Kürzlich verkündete Nintendo einen sehr stolzen Rekord. Für die Spielkonsole mit der legasthenikerfreundlichen Produktbezeichnung Wii wurde der Erfolg von 50 Millionen verkauften Einheiten bekannt gegeben.

Wie bei Jubiläen üblich gibt das Erreichen einer runden Rekordmarke stets Anlass zu einer Laudatio. Egal ob das 100-jährige Geburtstagskind werbewirksam vom fast zeitgleich 100 Kilogramm erreichenden Bürgermeister zugeschwallt wird oder ob der Sportartikelhersteller wortreich dem extra in Goldprägung gefertigten einmillionsten Schuh huldigt und hierbei dezent das zehntausendste arbeitsinvalide Kind im Produktionsland verschweigt. Eine Rede gehört zu einer runden Zahl wie das anschließende Buffet in die Mägen. Diesem Trend kann und will sich hier und heute niemand verschließen.

Meine erste Begegnung mit der Wii war eigentlich noch gar keine. Mir wurde lediglich von weiblicher Seite der Kauf nahe gelegt, wo doch im Verwandten- und Bekanntenkreis viele so begeistert von der Wii seien. Außerdem wäre sie in der Anschaffung recht erschwinglich, der Gebrauch würde zudem die körperliche Kondition verbessern und nicht zuletzt hätten doch alle eine. Es wurde also so ziemlich jedes Argument aufgeboten, welches in mir gewöhnlich die Alarmglocken aufs Äußerste schrillen lässt.

Also begann ich nachzuforschen. Ich erfuhr aus Werbung und Testbericht, dass die Wii zum Aufstehen und Mitmachen animiere und sie keine der üblichen Spielkonsolen sei, vor der man Stunden abhocke und allenfalls die Finger- und Gesäßmuskulatur stärke. Und da war es schon wieder, dieses Argument von Gesundheit und Kondition. Doch irgendwas stimmte nicht – machte mich stutzig. Ich begann im Geiste meinen Verwandten- und Bekanntenkreis hinsichtlich seiner anatomischen Gegebenheiten zu rekapitulieren. Nun existierte da sicherlich niemand, den ich mit Adipositas oder einer anderen Nilpferdumschreibung in Verbindung bringen wollte, jedoch – wie sage ich es jetzt nur öffentlich, um meine zukünftigen Geburtstagskuchen trotzdem giftfrei zu halten? – jedoch einen Marathonlauf, geschweige denn dessen Sieg, wollte ich keinem unter ihnen zutrauen.

Die Skepsis obsiegte gänzlich, als ich von einem britischen Arzt las, der vor typischen Sportverletzungen im Rahmen des Wii-Gebrauchs warnte. Nun hielt mich nichts mehr und das Telefon musste der Wahrheit den Weg bahnen. Der erste kontaktierte Verwandten- und Bekanntenkreis wusste meiner besorgten Nachfrage bezüglich Tennisarm und Kreuzbandeinäscherung einzig brüllendes Gelächter entgegenzusetzen. Wenn man zu geselligen Abenden die Wii aus dem Schrank hole, so hieß es weiter, dann bestimmt nicht, um sich die Gesundheit zu ruinieren.

Diesbezüglich beruhigt verlagerte ich den Schwerpunkt meiner Recherche auf die angebliche finanzielle Erschwinglichkeit der Hardware. Bald darauf erfuhr ich etwas über kostenpflichtige Zusatzausrüstung, wie die bislang 14 Millionen Mal verkauften Balance Boards. Auch jetzt gab es kein langes Zögern. Doch um mich nicht erneut lächerlich zu machen, schonte ich die Wahlwiederholungstaste und rief einen anderen Teil des Verwandten- und Bekanntenkreises an. „Zusatzausrüstung für die Wii?“, lautete die erstaunte Gegenfrage. Ja, die gäbe es und die habe man. Aber so teuer und so viel sei das nicht. Das könne man alles zudem bequem zusammenlegen und würde im Schrank sehr wenig Platz einnehmen.

Niimals

Noch während ich mich für die Auskunft bedankte, nicht ohne mir noch anhören zu müssen, dass man sich gefreut habe, im Rahmen der seltenen Kontakte endlich einmal mit mir ein anderes Gesprächsthema gefunden zu haben, als die ewige Nachfrage nach dem Gesundheitszustand der begüterten Erbtante, begann in mir der Keim des Verdachts zu sprießen.

War da nicht in beiden Gesprächen eine Auffälligkeit gewesen?

Im Schrank – sie hatten beide Male vom Schrank gesprochen.
Zeichnet sich nicht allgemein eine Spielkonsole dadurch aus, dass sie gefordert wird?
Dass sie griffbereit in der Nähe des Fernsehers oder des Monitors liegt?
Dass man zum Leidwesen der Nichtspieler eher zu viel als zu wenig spielt?
Ist nicht der allerletzte Ort im Haus, an dem es sich der Staub gemütlich machen würde, eine Spielkonsole?

Eine letzte Internetinformationsspritztour brachte Gewissheit. Der Frauenanteil am Konsum der Wii nähere sich erstaunlichen 50 Prozent.
Schrank, Frauen und Wii?
Warum musste ich plötzlich an Schuhe denken?

Mein chauvinistisches Weltbild begann seine Dominanz zu entfalten und ich die Erfinder der Wii um Ihre Genialität zu beneiden. Sie hatten ein Produkt entworfen, welches in der Anfangseuphorie des ersten Kennenlernens den Grundstein für kaufanregende Mundpropaganda legt, aber wenig später nur noch zum Existenzgrund von Zimmermöbeln taugt. Die Wii ist nichts anderes als ein schicker Schuh, den man zu besonderen Anlässen den Gästen präsentiert. Doch wehe der Alkohol ist aufgebraucht und die Feier weicht dem Staubsauger, dann war’s das mit dem Spielspaß.

Auf was für eine raffinierte Win-win-Situation war ich da gestoßen.
Bei derlei Minimalgebrauch durften sich Nintendos Garantieleistungen im Rahmen halten. Bekanntlich ist die Gefahr der Überbelastung von in Schränken gehaltenen Artikelkomponenten denkbar gering. Wo Xbox und Konsorten den Geist verheizend oder gemodchipt aufgeben, da werden noch unsere Urenkel beim Entrümpeln auf Omas funktionstüchtige Wii stoßen.

Dem Anwender hingegen bleibt zwar nicht die Herzverfettung aber zumindest Ehemuttis Nörgeln erspart. Ruhigen Gewissens kann er sich einreden, doch gerade erst vor zwei Monaten bei Egons Geburtstag einen ganzen Abend lang anstrengenden Hampelmannsport getrieben und somit für den Rest des Jahres genug für die eigene Gesundheit getan zu haben.

Nur eine Frage blieb nach wie vor unbeantwortet. Wieso eigentlich sollte ich mir eine Wii kaufen? Doch auch diese Frage war auf einmal kinderleicht zu beantworten. Nein, ich würde mir keine kaufen. Aber nicht, weil die Wii es nicht Wert wäre. Der Grund war viel banaler. Im Schrank war einfach kein Platz mehr dafür.