Wie allseits bekannt wird das bundesdeutsche Stimmvieh in Form von uns allen dieses Jahr gleich mindestens zweimal zu den Wahlurnen gerufen werden. Sowohl auf bundesdeutscher als auch europäischer Ebene sind wir 2009 dazu aufgefordert, unsere Meinung kundzutun, wer fortan in den Genuss der überhöhten Diäten kommen soll und versorgungstechnisch bis zu seinem Lebensende ausgesorgt haben wird. Könnte es die vorliegende Kolumne wagen, diese Thematik gänzlich außer Acht zu lassen und sich diesbezüglich jeglichen Kommentars verkneifen?
Ich denke nein!
Hier und heute also Olniggs persönliche Wahlempfehlung.

Die Wahl 2009

(Nachträglich eingefügt von Olnigg:
Lieber korrekturlesender Chefredakteur,
dieses Intro war doch nur ein Scherz! Wie konnte ich denn ahnen, dass meine Ankündigung bei Ihren Herzmuskeln panisches Fluchtgebaren in alle Himmelsrichtungen auslösen würde? Keine Sorge, ich wollte hier niemals wirkliche Parteipolitik betreiben, sondern lediglich eine amüsante Parallelität zu Wahlmöglichkeiten der Computerspielneuerscheinungen 2009 ziehen. Mein Beileid übrigens, dass es ausgerechnet die Kilojoule gestählte Frau Eusebia von der Essensausgabe war, von der Sie wiederbelebt worden sind. Aber ich denke, für die moderne Medizin dürfte heutzutage selbst ein ganzer Brustkorb voller zu Staub gemahlener Rippen keinerlei Problem mehr darstellen.
Gute Besserung)

Als unumstrittenes erstes Wahlhighlight des diesjährigen Offlinemarktes ist der „Die Sims 3“ Release zu nennen. Doch weniger der Inhalt und die Neuerungen dieser immer perfekter werdenden Ersatzlebenssimulation für Realversager rücken in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, sondern die Präsentation durch das damit Umsatz anstrebende Unternehmen. Hat doch gerade die Firma Electronic Arts mit ihrem orwellschen Freischaltungsgebaren von Spore bewiesen, dass man nicht nur mit fehlender Produktqualität, sondern weit effektiver durch Kunden vorverurteilende Unternehmenspolitik die eigenen Kassen zum Gähnen bringen kann. Man darf gespannt sein, ob die EA-Führungskräfte am Ende des Jahres die Finanzkrise oder den mündig gewordenen Sims-3-Wähler als Ursache ihres Karriereendes ausmachen werden.

Der Onlinebereich wird 2009 gänzlich unter einem koreanischen Wahlprogramm stehen. Mit Aion als grafisch opulente Ersatzdroge für eine psychedelisch angehauchte Spielerklientel werden die traditionellen WoW-Klötzchenanhänger fortan noch tiefer in den postnatalen Zielgruppenbereich abgedrängt werden. Sowohl die umfangreiche Charaktergenerierung von Aion als auch das einmalig stimmungsvolle Zonendesign dürften das atmende Pressematerial über sehr lange Zeit hinweg zu Vorschusslorbeeren hinreißen lassen.

Frühestens im Laufe des nächsten Jahres kann mit dem ersten zaghaft-kritisch nachfragenden Zeitungsredakteur gerechnet werden, der die Strapazierfähigkeit seiner Fantasie durch mit Engelsflügeln geführte Spielerluftkämpfe ähnlich umfangreich torpediert sieht wie von der Vorstellung einer Ratatouille zubereitenden Kanalratte.

Die Wahlempfehlung

Und während die WoW-Anhängerschaft um die diesjährige Addon-Farbe rätselt (Mein Tipp: Rot oder Gelb oder Lila oder alles zusammen und niemals dieses Jahr), wird ein sehr alter Bekannter mit einer Zwei im Gesicht die Bühne betreten. Arenanet wird den „Guild Wars“-Nachfolger präsentieren und ganz entgegen dem Trend zur mikroskopischen Dauerzahlung wird der Klassiker mit alten Tugenden wie der Umsonstigkeit glänzen.

Selbstverständlich wird der Maxlevel sensationell und völlig überraschend auf 21 erhöht werden. Nur schade, dass wieder einmal ein Hersteller viel zu geheimniskrämerisch und ohne Anhörung der Fanschaft sein Produkt entwickelt haben wird und am Ende entweder der Käufervolltreffer oder viel wahrscheinlicher die übliche innovationsüberfrachtete Fehlentwicklung inklusive Untergang mit fliegenden Fahnen stehen wird.

Allerdings wird für Mitleid keine Zeit bleiben, da das Fachpublikum parallel hierzu erst mühsam der durch Stargate Worlds verursachten Lachkrämpfe wieder Herr werden muss. Zu verwirrend und nichtssagend wird das Endprodukt in Form eines Shooters mit x-beliebig auswechselbarem Produktnamen sein. Doch wenn sich schon Kugeln nicht durch ihr Umfeld stören lassen, warum sollte dann ein Fernsehjunkie und Serientäter kritischer sein? Stargate Worlds wird alleine aus Gründen des Markennamens garantiert seine Wähler finden. Und außerdem wird am Ende wenigstens der Verbleib des Tabula Rasa Source Codes geklärt sein.

Doch wozu spekulieren, was in des Wählers Gunst ganz vorne liegen wird, wenn der Wahlsieger in Form der neuen alten Volkspartei ohnehin schon feststeht? Einzig der zukünftige Name dieser an sozialistische Wahlmanipulationen erinnernden und jegliche Opposition unterdrückenden Einheitspartei ist noch ungewiss. Während überzeugte Altkadermitglieder von dem Wort Starcraft ausgehen, träumen die unverbesserlich Ungläubigen von einem Diablo im Parteinamen.

Zusammenfassend kann dem Wähler 2009 somit attestiert werden, dass ihm sowohl auf bundespolitischer wie auf unterhaltungstechnischer Ebene alles andere als ein Strauß von interessanten Alternativen zur Verfügung stehen wird. Die effektiven Auswirkungen seiner individuellen Wahlentscheidung auf den weiteren Lebensweg werden sich allenfalls um Nuancen, aber niemals um Dimensionen spüren lassen.

Wesentlich ungewisser und horrororientierter erscheint die Zukunft hingegen unter Zurechnung der möglichen Auswirkungen einer sich weiter verschärfenden Finanzkrise. Wer hier im Spielesektor freiwillig ähnlichem Wahnsinn begegnen und gleichrangige Existenzrückschläge erleiden will, dem bleibt in Sachen Produktkauf eigentlich nur eine einzige Wahl: Er muss bis Weihnachten abwarten und dann zu Gothic 4 greifen.