massenhysterie entziehen können. Rechnet man die hausinterne Konkurrenz in Form von Starcraft II und Diablo III hinzu, so wird die Kontaktaufnahme mit dem Broker und der anschließende Erwerb eines größeren Activision-Aktienpaketes Pflicht.

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Kein Rauch um Nichts
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In guter isländischer Tradition, den Wahnsinn zur Normalität zu erklären, hat die Firma CCP auch dieses Jahr nicht an außergewöhnlicher Extravaganz gespart. Ein Ego-Shooter mit der Namensgebung einer Zieladresse für Navigationsgeräte wurde angekündigt. Doch Dust 514 wird viel mehr sein als das übliche Metzelwerk, da die Höhe der dortigen Leichenberge Einfluss auf den Sonnensystembesitz des EVE-Kosmos hat. Oder direkter formuliert darf in Zukunft die tumbe Masse denkentspannter Konsolenspieler den anspruchsvollen EVE-Veteranen die Ausprägung der Onlinewelt aufzwingen. Das hat in seiner Parallelität zu WoWs Auswirkung auf alle anderen MMORPG-Universen wahrlich symbolhaften Charakter und grenzt fast schon an Satire.

So ganz nebenbei entsteht bei CCP derzeit noch eine dritte Produktlinie aus der Welt der Vampire und Werwölfe. Man darf auf dessen Verzahnung mit den bestehenden Gegebenheiten gespannt sein. Ob hier die Vampirtätigkeit direkten Einfluss auf den Blutmengendurchfluss der Spieldesignergroßhirne haben wird? Der Profi ahnt, dass die Alpha-Tests schon lange begonnen haben.

Die Messe abschließend erhielt Aion den gamescom Award für das beste Onlinespiel. Was allerdings angesichts der sehr zugeknöpften Konkurrenz (SW:TOR) als auch mangels ernst zu nehmender Mitbewerber (alle anderen) sehr an die Einparteienwahl diktatorisch regierter Dritte-Welt-Länder erinnerte. Aber immerhin war das ein sehr richtiges Signal, weg von der Versprechung und hin zur Realität. Wenn man sich auch fragen darf, ob wirklich allen Jurymitgliedern bewusst war, dass sie einen alten Schuh aus dem Jahre 2008 zum Trendsetter 2010 auserkoren haben. Aber wie heißt es so treffend?
That’s game!
That’s gamescom!