Was soll offiziell erst in knapp einem Monat erscheinen und kann trotzdem schon heute das Bankkonto belasten? Wessen Screenshots erinnern daran, als hätte zum ersten Mal im Leben ein WoW-Grafiker seine Strichmännchen mithilfe eines Mehrkernprozessors entwerfen dürfen?

Was sieht wie die perfekte Online-Perle aus und was würde man spätestens nach zehn Ingametagen am liebsten wieder in die verantwortliche Muschel zurückstopfen und tief im Meer versenken?

Die Rede ist von Runes of Magic. Runes of Magic aus dem Hause Runemaker Entertainment – das perfekte Lehrstück dafür, wie man dem wirtschaftlichen Erfolg gerade noch rechtzeitig entkommen kann.

Die erste Begegnung mit Runes of Magic überzeugt durch sehr comichaft ausgeführte aber nichtsdestotrotz ernsthaft gezeichnete Charaktere und Landschaften. Im Gegensatz zum MMO-Monopolisten wurden Rundungen weder verteufelt noch das Rüstungsmetall in der Stofflichkeit eines Bettbezuges dargestellt. Die NPCs überraschen durch ihre Darstellungsvielfalt und das Zonendesign bringt seine Natürlichkeit glaubhaft an die Augen des Konsumenten. In Runes of Magic die ersten 10 bis 20 Level zu durchfliegen, heißt eine sehr abwechslungsreiche und beeindruckende Onlinewelt zu erleben.

Olniggs Glosse - Ausgabe 23: Runes of Magic

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Rollenspiel trifft Ballermann.
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Bis dann der Spieler langsam aber stetig aus seinem Traum erwacht und ihm das Sammelsurium von konzeptionellen Anfängerfehlern aufzufallen beginnt. Am Ende steht die Frage, ob die spielende Menschheit sich wirklich im Jahre 12 nach der Erfindung der Massenonlinespiele befindet oder ob in einer bestimmten Softwareschmiede noch immer der destruktiven Denkstruktur von Höhlenbewohnern gehuldigt wird.

Hier die gelungensten Designrohrkrepierer, die einen jeden potenziellen Erfolgsgaranten über die Klippe stürzen lassen:

Her mit dem hodengesteuerten Konsumenten

Will man sich des Massenpublikums erwehren und stattdessen eine kleine triebgesteuerte Community als Zielgruppe bilden, dann empfiehlt sich die wahlweise Darstellung von allen Rüstungsteilen. Wo andere Spiele das Ausblenden von Helmen oder Umhängen als einzige Spieleroption zulassen, da hat Runes of Magic diese Wahl für alle Körperregionen zugelassen.

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In der Regel haben Eisbären rote Nasen.
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Nun bedarf es nur noch einiger Mausklicks und eines luftdominierten Spielerhins und schon wandeln Dutzende spärlich bekleidete Avatare durch die Welt, die durch ihre Wichsvorlagenoptik den Spielspaß der anderen Mitspieler nachhaltig zu beeinträchtigen wissen. Wo Schwerter auf Unterwäsche treffen können, da muss man um des Gamesdesigners Frauenbild nicht lange rätseln. Aber schön, dass die Parks dieser Welt endlich sicherer geworden sind und die Exhibitionisten sich in einem eigenen MMORPG austoben können.

Stockdumm ist noch überqualifiziert

Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Gewinnvermeidung ist die Unterlassung aller Spielinhalte, die auch nur im Ansatz Kombinationsgabe voraussetzen. Sind die Quests auch von Wachkomapatienten und städtischen Freigehegebewohnern zu erfüllen, dann ist die Käuferklientel bestens definiert.

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Die Träger werden erst in Runes of Magic 2 erfunden.
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In einem Spiel, in dem auf der Zentralmap angezeigte Questgeber jeden Notarztwagen in seiner Signalwirkung auf die hinteren Plätze verweisen, und wo dank umfangreichem Ortungsradar die Durchführung derselben Quest weniger mit Spannung und Erfolgserlebnis, sondern vermehrt mit dem signalgesteuerten Schienenverkehr gemein hat, da vermag die vollmundige Ankündigung von über 600 Quests so frohgemut zu stimmen wie dieselbe Anzahl vor der Haustür auf Einlass wartender Kakerlaken. Zumal, wenn das Annehmen und Abliefern eines Gegenstandes bereits der mutigen Tatsache von zwei gelösten Quests entspricht.

Was Runes of Magic hier in Sachen unsäglich einfachem Questgrind abliefert, fordert geradezu eine andere Wortfindung heraus. Man ersetze also das Wort Quest besser durch die Vokabel Isolationsfolter.

Her mit dem Windmühlenmob

Wenn Hunderte von Millionen Soldaten weltweit tagtäglich auf Pappkameraden schießen müssen und jene nur in den seltensten Fällen echtes Fleisch zur kugelgestützten Perforation angeboten bekommen, dann kann das ja so falsch nicht sein, wird sich die Firma Runemaker gedacht haben.

Wer glaubt, mit der Questqualität bereits die EEG-Nulllinien der verantwortlichen Kreativkräfte dokumentiert zu sehen, der sollte einen Blick auf die Künstliche Intelligenz der Monster werfen. Würde man von diesen ein Elektroenzephalogramm erstellen, dann dürften zum ersten Mal in der Geschichte der Medizin nicht einmal mehr horizontale Striche zu erblicken sein, sondern es würde sich das Papier unmittelbar nach Verlassen des Messgerätes selbst strangulieren.

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Bienenstock im Ostereidesign. Baum mit Wespentaille. Held mit Schwertschwertransport.
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Was immer sich die Damen und Herren Programmierer und kopfnickenden Alphatester bei den Verhaltensweisen der Monster gedacht haben mögen, müssen zumindest die Wörter Jahrmarkt und Dosenwerfen eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Den Gipfel bildet allerdings das Balancing der Bossmobs. Wenn es einer vollen Gruppe von Spielern nicht gelingt, einen Bossmob zu erlegen, der mehrere Dutzend Level über dem der Gruppe liegt, dann ist dies ja noch als normal zu bezeichnen. Wenn es aber ebendieser Bossmob seinerseits nicht schafft, diese übermütige Gruppe binnen eines Augenlidschlages in das Nirwana zu stampfen, sondern sich die Kontrahenten nach einem halbstündigen Kampf auf ein Remis einigen, dann kommt der unvoreingenommene Beobachter nicht umhin von der Arzneimittelaufsicht zu fordern, dass Runes of Magic in seiner Eigenschaft als Halluzinogen ab sofort als rezeptpflichtig gekennzeichnet werden muss.

Presslufthammerquest

Sie wissen nicht, was eine Presslufthammerquest ist? Dann haben Sie noch nie Runes of Magic gespielt.

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Questfindung für Dummies.
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Stellen Sie sich vor, Sie erhalten den Auftrag in der nahen Umgebung nach Bienenstöcken zu suchen und aus diesen die überraschenden Questitems namens Honigwaben zu entnehmen. Nun wäre man in jedem anderen Spiel versucht, sich nach dem Abernten des ersten Bienenstocks auf die Suche nach dem nächsten Zielobjekt zu machen. Nicht so in der Welt des gepixelten Wahnsinns. Wer über 30 Sekunden Wartezeit verfügt, der kann sich die weitere Schuhsohlenabnutzung sparen und an eben derselben Stelle auch die restlichen Zielobjekte abgreifen.

Sie fragen sich, ob die Assoziation mit einem Presslufthammer darin begründet liegt, dass man in sehr schneller Folge an derselben Stelle auf ein Stückchen Welt einklickt? Falsch.

Presslufthammerquest heißt es deshalb, weil nach einer Stunde dieserart Onlinespiel Ihre geistige Flexibilität ebenso nachhaltig zerstört wurde wie ein Asphaltboden, der ebenso lang Opfer eines automatischen Meißels geworden ist.

Fußgängerzonen

Um die folgende Avatarquälerei zu verstehen seien zwei Tatsachen vorangestellt. Als Erstes sollte man dem Wikipediabeitrag über Taiwan einen Besuch abstatten. Dort ist zu lesen, dass dieser Staat mit 633 Einwohnern pro Quadratkilometer die zweithöchste Bevölkerungsdichte weltweit besitzt.

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Wo Fieberwahn die Namensgebung steuert.
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Als Zweites nehme man die Tatsache, dass die Firma Runemaker in Taiwan ansässig ist. Was geschieht nun, wenn man Menschen, die es gewohnt sind aus Platzmangel im Stehen zu schlafen, die Gelegenheit gibt, ihre eigene Fantasiewelt zu entwerfen? Was sind dann für Zonen zu erwarten? Wird der Spieler auf endlos erscheinende Prärien und weitläufige Ebenen treffen? Oder ist eher der ungesellige Körperkontakt überfüllter U-Bahnen Programm? Wird man sich in entspannender Einsamkeit an das geruhsam grasende Pfeilziel anpirschen können oder eher darüber fluchen, weil das soeben respawnte Monster nach einer Lebenszeit von immerhin zwei Sekunden vom nächsten Mitspieler einen Tick früher erblickt und erlegt worden ist?

Doch keine Sorge. Die mit der Zeit sehr übersichtlich gewordene Nachfrage nach Neuaccounts dürfte für eine nachhaltige Befriedung ehemals überfüllter Fußgängerzonen sorgen. Außerdem gibt es da noch die Instanzierung aller Gebiete. Wobei hier allerdings zu beachten ist, dass der Zeitpunkt der Zuschaltung einer weiteren Instanz viel mit der oben erwähnten U-Bahn gemein hat. So dürfte so manche westliche Fahrdienstleitung bereits bei der Belegung aller Sitzplätze den Einsatz zusätzlicher Zuggarnituren anfordern. In fernöstlich gelegenen Ländern könnten die Entscheidungsträger dies allerdings noch lange nicht als Grund zum Handlungsbedarf ansehen, wo doch auf den Wagondächern noch genug Platz zu finden ist.

Karriereachterbahn statt -leiter

Wer leveln will, der benötigt Erfahrung, so auch in Runes of Magic. Interessant und gewöhnungsbedürftig ist hierbei die über die Level hinweg recht gewürfelt anmutende Zuteilung des XP-Zuwachses. So ist es erstmals einem Hersteller gelungen, die Levelkurve nicht im Sinne ihres Wortes auszuarbeiten, sondern ihr das Aussehen eines in alle Himmelsrichtungen ausschlagenden Seismografen zum Zeitpunkt eines weltumspannenden Erdbebens zu verleihen. Dies liegt in der sehr unterschiedlichen Verfügbarkeit von Quests begründet.

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Wenn der Schlagschatten wirklich einen Schlag hat.
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Gerade in den höheren Leveln ist an einen Stufenanstieg durch Monstergrind nur noch zu denken, wenn man eine intensive Abhärtung durch eine jahrelange Berufstätigkeit in einem Steinbruch hinter sich hat. Wer sich also den Massenmord an Tausenden von Mobs ersparen will, der greift bevorzugt zu den Quests inklusive ihren noch pervers einfacheren Ablegern, den Tagesquests. Nur Schade, dass eben diese Quests nicht in allen Leveln mengenmäßig gleich verfügbar sind, und so bieten gerade die Zeiten der Questarmut dem Spieler viel Gelegenheit, sich über einen Wechsel zu einem alternativen Onlineprodukt Gedanken zu machen.

Und jetzt nehme man das eben Gelesene und multipliziere es mal Zwei. Mal Zwei deshalb, weil Runes of Magic das einmalige Erlebnis bietet, einen Charakter in zwei verschiedenen Klassen leveln zu lassen. Trotzdem für das Ausleveln dieser zweiten Klasse ein paar halbherzig vollendete Parallelzonen zur Verfügung stehen, dürfte ein Spieler angesichts der bevorstehenden Stupidität erahnen können, was in Amerika ein verurteilter Straftäter empfindet, wenn er als Richterspruch das Urteil „zweimal lebenslänglich“ vernimmt.

Lootterie

Wer schon immer einmal mit seherischen Fähigkeiten glänzen und Wahrsager werden wollte, der ergrinde sich seine Berufsausbildung durch die NPC-Horden. Gerade im Rahmen der Tagesquests wird man alsbald die sehr übersichtlichen bis nicht vorhandenen Loottabellen der Gegner auswendig kennen.

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Liebe macht schief.
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Und wer bislang meinte, der afrikanischen Zentralwüste einen Vorwurf bezüglich einer im Übermaß dargebotenen Monotonie machen zu können, der hat noch keine hundert Mobbegegnungen in Runes of Magic hinter sich gebracht. Wie langweilig mögen die persönlichen Lebensläufe der Angestellten eines Unternehmens sein, wenn ihnen als Gipfel der Dropvarianz ein einziges grünes Item genügt. Es würde dem Glossenschreiber nicht verwunderlich erscheinen, wenn die Firma Runemaker ihren Mitarbeiterstab komplett aus den asketisch-anspruchslosen Kreisen konfuzianischer Klöster rekrutiert hat.

Fazit

Was für ein genialer Spielansatz und wie noch genialer wurde er versaut – Langzeitmotivation auf dem Niveau einer Ozeantrockenlegung.

Ich mag mich bis heute für alles andere als einen Rassisten gehalten haben, aber schön langsam bröckelt meine diesbezügliche Selbstsicherheit. Was dieses Sardinenbüchsenvolk da auf dem Globus rechts unten aus der zart wachsenden Onlineknospe Runes of Magic gemacht hat, grenzt schon sehr an geistige Umweltverschmutzung. Mir kann keiner erzählen, dass im Rahmen der Entstehung auch nur einer der Verantwortlichen ein wenig über seinen Tellerrand geblickt und sich schlau gemacht hat, was ein Onlinespiel ausmacht. Hier sind die Spieldesigner nach Schichtende entweder regelmäßig vor dem Spielautomaten oder im Rotlichtmilieu versauert, aber wie man Bits und Bytes dauerhaft Leben einhaucht, davon haben sie so viel Ahnung wie ein Maulwurf vom Gerüstbau.

Dabei wäre es so einfach gewesen, das Ruder herumzureißen, wenn den Quests mehr Fantasie und weniger Dilettantismus gegönnt worden wäre. Itemvielfalt hätte nicht nur am lebendigen Körper, sondern auch beim erschlagenen Gegenüber eine Rolle spielen sollen. Und last not least kann ich mir nicht vorstellen, dass eine auf die doppelte oder vierfache Größe gestreckte Oberwelt den Etat zum Einsturz gebracht hätte. Leider war dies alles nicht der Fall und sowohl Alpha- als auch Closed-Beta-Tester wurden entweder geflissentlich überhört oder es handelte sich bei ihnen um chinesische Wanderarbeiter, die ihren Arbeitgeber nicht durch Widerworte in Missstimmung versetzen wollten.

Doch etwas Gutes muss man dieser öffentlich zelebrierten Selbstvernichtung von Investitionskapital zugute halten. Zum ersten Mal seit langer Zeit ist nicht die Finanzkrise an allem schuld, sondern lediglich die ganz profane Branchenunkenntnis. Wie schön, dass gute alte Traditionen auch in diesen Zeiten noch gepflegt werden.

Und nächste Woche erzähle ich Ihnen etwas über einen Item-Shop, die Firma Frogster und warum die Firma Runemaker Entertainment nur Platz Zwei der Versager-Top-Ten belegt.