Große Weltliteratur hat seit jeher die Menschheit in ihren Bann gezogen. Egal, ob es sich hierbei um die elegischen Schilderungen von Grenzen überwindender Liebe oder um geringfügig trivialer dargebotene Erzählungen aus neu gestrickten Fantasiewelten handelt. Die wahren Meister der schreibenden Zunft versetzen durch übermenschlich anmutende Fertigkeiten ihre Leser in die Lage, zeitweise alle Nöte und Sorgen des Alltagslebens vergessen zu können.

Nur leider gelingt es selbst den besten Profischreibkräften nicht, sich den Gesetzen der Natur zu entziehen. Auch sie müssen am Ende ihres Schaffens sowohl Stift als auch Löffel abgeben. Dies geschieht bisweilen so verfrüht, dass, wie zum Beispiel im Falle von Robert Jordan, ein Epos durch seine Unvollständigkeit den schalen Nachgeschmack der handwerklichen Selbstüberschätzung hinterlässt.

Wer aber hätte gedacht, dass selbst ein Herr Tolkien diesem Umstand Tribut zollen musste? So war die letztendlich als Trilogie erschienene Saga über den Herrn der Ringe ursprünglich als Tetralogie geplant. Wer sich darüber wundert, was in einem vierten Buch überhaupt zu erzählen geplant war, wo doch die Geschichte schon abgeschlossen schien, der möge jetzt lesen und staunen.

Der Herr der Ringe - Das vierte Buch: „Der saure Sauron“

(Bisher unveröffentlichtes Original-Exposé)

Nachdem der „Eine Ring“ in den Feuergluten des Schicksalsberges vernichtet worden war, beginnt Sauron seine Stofflichkeit zu verlieren. Er mutiert zurück zum Geist und wird aus Mittelerde in das Weltall hinausgeschleudert. In die Unendlichkeit eines körperlosen Daseins verbannt, gleitet er immer tiefer in das ungreifbare Nichts der absoluten Leere ab. Sein Ende ist die Endlosigkeit. Die Verbannung in unbekannte Zeit und undefinierbaren Raum verheißt die perfekte Unumkehrbarkeit.

Bis eines Tages der Geist Saurons einen Impuls verspürt. Es ist das Böse, das zu ihm findet. Inmitten ihm gänzlich unbekannter Dimensionen vernimmt Sauron plötzlich und völlig unerwartet die Vertrautheit von Gewalt und Zerstörung. Böses hat sich gesucht und Böses hat sich gefunden.

Das andere zweite Böse nennt sich Turbine und geleitet Sauron aus dem Labyrinth des Exils zu seiner eigenen Heimatwelt. Diese Welt wird von ihren Ureinwohnern Erde genannt und Sauron erhält von Turbine eine körperliche Existenz in Form eines Menschen. Um sich in der unbekannten Welt in aller Ruhe zurechtzufinden, wird er zudem mit der Tarnidentität als Eventmanager eines Onlinespiels ausgestattet.

Schon bald nimmt Sauron seine destruktive Arbeit erneut auf. Doch er hat dazugelernt. Im Gegensatz zu früher verbreitet er Gewalt und Schrecken nun auf wesentlich subtilere Art. Nicht physische, sondern psychische Zerstörung ist das Maß der Dinge geworden. Menschen, die sich in Existenz und Hobby glücklich wähnten, geraten urplötzlich in einen Strudel des Grauens.

Frodo goes Formel 1

Mitte Mai des Zeitalters 2009 ersinnt Sauron in dem ihm anvertrauten Onlinespiel den „One Kinship to Rule Them All” Contest. Diesen Wettbewerb gewinnt diejenige Gilde, die innerhalb eines festen Zeitraumes über die meisten neu erstellten Charaktere verfügt, die ihrerseits am schnellsten und am weitesten gelevelt sind. Frodo goes Formel 1. In einer eigentlich auf Atmosphäre und Glaubwürdigkeit bedachten virtuellen Welt hält die Siegertreppchenmentalität der eSport-Dauerklickorgien Einzug. Anspruch weicht Albernheit.

Aber wird die Überschwemmung von Newbiegebieten mit hektisch agierenden Sekundentaktmetzlern der einzige Angriff Saurons auf den Verstand der Menschheit bleiben? Schon munkelt man, er plane den „One Mass Extermination to Rule Them All“ Contest, welcher die Person mit den meisten NPC-Kills in dem Olymp der virtuellen Serienmörder verewigt. Ebenso wird über einen „One or more Jumps to Rule Them All“ Contest spekuliert, der - nicht wirklich überraschend - große Zustimmung von Seiten der Keyboard-Industrie erntet.

Indessen stellt sich Sauron das Gute entgegen. Auf der Erde mit ohne dem Mittel davor erheben sich vereinzelt die Verteidiger der Vernunft. Doch ihr kümmerliches Aufgebot im Rahmen eines konternden „One Account Cancellation to Stop Them All“ Contests verblasst angesichts Saurons neuer Machtfülle. Das Ende der Welt beginnt.

Wo Turbine mit seiner teuflischen Allianz einzig etwas mehr Machtfülle anstrebte, trachtet Sauron in seiner Rachsucht nach nichts Geringerem als der Vernichtung des gesamten Universums. War es ihm doch endlich gelungen auf der Heimatwelt seines eigenen Schöpfers Tolkien Fuß zu fassen und dessen Erbe zu diskreditieren. Dadurch dass ein Fantasiegeschöpf den Fesseln seiner Erzählung entflieht und eine eigentliche Erfolgsgeschichte im direkten Einfluss der Lächerlichkeit preisgibt, wird ein Paradoxon ersten Ranges geschaffen.
Das Ende ist da.
Das Sein muss seine Existenz an die Unlogik des Chaos abtreten.
Von einer Sekunde zur anderen hört das Universum auf zu existieren.

Das vierte Buch endet mit einer aus dem negativen Urknall zornig herausplärrenden Tigerente, die da schreit: „Mit mir wäre euch das nicht passiert!“

Olnigg schließt sich zumindest temporär der Nichtexistenz an und verabschiedet sich heute wie traditionell üblich in die Sommerpause. Man liest sich wieder Anfang August und ich wünsche bis dahin viel Anlass zum Sonnencremekonsum.

Schönen Urlaub und solche Sachen,

Olnigg