Sagt Ihnen der Begriff ABC-Analyse etwas? Nein? Dann sei im Folgenden Abhilfe geschaffen.

Mithilfe der ABC-Analyse gelingt es Statistikern, den Betreibern von Free-2-Play-Spielen einzureden, dass man mit 20% der Spieler 80% des Umsatzes erreichen könne. Dies wäre im Grunde auch keine so falsche Aussage, wenn da nicht zum Erreichen des Umsatzziels stets ein so genannter Item-Shop Verwendung finden würde, in dem man gegen echtes Geld recht zweifelhaft nützliche Gegenstände erwerben kann. Ein plastisches Lehrstück, wie man dauerhaft mit 100% der Spieler 0% Umsatz erreicht, sei am Beispiel des MMORPGs Runes of Magic geschildert.

Um die Philosophie der gängigen F2P-MMOs zu verstehen, sei ein Blick auf die bisherige Gewinnstrategie der vorzugsweise asiatischen Anbieter geworfen. Den Verkaufsschwerpunkt bilden in nahezu allen Vorgängermodellen die Erfahrungs- und Heilungstränke. Wer dem Asiagrind entkommen und XP in doppelter Geschwindigkeit erwerben will, der muss ebenso in die Tasche greifen wie ein Spieler, der die Gesundheit regenerierende Downtime nach den Kämpfen zu verringern trachtet.

Olniggs Glosse - Ausgabe 24: Runes of Magic - Teil 2

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Micropaymentkunde klagt an.
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Dies führt dazu, dass bei durchschnittlicher Spielzeit und einem entspannten Dauermetzeln in F2P-Spielen wie zufällig eine monatliche Investition von 10-15 Euro benötigt wird. Darüber hinaus können sich überdurchschnittlich betuchte Konsumenten im Poser-Regal diverse individualisierende Luxusgegenstände beschaffen, die im Schwerpunkt für einen rascheren Spielfortschritt so sinnlos wie ein Duftbäumchen für die automobile Fortbewegung sind.

Betrachten wir nun, auf welche Art der der deutsche Importeur Frogster seinen RoM-Item-Shop gestaltet hat:

XP! Wer will noch mal? Wer hat noch nicht?

Wo man Heiltränke bereits mit Ingamegold erwerben kann, da bleibt für den großen Reibach einzig der XP-Boost. Dieser besteht in Runes of Magic aus einer 60 Minuten wirkenden Potion, die den Erfahrungszuwachs ausschließlich im Monsterkampf um 50 Prozent steigert. Bei einem Einkaufswert von umgerechnet 50 Cent könnte man für 15 Euro pro Monat also 30 Stunden lang schneller leveln. Oder direkt gesprochen: Wenn man in Runes of Magic denselben Geldbetrag abliefert wie bei einem klassischen Abonnement-Modell, dann besteht der einzige Spielvorteil darin, pro Tag eine Stunde lang mehr XP zu sammeln.

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Wenn es auch im richtigen Leben Erfahrung zu kaufen gäbe, dann könnte Paris Hilton noch hoffen.
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Angesichts eines Spiels in dem der XP-Zuwachs hauptsächlich durch Quests erfolgt und man in hohen Leveln die für einen Aufstieg notwendigen Monstermassen in Fantastilliarden misst, kann also getrost von einem Ladenhüter gesprochen werden. Entweder hat sich in der Firma Frogster noch niemand einen Taschenrechner leisten können oder die von der Käuferschaft erwartete Naivität wurde aufgrund eigenen genetischen Materials als bei der gesamten Menschheit selbstverständlich vorausgesetzt.

Reittiere

Die Haupteinnahmequelle dürfte aus dem Erwerb von Reittieren bestehen. Für umgerechnet 15 Euro erhält der zahlungsbereite Spieler die unverzichtbare Erleichterung, bei der Betrachtung seines dauerlaufenden Avatars nicht mehr einschlafen zu müssen. 15 Euro mögen für den schulbesuchenden oder studentischen Onlinespieler eine sehr abschreckende Hürde darstellen, doch sei an dieser Stelle zu deren Beruhigung verraten, dass die weitere Produktpalette viel mit dem Verkauf von Schlittschuhen in einer Sauna zu tun hat.

Nach nur zwei Monaten Reaktionszeit ist dies schlussendlich auch der frogsterschen Firmenleitung aufgefallen und schon wurde ein weiteres wesentlich martialischer aussehendes Pferd zum Kauf angeboten, um die bisherigen Pferdekäufer zu einer erneuten Geldausgabe zu bewegen. Nur leider steht zu befürchten, dass wegen der Restspielinhalte der Trend zum Zweitpferd seinen stärksten Gegner in der Deinstallationsfunktion finden wird.

Haustiere

Sie sind das absolute Muss eines jeden Item-Shops, und in Runes of Magic sind sie besonders putzig gelungen. Wem das Geld locker sitzt, der will einen treuen Gefährten an seiner Seite, durch dessen Dauerbeschau der Spielspaß vervielfacht werden kann. Doch wie versaut sich der Item-Händler den Vertrieb eines solchen Selbstläufers? Ganz einfach. Er definiert Haustiere genau entgegengesetzt zu jeder Vernunft.

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Nachsitzen mal anders.
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Wer im realen Leben ein Haustier erwirbt, der tut dies mit dem festen Vorsatz, dieses zumeist haarende und die ganze Welt als Toilette ansehende Knuddelwesen trotzdem ein Leben lang zu behalten. Die Frogsterianer denken anders. Sie gehen – vielleicht aus eigener Lebenseinstellung – davon aus, dass der binäre Tierbesitzer seinen Hausgenossen spätestens nach 30 Tagen an der nächsten Pferdebahnraststätte aussetzen will. Ein dauerhafter Besitz wird unmöglich gemacht. Was zu der sehr amüsanten Vorstellung führt, wie wohl das nächste Tierheim reagieren würde, wenn man für 3 Euro monatlich wechselnde Leinenpartner ausleihen würde? Simultan geöffnete Käfige und der Ausruf „Fasst ihn!“ dürfen die letzten wahrgenommenen Empfindungen vor der folgenden Notoperation sein.

Crafting

Wer seine Pupillen binnen Sekundenschnelle auf doppelte Größe bringen will, der werfe einen Blick auf das Craftingkonzept von Runes of Magic. Er sei jedoch gewarnt, dass vor Entsetzen geweitete Sehorgane nur die Vorboten für unmittelbar anschließende Kopfdauerschläge gegen die nächste Zimmerwand sind.

Wer über ein bestimmtes Level hinaus craften will, der benötigt Zutaten, die entweder als selten bis unmöglicher Loot erhältlich sind oder wesentlich einfacher im Item-Shop gekauft werden können. Eigentlich hätte Frogster hiermit eine sehr einträgliche Einkommensquelle geschaffen, wenn da nicht ein entscheidendes Detail übersehen worden wäre:

Angesichts von überteuerten, weil selten wie der Yeti, Rezepturen und alternativ durch Quests wesentlich einfacher zu erwerbenden und qualitativ viel besseren Rüstungsteilen kann das Crafting pauschalisierend als überflüssig wie eine Tankstelle auf dem Mond bezeichnet werden. Nach einem eigens durchgeführten Selbstversuch von 40 Craftingleveln kann der Autor dieser Zeilen mit an Bestimmtheit grenzender Wahrscheinlichkeit behaupten, dass Craften nicht nur den realen Geld- und den ingameschen Goldbeutel entscheidend erleichtert, sondern dass der zugehörige Rohstoffgrind von seinem Horrorpotenzial her allenfalls von einer Haibegegnung vor der australischen Küste getoppt werden könnte.

Rüstungs- und Pferdefärben

Für 50 Cent pro Item darf gemalpinselt werden. Bedenkt man, dass die Rüstung alle paar Level komplett ersetzt wird, so gewinnt die Redewendung „Malen nach Zahlen“ eine ganz neue Bedeutung. Auch der Begriff Privatinsolvenz soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

Hausbau

Als letztes Geldgrab möge der Häuserbau Erwähnung finden. Wobei korrigierender Weise angemerkt sei, dass Häuser in Runes of Magic ausschließlich aus einem Innenraum bestehen und lediglich in ihrem Interieur ausgeschmückt werden können.

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Da staunte Olnigg nicht schlecht, als er herausfand, dass ein einfacher Klick auf den Warenkorb den Item-Kauf bereits abschloss.
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Dieserart Zimmerbau erfolgt durch eine Vielzahl an Einrichtungsgegenständen, die ihrerseits Auswirkungen auf den XP- und andere Zuwächse haben. Sollen sich die Ausgaben für den eigenen Spielkonsum allerdings in vernünftigen Bahnen und weit weg von den Dimensionen eines Ölscheichs bewegen, dann kann man diese Bonuseffekte getrost mit Größenbezeichnungen aus dem Mikrokosmos versehen. Der Zimmerbau taugt somit allenfalls als überteuerte Online-Variante eines Puppenhauses. Wer hingegen die Kurzweil des Spielgeschehens wesentlich entscheidender verbessern will, der gebe bei Amazon.de den Suchbegriff MMORPG ein.

Fazit

Es entzieht sich meiner Erkenntnis, wie sich die Verantwortungsbereiche der Firmen Runemaker Entertainment und Frogster Online Gaming genau definieren. Aber angesichts einer Erwartungshaltung der Konsumenten, die mit dem dargebotenen Shop-Konzept so kompatibel wie auf das Meer hinauspaddelnde Surfer und eine Tsunamiwelle sind, kann man getrost von einer umfassenden Themenverfehlung sprechen. Bei der vorliegenden Preisgestaltung würde selbst ein gewinngeiler Dagobert Duck von Wucher sprechen und vorherzusagen, ob überhaupt und wenn ja, wann hieraus ein kostendeckender Umsatz entstehen wird, hätte selbst einem Vollprofi wie Nostradamus die Schweißperlen auf die Stirn getrieben.

In Anbetracht dieser einzigartigen Mischung aus Runemakers versautem Spielentwurf und Frogsters weltfremder Preisgestaltung kann man zumindest für die nächste Zeit das Thema Micropayment zu den Akten legen. Mögen wir hier nur über zwei kleine Unternehmenslichter reden, so werden die Großen der Branche durchaus auch aus dem vorliegenden Witzkonzept ihre Lehren ziehen Und solange sich niemand findet, der über das notwendige psychologische Fingerspitzengefühl um das alles entscheidende Feintuning von Langzeitbindung und Kaufsuchterzeugung weiß, solange werden wir westliche Endverbraucher uns noch an dem guten alten Abonnementmodell erfreuen und den Eintritt in das dunkle F2P-Zeitalter als weit in der Ferne liegendes Endzeitszenario abtun können.