Kennen Sie das? Sie stehen an einer Bushaltestelle und warten inmitten einer langsam auf S-Bahn-Niveau anschwellenden Menschentraube auf ihr überteuertes und untersäubertes Transportmittel. In dem daraufhin erscheinenden überfüllten Vehikel erhält Ihr Körper genügend Ellbogen- und Aktenkofferabdrücke, um bei der nächsten Erotikmesse den Masochisten-Siegerpokal heimzutragen. Und während sich Ihr Bus in Bewegung setzt, entdecken Sie beim Blick aus der Rückscheibe das Eintreffen einer Handvoll weiterer Busse, die allerdings so gähnend leer sind wie die Gehirne der verantwortlichen Fahrplanplaner.

Jetzt ersetze man Busse durch Computerspiele und schon festigt sich die Vorstellung von dem im Herbst drohenden Release-Tsunami. Konnte in der Vorsommerzeit Electronic Arts mit seinen dritten Sims die Fahrgäste noch exklusiv einpferchen und hierdurch den besten Erstverkaufserfolg der Firmengeschichte einfahren, dürften die kommenden Wochen im Zeichen zahlreicher Leerfahrten des Wettbewerbs stehen.

03.09.2009 – Champions Online: Der Superhelden zweite Auflage

Die gute Nachricht ist, dass Bill Roper noch nicht lange genug dem Entwicklerteam angehört, um alles versauen zu können. Die schlechte Nachricht ist, dass dies Cryptic Studios in der Vergangenheit auch ganz ohne fremde Hilfe geschafft hat. Doch sie sollten mit CoX genug Zeit zum Experimentieren gehabt haben, um die bisherigen Menschenversuche hinter sich lassen zu können. „Jetzt aber richtig“, lautet also das Motto. Selbstverständlich gilt das auch für das Abkassieren. Abonnementgebühren und zusätzlich das Micro-Transactions-Modell sind der neue Branchenstandard. Somit darf ruhigen Gewissens schon jetzt behauptet werden, dass Champions Online zumindest in einem Bereich mit der Konkurrenz locker mithalten kann.

Ebenso muss man nicht dreimal raten, was eines nicht so fernen Tages die antiken H- und V-Cities mit Auto Assault und Tabula Rasa gemeinsam haben werden.

Vorsch(l)auer

09.09.2009 – Fallen Earth: Die umgefallene Erde

Vanguard war ein konzeptionell geniales MMORPG. Umfassende Charaktervielfalt, mannigfaltige Handwerks- möglichkeiten, innovative Spielmechaniken und das alles in einer gigantisch großen Welt. Nur schade, dass Sigil damals das Geld ausgegangen ist und vorzeitig ein halbfertiges und fehlerstrotzendes Produkt auf den Markt werfen musste. Seinerzeit sind in den internen Foren die Beta-Tester gegen den selbstzerstörerischen Frühstart Sturm gelaufen.

Was das alles mit Fallen Earth zu tun hat? Zum Zeitpunkt dieser Glossenerstellung gilt für dieses, allzu wahre, Endzeitszenario die NDA. Alles klar?

25.09.2009 – Aion: Der Gral Nr. 738

Innerhalb der virtuellen Welten dürfte die Bezeichnung „WoW-Killer“ unstrittig das Unwort des letzten Jahrhunderts sein. Von jedem Neuspiel, das in Asialand einigermaßen erfolgreich ist, wird erwartet, dass es Blizzards grobkörnigen Farbkasten endlich beerdigen wird. So auch von Aion. Doch warum eigentlich?

Optisch betrachtet wird Aion zwar nicht mehr mit Kohle betrieben, aber die Erfindung der grafischen Kernfusion kann man ihm auch nicht gerade zusprechen. Da wurde die Messlatte bereits viel höher gelegt und der Blender „schöne Rüstungen“ vermag über den Massenselbstmord des Bodenbewuchses aufgrund Vereinsamung nicht hinwegzutäuschen.

Olniggs Glosse - Ausgabe 38: Vorschlau

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Beengendes Aion
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Weiter wären da nur acht Endklassen, die zudem so abwechslungsreich zu skillen sind, wie ein Bahngleis ohne Weichen. Überschaubare Low- und Mid-Level-Gebiete, welche das eingangs beschriebene Busphänomen der Überfüllungshämatome nun auch in der virtuellen Welt ermöglicht. Der extrem lineare Zonenaufbau, die kindersichere Questabarbeitung und ein Hüpf-Salto-Paradies für debile Zielgruppen versprechen die abschließende Sabotage der Kundenlangzeitbindung.

Doch soll das handwerklich perfekt ausgeführte Aion nicht zu stark vorverurteilt werden. Die sehr fantasievoll gestaltete Welt und ihr augenscheinlicher PvP-Schwerpunkt dürften genügend Abnehmer finden und der Erfolg dieser durch zahlreiche Flugverbote geprägten Welt auch im Westen garantiert sein. Aber warum ausgerechnet die Mehrheit der WoW-Spieler vom Regen in die Traufe wechseln sollte, vermag niemand zu erklären.

02.10.2009 – Risen: Raider heißt jetzt Twix

Mag es einen Zeitpunkt gegeben haben, wo man angesichts bestimmter Spieldesigner die Wiedereinführung der Folter gewünscht hatte, so können einem die Piranhas heute leid tun. Jeder Serienmörder und sogar Bankster wird eher begnadigt, als dass jene sich die „Gothic 3“-Geschehnisse nicht mehr vorhalten lassen müssen. Doch gerade deren Bewährungshelfer hat ganze Arbeit geleistet. Das neue Risen verspricht den konsequenten Rückschritt in die gothische Steinzeit und die Fanwelt atmet auf. Hinzugerechnet der vorbildliche Verzicht auf DRM und schon wird der Blindkauf beinahe zur Pflicht.

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Die Risensauerei
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Also überhaupt kein Haar in der neuen alten Inselsuppe? Nicht ganz. Denn bei so viel Tradition droht die Gefahr eines Dauer-Deja-Vus. Weniger als drei Jahre Entwicklungszeit zeugen nicht gerade von einem kompletten Neuanfang. Wo ewig grüßt die Robe und der Joint, da könnte allzu leicht ein angeschimmeltes „The Secret of Gothic Island“ entstehen.

Vorsch(l)auest

08.10.2009 – Cities XL: Der Polierorgasmus

Spiele ich heute eine Bauhütte oder lieber einen Wolkenkratzer? Muss ich mir bei der Charaktergenerierung die Fenster und die Anzahl der Stockwerke aussuchen oder gleich, ob ich ein Strandviertel oder die Slums verwalten will? Ist der Max Level Gelsenkirchen und wird der dann beim ersten Add-On auf Tokio angehoben?

Sie sehen, der Schreiberling dieser Zeilen hat überhaupt keine Ahnung, was er sich bei Cities XL unter den (Zitat Homepage) „sozialen Mehrspieler-Aspekten eines MMOs“ vorzustellen hat. Wie ein Solo Sim City zum World of CityCraft mutieren soll, bleibt ihm ein Rätsel, welches zumindest noch bis zum Releasetag für viel Vorfreude sorgen könnte.

Wenn da nicht die Tatsache wäre, dass es bis heute keiner Firma gelungen ist, ein MMO ohne Ingame-Kampf langfristig in die Gewinnzone zu bringen - mal abgesehen von der Dauerwerbesendung Second Life. Den Weltrekord für die schnellste Einstampfung hält derzeit Seed mit 149 Tagen. Das verspricht einen spannenden Wettkampf.

22.10.2009 – Dragon Age: Mass Effect schwängert Baldur’s Gate

Floskeln abnutzend möchte man sagen: „Last, not least“. Für das potenzielle Highlight des Jahres vorab Widerworte zu finden, scheint unmöglich. Stand doch Bioware in der Vergangenheit als Garant für gute bis sehr gute Rollenspiele. Auch Mutti EA erstickt im Vorfeld jegliche Kritik im Keim, indem sie den Sondermüll Onlineregistrierung geläutert entsorgt hat. Ja selbst die Zensurbehörden bieten keine Angriffsfläche, da Dragon Age in ungeschnittener Form auf deutsche Ladentische kommt.

Wirklich kein einziges böses Omen?

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Dragon Autsch
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Bis man darauf stößt, dass Dragon Age die nächsten zwei Jahre kontinuierlich weiterentwickelt werden soll. Hatte nicht Bethesda bei Fallout 3 dieselbe Idee? Wer einmal in den Genuss von deren PC-Add-Ons gekommen ist, der wird nun wissend lächeln: geldgeile Dauerbaustelle, die mittelfristig Gefahr läuft, so instabil wie eine auf dem Kopf stehende Cheops-Pyramide zu werden.

Fazit

Am Ende werden die Verantwortlichen erneut jede Menge Munition suchen, um ihre Absatzmisserfolge zu rechtfertigen. Die üblichen Schuldigen sind selbstverständlich wieder offline unter den Raubkopierern und online bei Blizzard zu finden. Ob nur einer von den Bossen daran denken wird, dass wir Kaufvieh für den Erwerb dieser Spieleschwemme eigentlich einen Nebenjob annehmen und zum zeitaufwendigen Konsum derselben wieder kündigen müssten?