Unter einer Phrase versteht man gemeinhin eine leere Floskel oder ein haltloses Geschwätz. Zumeist ist sie negativ besetzt und der Pixel nicht wert, auf der sie zu lesen ist. Zu den bekanntesten Phrasen dürfte das Steuersenkungsversprechen vor der Wahl und der nachfolgende Amtseid zählen. Entgegen landläufiger Meinung ist allerdings ein Push-up-BH nicht dazuzurechnen. Es ist an der Zeit, sich heute ausführlicher mit den fünf einschlägigsten Phrasen aus der Spielewelt zu befassen.

1. Phrase: „It’s done, when it’s done.”

Würde diese Aussage von einem Autobahnbauarbeiter getätigt, dann hätte sie die unmittelbare Plattwalzung desselben durch die Kraftfahrzeuge Stau geplagter Reisender zur Folge. Doch ist im Bereich der Computerspiele nicht die bescheidene Terminzurückhaltung das Problem. Hier erzürnt keineswegs das völlige Fehlen eines zumindest geplanten Abschlusstermins, sondern die Wortwörtlichkeit der Behauptung an sich.

Oder kennen Sie eine Software, die zum Release tatsächlich „done“ war? Eine Software, bei der kein Notpatch nachgeschoben wurde, kein groß angekündigtes Feature gestrichen werden musste und kein Kunde das dubiose Gefühl hatte, dass Packungsaufdruck und Inhalt so viel gemeinsam haben wie Immobilienbesitz mit einer Sandburg.

Wäre ein “It’s done, when we believe it’s done” nicht viel ehrlicher? Oder sollte man gleich sagen: “It’s done, when we make believe it’s done.”

2. Phrase: „Unser Spiel ist für Solo- und Gruppenspieler.“

Developer der Onlinesparte sind nicht zimperlich, wenn sie die Zielgruppen für ihr Produkt definieren. Je mehr Features die doppelseitige Anzeige versprechen kann, umso mehr dumme Karpfen werden aus dem Kundenteich gefischt.

Wer hat nicht schon darüber geflucht, als er in kleingruppiger Zweisamkeit am Ende einer wunderbar stimmungsvollen Questreihe plötzlich einem Bossmob begegnete, welcher zu seiner Vernichtung ganze Kaserneninhalte beansprucht hat? Auf der anderen Seite geschieht es auch nicht selten, wenn in allzu sololastigen Games der Gruppen suchende Spieler vor lauter Spinnweben beginnt, sich für Spiderman zu halten.

Olniggs Glosse - Ausgabe 40: Phrasereien

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Gruppenzwang für Superhelden
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Wäre es denn wirklich so schlimm sich für eine Seite der Medaille entscheiden zu müssen? Die Nennung des tatsächlichen Spielschwerpunktes mag zwar die Erstverkaufskassen etwas erleichtern, aber der Wegfall des werbetechnisch fatalen Forengegenwindes wäre auch nicht zu unterschätzen.

K(eine) I(nnovation)

3. Phrase: „Noch nie da gewesene KI.“

Kennen Sie Fritz 11? Falsch, dabei handelt es sich nicht um den jüngsten Familienspross eines in der Namensgebung fantasielosen aber umso zeugungsfreudigeren Großbauern. Fritz 11 ist viel mehr ein Schachprogramm, das nicht nur laienhafte Hobbyspieler zum tränenreichen Aufgeben bringt. Und jetzt vergleiche man die Rechenleistung dieser Software mit dem, was uns seit Generationen von der Rollenspielbranche vorgesetzt wird.

Wo sich PC-Schachprogramme von Version zu Version immer weiter an die geistige ELO-Spitze der Menschheit herantasten, verwertet der Branchenrest die Hardwarezuwächse allenfalls für... ja, für was eigentlich? Die Optik kann es nicht sein, denn dafür ist bekanntlich der Föhn namens Grafikkarte zuständig. Eine Physik-Engine scheidet angesichts uneinschlagbarer Fenster ebenso aus. Und konkrete Flugbahnberechnungen der Pfeile inklusive hinein- und hinausrennender Körper würden sowieso die meisten Coder über ihre Ausbildungsgrenze hinauskatapultieren.

Bei der Unmenge von heute möglichen Rechenoperationen pro Sekunde soll also nicht eine einzige Anweisung dafür abzuzwacken sein, dass Gegner angesichts einer Übermacht die Flucht ergreifen, dass Mobs überraschend aus dem Schema-F-Aggromuster ausbrechen und dass der Wolf den Helden nicht nur sehen, sondern auch mit dem Wind riechen kann?

Doch genau genommen ist die eingangs genannte Phrase gar keine. Denn richtig betont sagt sie ja eigentlich die Wahrheit aus: Die KI ist noch nie da gewesen.

4. Phrase: „Next Generation MMO“

Addiert man zusammen, wie viele „nächste Generationen“ uns von einfallslosen Marketingexperten bislang schon um Ohren und Augen gehauen worden sind, dann müssten wir uns bereits im dritten Jahrtausend befinden. Wo immer das detaillierte Auflisten von unsinnigsten Neufunktionen an dem Überlebenswillen der Communitydompteure scheitert oder jene Neuerungen so existent wie ein Vakuuminhalt sind, wird zur Plattitüde Nr. 1 gegriffen. Wie immer muss die nächste Generation für eine Illusion herhalten, welche die vorhergehende nicht einzuhalten imstande war.

Jedoch soll an dieser Stelle nicht zu streng ins Gericht gegangen werden, denn so ganz verkehrt ist die Verwendung dieser Phrase in den seltensten Fällen. Aus langjähriger Erfahrung weiß der aufmerksame Beobachter, dass diese „Next Generation MMOs“ stets eine grundlegende Eigenschaft besitzen, die sie in der Tat von ihren Eltern-MMOs unterscheiden: die monatlichen Abonnementgebühren sind höher.

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Killerspiele jetzt noch abstoßender
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5. Phrase: „Drachen“

Richtig gelesen, Drachen. Kein Wort wünscht man inzwischen mehr zur Hölle. Waren zu Vorfahrens Zeiten die Drachen seltenst gesehenes Legendengut, so sind diese in heutigen Bytekreationen zum Volkswagenmob verkommen. Man möchte fast meinen, dass so wie auf der Spielebox die Angabe zur Altersfreigabe Pflicht geworden ist, innerhalb der Spielebox dieselbe Verlässlichkeit für das Auftreten von Drachen gelten muss. Indes sind Drachen nicht nur zum Dauerziel des Heldenschwertes mutiert. Alleine dieses Jahr wurde bereits auf ihnen geritten, wurde mit ihnen gesprochen und zuletzt konnte man sich noch in sie verwandeln. Bioware wird ihnen bald ein ganzes Zeitalter widmen und ArenaNet ließ auf der gamescom ihre eigene Zukunftsinterpretation aus dem Sack.

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Zwillingsgeburt
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Ist es denn wahrhaftig so unmöglich einen völlig andersartigen und zutiefst skrupellosen Endgegner zu erfinden? Hat denn keiner der Designer den Hauch einer Idee zu einer völligen Neukreation und selbst dann nicht, wenn er in den Spiegel blickt?