Leiden Ihre Kinder unter ADHS und sind Sie deshalb auf der Suche nach einem organschonenden und trotzdem Hornissen erstarren lassenden Beruhigungsmittel? Leiden Sie selbst, und zwar darunter, nicht zu wissen, dass ADHS die Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom ist, und benötigen Sie deshalb ein Onlinespiel, welches sich über den aktuellen Stand Ihres Allgemeinwissens nicht lustig macht? Oder wollen Sie vielleicht gar jemand anderen leiden lassen und eine Person so richtig in den finanziellen Ruin treiben?

Dann sollten Sie unbedingt zu „Free Realms“ greifen.

Freie Gebiete

Free Realms ist das neueste MMO-Werk von Sony Online Entertainment und muss neidlos als gelungen bezeichnet werden. Handwerklich perfekt vereint es in sich die gesammelte Onlineerfahrung bisheriger Titel. Von der liebevollen Grafik, über das umfangreiche Gameplay bis hin zum harmonischen Zusammenspiel von Internetseite und Spiel ist diese Software ein richtungsweisender Meilenstein für kommende Entwicklungsschritte.

„Was ist mit Olnigg los?“, mögen Sie jetzt denken. „Ist sein Geist etwa von der schweinischen Grippe benebelt oder hat man ihm über Nacht sein eigenes ADHS geklaut? Wo bleibt denn die Kritik? Wir wollen Wortleichen sehen!“

Tut mir leid, aber ich bin überzeugt davon, dass die angepeilte Zielgruppe ihren Spaß damit haben wird. Wer in einem Alter weit nach erstmaliger Schließmuskelkontrolle und kurz vor Pickelausbruch ist, der dürfte sich die Freude an Free Realms nicht nehmen lassen. 14 sehr abwechslungsreiche Klassen, mannigfaltige Quests, unterhaltsame Rätsel, Denk- und Geschicklichkeitsspiele, forderndes Level- und Itemsystem, Ingame-Sammlungen, pflegebereite Haustierpüppchen, ein umfangreiches Trading-Card-System und vieles mehr laden dazu ein, den Nachwuchs von Straße und Nachmittagsfernsehen fernzuhalten. Ja, selbst dem Jugendschutz wird gehuldigt. Die nur wahlweise einzugehenden und dann lediglich in eigenen Instanzen ablaufenden Kämpfe vermeiden in ihrer Aufgabenstellung die Wörter Kill und Tod so perfekt wie andernorts die Konzernmanager Mäßigung und Verstand.

Es wird aber noch viel besser. Free Realms ist nämlich die Perfektion in Sachen unterschwelliger Kundenanbindung. Da wird sogar der Erstkäufer anfixende Drogendealer vor Neid erblassen und seinen kompletten Warenbestand frustriert die Bahnhofstoilette hinunterspülen, wenn er gewahr wird, wie subversiv SOE hier in die elterlichen Brieftaschen greift.

Geld oder Onlineleben

Denn Free Realms ist erstens kostenlos und das zweitens nicht lange. Will das Kind sein drolliges Pet und der Jugendliche sein cooles Powerslide GT Cart, dann heißt es für Mami und Papi auf ein Stück Torte oder die Schachtel Zigarette zu verzichten. Was aber nur gerecht ist, denn schließlich müssen auch die Kinderzimmerbewohner Opfer bringen, indem sie ihr zukünftiges Leben ganz dem Monitor verschreiben und sich uneigennützig Sport und Buchkonsum verkneifen.

Aber keine Angst, liebe Eltern. Da nicht nur Sonys Finanzkonzept, sondern auch die unkomplizierte Zahlungsabwicklung das Prädikat barrierefrei verdient, könnt ihr, sobald die Kreditkarteninformationen erst einmal fest hinterlegt sind, die weitere Abwicklung des Geldtransfers getrost euren Verhütungsmittelversagerprodukten überlassen. Mit der im wahrsten Sinne kinderleicht zu merkenden Kartenprüfnummer ausgestattet werden sie sich monatelang ruhigstellen lassen. Endlich können Eltern ohne Gewissensbisse den Zuwendungsgrad auf das gesetzlich geforderte Mindestmaß von Ernährungs- und Schulpflicht zurückfahren. Und auf die erfreulichen Einsparungspotenziale im Bereich der Babysitterkosten soll hier gar nicht erst eingegangen werden.

Alles in allem muss man Free Realms eine produkttechnische Genialität zusprechen, und es ist gewollte Übertreibung, wenn man vorhersagt, dass es für kommende Generationen ähnlich prägend wie das einstige Auftauchen der Fast-Food-Ketten für unsere Essgewohnheiten sein wird. So wie die bildungskulinarische Wildsau von Heute mit dem Wort Haute Cuisine äußerst selten etwas anzufangen weiß, geschweige denn, dass sie es richtig aussprechen kann, so werden die Durchschnittsrezensenten von Free Realms niemals erkennen können, dass SOE eine einzige, aber nicht ganz unwichtige Tatsache bei der Produktentwicklung übersehen hat: Free Realms fehlt die Seele.

Wo Pu und Langstrumpf, Shatterhand und Rhodan in stimmig aufgebauten Fantasiewelten kindliche Vorstellungsgabe auch über den Konsum hinaus zu gedanklichen und spielerischen Tagträumen stimulieren konnten, da versagt der vorliegende digitale Erlebnispark jämmerlich. Die vorgesetzte Welt hat weder logischen Zusammenhalt noch bietet sie genügend Futter für das Langzeitgedächtnis. Sie erscheint nur für den Moment geschaffen und ein nachhaltiger Effekt auf des Heranwachsenden Kreativität vermag hier nicht einmal ein Elektronenmikroskop zu erkennen.

Free Realms glänzt als jugendfreier Spielautomat und versagt als vorpubertäre Entwicklungshilfe.