Wie es genau begann, vermochte im Nachhinein keiner der Beteiligten mehr zu sagen. Wenn man offen und ehrlich sein wollte, dann interessierten die Gründe sowieso niemanden und für eine ausführliche Rekonstruktion der Ereignisse fehlte der ganzen Geschichte das gesellschaftliche Interesse. Denn P. war eine eKreatur gewesen. eKreaturen gab es zuhauf und eKreaturen waren nunmal so, wie sie sind.

Einzig die Eltern von P. grämten sich über das Ableben ihres einzigen Sprösslings und so sind die wenigen Informationen, die über das Schicksal der eKreatur P. publik wurden, ihnen zu verdanken. Den Eltern zuliebe sei an dieser Stelle das Schicksal ihres Kindes, so weit bekannt, erzählt. Möge die folgende Schilderung ihrem Seelenheil dienen und ihr Hadern mit des Schicksals Mächten endlich zu einem Ende bringen.

Die eKreatur

Es existieren zwei Theorien, wie alles angefangen haben könnte.
Die eine besagt, dass eines Tages P. in einem Forum zum x-ten Mal eine falsche Behauptung gelesen haben könnte, und er es einfach leid war, die Meinung des Anderen mit greifbaren Gegenargumenten zu widerlegen. Stattdessen solle er, sei es aus Zeitmangel oder um sich mühsame Tipparbeit zu ersparen, mit einer einzigen kurzen Beleidigung reagiert haben,
Die alternative These lautet, P. habe aufgrund eines herben Rückschlages im Rahmen des Werbens um eine Person aus dem anderen Geschlecht, ganz einfach einen schlechten Tag gehabt und seine Frustration an irgendjemand auslassen müssen.

Wie auch immer. Fakt ist, dass ab diesem Zeitpunkt irgendetwas mit P. falsch gelaufen war. Die Annalen von P’s Computer wiesen seitdem eine Flut von zum Teil irrwitzigen Verhaltensweisen auf und Flames verkamen langsam zur Spitze des Eisbergs. P. begann sich in immer mehr Foren und Chats zu registrieren. Zu jedem Thema wusste und musste er etwas sagen, und sollte einmal jemand nicht seiner Meinung sein, dann begann P. zur Hochform aufzulaufen.

Stichhaltige Beweise der Gegenseite waren für P. noch lange kein Grund seine eigene Meinung zu ändern. Anstatt dazuzulernen begann P. lieber damit, eine wahre Masse von imaginären Personen zu erfinden, die seine falsche Argumentation fortan unterstützten. So stießen die Eltern zum Beispiel auf über 20 verschiedene Accountnamen für ein einziges Forum. P. war ein Meister darin, seiner eigenen Traumwelt Nachdruck zu verleihen und das menschliche Miteinander ausschließlich auf Ablehnung und Verachtung basieren zu lassen.

Binnen kürzester Zeit war das Leben von P. zu einer einzigen Farce verkommen. Kommunikation war kein Mittel der Entspannung mehr, sondern diente dem Aggressionsabbau. Höflichkeit war der Hasstriade gewichen und Verstand ordnete sich dem Egoismus unter. Das Wort diente nicht mehr dem Informationsaustausch, sondern mutierte zur Waffe. Gleich dem einseitigen Kontakt mit Schauspielern in einem Kinofilm vermochte er im Umgang mit seinen Mitmenschen nicht mehr als seichte Unterhaltung zu sehen. Wenngleich sein Körper frei atmete, begann die Seele am Selbsthass zu ersticken.

Bis zum 18. Juni.
Dem Tag, an dem sich der Anfang vom Ende abzeichnete.

Die Straßenbahn

Am 18. Juni war P. auf dem Weg zu seiner Mutter, um wie allmonatlich die schmutzige Wäsche abzuliefern. Nachdem er bereits einige Stationen in der Straßenbahn zurückgelegt hatte, war er plötzlich von einer älteren Dame gebeten worden, ob er ihr nicht seinen Sitzplatz überlassen könne, wo doch ihre Beine nicht mehr so richtig wollten. Und gerade während P. halblaut lamentierte, dass den Beinen sicherlich eine bessere Konstitution beschieden wäre, wenn der Oberkörper nicht immer mit Tonnen von Goldschmuck behängt wäre, da geschah es.
P. begann von seinem Sitz zu fließen.
Ganz langsam aber stetig war er nach vorne auf den Boden gerutscht und lag nun, einer Art menschlichen Pfütze gleich, in einem Gemisch aus Haut und Kleidung inmitten des öffentlichen Verkehrsmittels.

Der von den entsetzten Fahrgästen umgehend herbeigerufene Notarzt diagnostizierte ohne langes Rätseln einen akuten Rückgratschwund im Endstadium und ließ P. sofort in die Intensivstation des nächstgelegenen Krankenhauses einweisen.

Noch während P. auf ein geeignetes Spenderorgan hoffte, was gerade in seiner Altersgruppe dem Warten auf einen Lotteriehauptgewinn entsprach, begann er seine destruktive Tätigkeit fortzusetzen. Internet-Handy sei Dank, wollte er die minderjährigen Chat-Teilnehmer eines Jugendmagazins für sein selbst versautes Leben im Allgemeinen und sein Schwabbelgebrechen im Speziellen büßen lassen. Als er jedoch im Rahmen einer Diskussion zur Aknevermeidung von einer 15-Jährigen vorgeführt wurde und anschließend deren oberschlauer jüngerer Bruder unter allgemeiner Schadenfreude einen Thread mit der Schilderung von P’s dilettantischen Rechtschreibfehlern eröffnete, da überkam P. zum ersten Mal in seinem Leben ein Ansatz von Scham und er suchte sein Heil in der Flucht.

Erst zwei Tage später wagte P. einen weiteren Versuch und fand sein virtuelles und tatsächliches Ende im Forum einer Lebensberatung. Während er einem Suizidgefährdeten die Vorzüge der selbst verkürzten Lebenserwartung als das perfekte Mittel gegen Faltenbildung einreden wollte, berührte er zum letzten Mal die Enter-Taste. Die anschließend vorgenommene Autopsie wusste zu berichten, dass der Bodensatzpatient sein endgültiges Schicksal in einer letalen Durchblutungsstörung basierend auf chronischer Herzlosigkeit gefunden hatte.

Als die Eltern von P. in ihrer Trauer und Verzweiflung im Internet eine Gedenkseite eingerichtet hatten, lautete zu deren Entsetzen der erste Gästebucheintrag:

Auf dem Weg zu Dünger befindet sich das Kind,
doch nicht Rose und Tulpe neue Heimat sind.
Bei dem grauen Leben, es hat zu verbuchen,
in Disteln und Brennnesseln ihr solltet suchen.

Die Eltern stellten die Homepage umgehend wieder ein.

„Verdammt! So ganz ohne direktes Echo macht das nur halb so viel Spaß“, dachte sich die eKreatur Q. „Aber mal sehen, was ich heute noch so finden werde. Ich sollte mal wieder einen auf Geschwister machen, wie damals, als ich diesen unfähigen Pickelamateur vergrault habe.“