Die Onlinesucht! Es gibt derzeit nur wenige Wörter in unserem Sprachgebrauch, denen noch öfter eine gezielte Fehlinformation folgt. Mir fielen da nur noch Redewendungen ein, wie „Nach meiner Wahl werde ich“ und „Kernkraftwerke sind“.

So bin ich mir durchaus bewusst, mich mit einer Glosse zum Thema Sucht auf ein gefährlich dünnes Eis zu begeben, zumal diese Krankheit nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Angehörigen und Freunde gleichermaßen quälen kann. Deshalb möchte ich vorab ausdrücklich erwähnen, dass Verharmlosung nicht das Ziel meines Weges ist. Allerdings will ich auch nicht gleich scharf rechts in den Trampelpfad der Panikmache abbiegen. Lasst mich einfach einen ganz neuen Weg beschreiten.

Im Sommer 2013 stellte sich die Nachrichtenlage der großen Tageszeitungen aufgrund der üblichen Temperaturrekorde ähnlich ausgetrocknet dar. Da sich die großen Militärnationen der Welt seit Monaten standhaft weigerten, irgendeine mindere Nation mit einem bestrafenden Kurzkrieg zu überziehen und die Politiker sich längst auf weit entlegenen Inseln dem umfassenden Ausgeben ihrer zusätzlichen Aufsichtsratsgehälter widmeten, schien mangels Schlagzeilennachschub der Auflagenabsturz unabwendbar zu sein.

Bis eines Tages dem Chefredakteur einer großen überregionalen Boulevardzeitung der Artikel eines lokalen Anzeigenblattes in die Hände fiel und zu fesseln wusste. Das war umso erstaunlicher, als dass dieses Provinzblatt ansonsten mehr zur Altpapier- denn Nachrichtenquelle taugte. Doch in einem auf Seite 7 platzierten Beitrag, gleich unter den Dienstleistungsangeboten offenherziger und ebenso beiniger Hostessen, berichtete ein Halbredakteur über den Leidensweg seiner der Tanorexie verfallenen Ehefrau. Tanorexie? Der Chefredakteur stutzte. Anorexie, die Magersucht, kannte er. Aber Tanorexie?

Nun versetzte den Chefredakteur einer großen Tageszeitung die fehlende Kenntnis einer Wortbedeutung nicht gerade in Angst und Schrecken, zumal er schon längst solch simple Wörter wie „Recherche“ und „Gewissen“ völlig bewusst aus seinem Erinnerungsschatz gestrichen hatte. Aber wollte er nicht an einen Druckfehler oder den bereits in die Morgenstunden vorverlegten Biergartenbesuch des Halbredakteurs glauben, dann sollte das Wort doch bei Wikipedia zu finden sein…

Am nächsten Tag titelte die große Tageszeitung: „Bräunungssucht rafft Kleinstadt dahin!“ und untertiteligerweise wurde weiter ausgeführt, wie „…angesehene Bürger auf ihrem Weg zur perfekten Körperbräune die Kontrolle über ihr Tun verlieren...“ und Gefahr laufen würden „…von den Todesschwingen eines drohenden Hautkrebses umschlossen bereits im Leben die Hölle zu finden!“

Was den Tag danach folgte, war die ganze Bandbreite an Reaktionen. Sich plötzlich aus dem Urlaub meldende Politiker erklärten schon immer davor gewarnt zu haben und versprachen, sich gleich unmittelbar nach Aufnahme des politischen Alltags mit dem Problem zu beschäftigen. Der Verband deutscher Sonnenölhersteller protestierte auf das Schärfste gegen das dargebotene und den Tatsachen völlig widersprechende Horrorszenario. Und an bayrischen Stammtischen wurden sogleich die ersten Forderungen laut, die Sonne umgehend abzuschaffen.

Leider hatten die anderen Print- und Medienmitbewerber nur allzu sehnlichst auf eine solch erfrischende Schockschlagzeile gewartet, um diese jetzt links liegen zu lassen. In der darauf folgenden Woche gab es bundesweit keine Gegend, in der nicht ein Tanorexieopfer ausgemacht worden war. Da wurde von deswegen bereits verstorbenen Großeltern erzählt, die man angeblich zu Lebzeiten tagtäglich aus der Sonnenbank herauszerren musste. Eine nach Mallorca ausgewanderte und von Sonnenbrand befallene Familie verklagte die Fluggesellschaft auf Zahlung von Schmerzensgeld, weil diese nicht ausreichend vor den möglichen Gefahren äquatorialer Breitengrade gewarnt hatte.

Gute Nacht, Marie

Und dann war da noch die Sache mit dem Kind im Fernsehen. Kinder sind immer gut, denn sie sind putzig, und wenn putzigen Kindern etwas Schlimmes geschieht, dann ist das unputzig. Die Sender lieben unputzige Dinge, weil die Zuschauer unputzige Dinge hassen und trotzdem nicht den Kanal wechseln.

Als die kleine Marie zur besten Sendezeit mit schluchzender Stimme erklärte, dass ihre Mami nie Zeit für sie hätte, weil ihre Mami immer so oft und so lang ins Sonnenstudio gehe, war es um die Objektivität der öffentlichen Meinung geschehen.

Umgehend waren alle Politiker vorzeitig aus dem Urlaub zurückgekehrt und begannen, die Inhalte des kommenden Wahlkampfherbstes in den Dienst der Bräunungsabwehr zu stellen. Obwohl nicht eine einzige aussagekräftige Studie über die tatsächliche Verbreitung der vermeintlichen Suchtseuche existierte, wurden prophylaktisch allerorten Selbsthilfegruppen angeboten. Der erste Unternehmer witterte fette Subventionserträge und investierte sein Kapital medienwirksam in eine Privatklinik zur Bekämpfung missbräuchlichen Sonnenkonsums.

Das Europaparlament beriet über die Gesetzesvorlage eines mindestens 10cm x 20cm großen Zwangsaufdruckes auf jeder Flasche Sonnenöl mit dem Inhalt „Achtung! Übermäßiger Sonnengenuss kann bei Ihrer Haut zu Faltenwurf und Löffelabgabe führen!“ Des Weiteren sollten in ihrer Form und Größe angepasste Abschreckungstexte auf Badematten, Sonnenstühle und Luftmatratzen vorgeschrieben werden. Die ersten Freibäder verlangten von ihren Gästen einen Altersnachweis.

Menschen, die es wagten, ohne Schatten spendende Kopfbedeckung das Haus zu verlassen, mussten damit rechnen, einer medizinisch-psychologischen Überprüfung unterzogen zu werden. Und wehe einer der Testpersonen zeigte angesichts des dargebotenen Fotos eines Sandstrandes auch nur den Hauch einer freudigen Erregung, denn dann war die Höhereinstufung in der Krankenversicherung garantiert.

Bis plötzlich einem der Protagonisten ein entscheidender Fehler unterlief. Als der regierende Bürgermeister von Berlin aus Bundesmitteln einen Zuschuss forderte, um die Bundeshauptstadt mit einem allumfassenden Sonnenschirm zu überspannen, signalisierten Finanzpolitiker dies ausschließlich durch Steuererhöhungen refinanzieren zu können. Binnen Tagesfrist war das Wort Tanorexie aus dem Bewusstsein der Bürger verschwunden.

Nur die kleine Marie wunderte sich noch ab und zu, weshalb die Nachfrage des Reporters, warum denn die Mami so oft und so lang ins Sonnenstudio gehe, und ihre folgende Antwort, weil die Mami dort arbeite, niemals auf dem Bildschirm zu sehen war.