Es ist kurz nach Mitternacht, als ich aus dem Schlaf hochschrecke. In meinem Schlafzimmer brennt wie jede Nacht das Licht. Nicht weil ich Angst im Dunkeln habe, sondern weil die Welt erschaffenden Götter die Lichtwerdung als ihr ureigenstes Monopol verstehen. Aus dem Wohnzimmer kommen Geräusche. Dort eingetroffen entdecke ich einen Einbrecher, der sich an meinem Schreibtisch zu schaffen macht.

Ich will mich auf ihn stürzen. Doch alles, was mir gelingt, ist es, um ihn herumzutanzen. Unbeeindruckt begibt sich der Dieb vor meinen Augen in das Bad und entwendet … meine Toilette inklusive Spülkasten! Fassungslos beobachte ich, wie der offensichtlich Geisteskranke mein Haus wieder verlässt.

Sex in the Sims

Dieb klaut Toilette. Kürzer und treffender kann man die dritten Sims nicht beschreiben. Willkommen in der Welt der Zweidrittellogik. Willkommen bei den Wahnsims 3, einem Spiel, das sich in der ersten Releasewoche über 1,4 Millionen Mal verkauft hat. Wer bislang der Meinung war, den Ursprung der Titelkreation „Sims“ im Wort „Simulation“ zu suchen, der sollte besser der Vokabel „simpel“ eine Chance geben.

Taucht man tiefer in die wetterlose Welt ein, wird sehr schnell deutlich, dass es sich um ein sehr mathematisch strukturiertes Spieldesign handelt. Die Aufgabenstellungen in Ehe, Beruf und Hobby werden nicht durch individuelle und fantasiereiche Lösungsansätze bewältigt, sondern durch immergleiche Handlungsabläufe. Wo sich die Kreativität des Spielers dem Fließbandmausklick der Konformität unterordnen muss, da verfällt das Universim nur allzuschnell in eine lustlose Stasis.

Dies ist umso trauriger, als die Sims trotz ihrem Hang zur plakativen Verallgemeinerung nicht nur im Puppenhausbau einen gewissen Reiz entwickeln. Gerade in den Bereichen um die Anbahnung zwischenmenschlicher Genvermischung findet sich eine sexuelle Freizügigkeit, die so von den flotten Dreiersims eigentlich nicht zu erwarten gewesen wäre.

Olniggs Glosse - Ausgabe 39: Sex in the Sims

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Für eine Handvoll Paragrafen
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Wie besser könnte man den Begriff Scheinheiligkeit erklären als mit einem Spiel, das offiziell vor unschuldigen Badeszenen Zensurunschärfe platziert und zu dem inoffiziell ein nippel- und schniedelfreier Nacktpatch wie durch ein Wunder pünktlich am Releasetag zum Download bereitsteht. Wo amerikanische Prüderie den Optionsschalter verbietet, da verspricht ein Spiel, in dem man durch Sex für Generationennachschub sorgen muss, eine sehr interessante Gratwanderung zu werden. Grund genug, um im Folgenden - selbstverständlich in völliger Selbstlosigkeit – einen ausgiebigen Blick auf EAs binäre Interpretation der fortpflanzungstechnischen Aspekte zu werfen:

Sex Richtige

Die Frau ist heiß!
Magerschlank und normbrüstig steht sie vor mir.
Ich begehre sie. Ich will sie.
Doch halt! Zuerst muss ich sie abchecken. Ist sie ein Teenager? Oder ist sie bereits mit jemand anderem zusammen? Dann wäre sie unanbaggerbar. Doch sie ist unbesetztes Freiwild. Perfekt. Das simliche Gesetzbuch erlaubt die zugreifende Wortanwahl.
Also auf zum eigentlichen Teil der Verführung.
Ich selbst sehe zwar aus wie eine aufgeblasene Bulldogge und habe in meinem Beruf erst die Stufe des Tags arbeitenden Nachttopfentleerers erreicht, doch zum Glück sind alle Sims-Weiblein blind und finanziell abgesichert. Sie stehen daher nur auf das Eine: Zuschwallen. Das muss wahre Liebe sein.

Also rede ich auf sie ein, mache Witze, Komplimente und flirte und das alles immer wieder von vorne. Pluszeichen der Simpathie fliegen nur so aus unseren Köpfen.
Geht mir der Gesprächsstoff aus oder wiederhole ich mich zu oft, fülle ich meine temporär Angebetete nahrungstechnisch ab. Alkohol ist aufgrund der uneingeschränkten Altersfreigabe tabu. Ob es wirklich so klug ist, spielende Kinder in dem Glauben zu lassen, man könne Frauen mithilfe von Spaghetti so einfach zum Durchnudeln bringen? Egal.

Olniggs Glosse - Ausgabe 39: Sex in the Sims

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Der Begriff „ohne Altersbeschränkung“ ist keine Umschreibung für ein Euthanasie-Verbot.
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Und plötzlich ist sie da, die einzig wahre Auswahlmöglichkeit. Ich darf zum Bettsprung ansetzen. Doch unmittelbar vor Rammelbeginn kann ich noch auswählen, ob Nachwuchs produziert werden soll oder ob es sich nur um eine Übung handelt. Siehst du lieber Gott, es könnte doch so einfach sein mit der Verhütung! Müssen wir dir denn alles besser vormachen?!

Ich gebe unter dem Betttuch mein Bestes und bin in einer Minute fertig. Naja, warum das Spiel ausgerechnet hier so verdammt realistisch wird, verstehe ich nicht.
Doch das Geilste kommt nach der Geilheit. Wenn ich jetzt still im Bett liegend abwarte und keine weitere Konversation pflege, dann spielt mein Begattungsgast plötzlich an meinem aufklappbaren Laptop herum. Nicht was Sie denken, ich meine den Richtigen! Im Simsland will meine Traumabschnittsfrau danach keine Knuddelschichten und Zukunftsschwüre von mir, sondern sie steht einfach wortlos auf und vergnügt sich mit einem Computerspiel weiter.
Das ist alles zu schön, um wahr zu sein.
Das muss das Paradies sein!
Jetzt endlich verstehe ich die hohen Verkaufszahlen.