Kennen Sie den Kölner Aufruf? Nein? Dann werden wir das jetzt ändern.
Der Kölner Aufruf ist eine im Dezember 2008 gestartete Unterschriftensammlung, in denen die Unterzeichner der Sorge Ausdruck verleihen, dass die in Computerspielen erlebte Gewalt den Jugendlichen seelisch schaden könnte. Jetzt werden Sie sagen „Warum störst du Arsch mich beim Dauermetzeln? Diese Vorwürfe kommen doch so regelmäßig vor wie die Sicherheitslücken in Betriebssystemen.“ Doch leider ist dem nicht so, da der Kölner Aufruf in Sachen Ursachenforschung völlig neubizarre Wege geht.

Das Erste, was beim K.A. (nicht keine Ahnung sondern Kölner Aufruf) auffällt, ist sein Letztes in Form der Erstunterzeichner, die ihren Schwerpunkt aus der Masse akademischer Würdenträgern rekrutiert. Hier finden sich die üblichen Verdächtigen der Unsere-Forschungsarbeit-ist-die-einzig-Wahre-Verfechter gekrönt von unser aller obersten Sittenwächter Prof. Dr. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Ein Schelm, wer sich angesichts dieser Professorenschwemme an die Folgezeit der „68er“ zurückerinnert, in der das Gros der damals an den Universitäten Studierenden das Recht zum umfassenden Drogenmissbrauch als gesellschaftspolitisches Emanzipationsgebaren einforderte.

Doch zurück zum Recht auf Fehler unserer heutigen Jugend, die gemäß dem K.A. von 5- bis zu 25-Jährigen pauschalisierend in einen Topf geworfen werden darf. Der interessante und sehr neue Grundtenor ist die unterstellte Verknüpfung von Killerspielen und Armee. So sei das alleinige Ziel der Killerspielverbreitung die vorausschauende Konditionierung der Jugend auf den Militärbeitritt und der anschließenden Zivilisten und ab und zu Soldatenschlachterei. Ein sehr gewagte These in Anbetracht der Tatsache, dass in Deutschland den kumuliert 8 Millionen Kriegsdienstleistenden über 3 Millionen anerkannte Kriegsdienstverweigerer entgegenstehen. Was ist hierzulande nur falsch gelaufen? Haben fast 40 Prozent der Jungs etwa zeitlebens mit Puppen gespielt? Und warum hat man als zusätzlichen Schuldigen nicht die böse mediale Beeinflussung durch kriegstreiberische Elemente in den Landesrundfunkanstalten und deren regelmäßigen Nachrichtenbeiträge mit Anzahlnennung und Detaildarstellung von Kriegsopfern miterwähnt?

Neben der Anwerbung von übrigens freiwillig das eigene Überleben unterordnendem Menschenmaterial für unsere Hindukuschambitionen sieht der K.A. noch weitere Gründe für die Massenverbreitung von Killersoftware: Die finanzielle Gier der Spieleindustrie, die finanzielle Förderung durch die Bundesregierung und der Schaffung entsprechender Hochschulstudiengängen, welche der Erstellung weiterer Meuchelmörderbytes Vorschub leisten.
Zu Zeiten, in denen in Folge der Unersättlichkeit internationaler Bankenchefs und nimmersatter Provisionsjunkies die Anzahl der sicheren Arbeitsplätze so rasch schmilzt wie ein Iglu nach seiner Errichtung an einem Karibikstrand, werden den wenigen noch boomenden Industriezweigen plötzlich ihre marktstabilisierenden Umsatzziele vorgeworfen.
Doch es kommt noch besser.

Pfeiffersches Drüsenfieber

Wussten Sie eigentlich, dass in Deutschland die Herstellung und Anwendung von Antipersonenminen seit 1998 verboten ist, was aber nicht für Antifahrzeugminen gilt?
Wo bleibt die Gebildetenoffensive in Form des Wanne-Eickel Aufrufs zur Ächtung Schulbus zerfetzender Tellerminen aus bundesdeutscher Produktion? Traut man sich denn nur auf lobbyarme Bereiche einzutreten, wo doch EADS & Co die Hochschulen mit nicht minder real brutalen Forschungsarbeiten am Leben erhalten? Wieso stehen all die anderen naturwissenschaftlichen Studiengänge, welche den erfolgreichen Absolventen in die Lage versetzen, durch den Export von Kampfpanzern und U-Booten einen kleinen Beitrag gegen die Überbevölkerung dieses Planeten zu leisten, auf der Yes-we-must-Agenda weiterhin ganz oben?

Den Höhepunkt der Scheinheiligkeit bildet der summierende Abschlussabatz des K.A. Nicht die Eltern seien verantwortlich für des Nachwuchses Fehlentwicklung, sondern immer die Anderen. Wer kann auch von einem Erwachsenen verlangen, gegen seine Zöglinge aufzubegehren und den PC mit einem Hardwarepasswort zu versehen? Wo doch jeder weiß, dass heutzutage ein 5-Jähriger jedem Bundeswehreinzelkämpfer das Fürchten lehrt und er seine Eltern beim geringsten Anzeichens von Widerspruch mit Freude vierteilen würde. Dann doch lieber das Bähzeug bereits in der Entstehung bekämpfen und das Wort Verantwortungsabschiebung gesellschaftsfähig machen.

Schuld sind immer die Anderen und die Fehlerlosigkeit ist wie stets ein Faktum des Bewertenden. Eine differenzierte Betrachtungsweise war seit jeher das störendste Element einer agitatorischen Hetzkampagne. Asoziale Eltern dieser Welt, freut euch, denn heute seid ihr von der Bildungselite selig gesprochen worden.

Das zumindest vorletzte Wort sei dem eingangs erwähnten Herrn Prof. Dr. Pfeiffer zugestanden. Auf die Frage eines Golem.de-Mitarbeiters, warum er den K.A. mitunterzeichnet habe, musste der Leser folgende Antwort über sich ergehen lassen:

(Zitat Herr Prof. Dr. Pfeiffer) „Da geht es um die internationale Spieleindustrie. Die amerikanische Armee setzt Spiele gezielt im Training ein. Ich vermute aber nicht, dass es in Deutschland irgendeine Verbindung der Computerspieleindustrie zur Bundeswehr gibt. Nicht jedes Wort in diesem „Kölner Aufruf“ finde ich richtig. Die Eltern werden darin in meinen Augen zu sehr entlastet. Aber es war mir nicht möglich, mit meinen Bedenken durchzudringen. Da ich dem Text im Großen und Ganzen zustimmte, habe ich ihn unterzeichnet.“

Selbst ein dauerkillender Hauptschüler hat mit der Unterzeichnung seines ersten Mofa-Kaufvertrages gelernt, dass Schriftstücke nur dann zu unterschreiben sind, wenn man deren Inhalt vorbehaltlos zustimmen kann. Wenn sich aber nun eine akademisch gebildete Respektsperson dazu hinreißen lässt, einem Text zuzustimmen, dessen Aussage er zur geschätzten Hälfte widerspricht, dann komme ich nicht umhin, den geistesreinigen Konsum von Ego Shootern als neues Grundschulpflichtfach einzufordern.